Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1846)
- Date
- 1846-11-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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379 begrüßten. Ist die dritte Rabbinerversammlung diesem ihrem Prinzip treu geblieben? Leider muß mit Nein! geantwortet werden. Sie hatte nur den Gesammtfort sch ritt im Auge uud hat den partikulären gänzlich außer Acht gelassen, sie hat, um jenen desto sicherer durchzusetzen, ihr höheres Bewußtsein, an welchem dieser sich erheben sollte, verschwiegen, ja zum Theil verleugnet. In der dritten Rabbinerversammlung wurde cs nicht klar, daß man den isolirrcn unorganischen Gesammtforkschrilt nur als Abschlagszahlung hinnehmen und sich nicht eher beruhigt und befriedigt fühlen wolle, bis die ganze Schuld abgetragen sein wird, sondern man sprach dem, was nach ihrer Redeweise religiöse Lebensfähigkeit im Bewußtsein der Gemeinden hat, alles Ernstes absolut religiöse Geltung zu, man hielt sich nicht für berechtigt, gegen einen solchen Zustand, so lange er faktisch dauert, anzukämpfen. Dadurch ist die Rabbiner-Versammlung von ihrer prinzipiellen Höbe zu dem niedrigen Standpunkte Frankels herabgestiegen, dem das Glaubensbewußtsein der Gemeinde religiöse Norm ist und muß ganz konsequent ihre glänzendeste Tbat darin erblicken, die Theologenversammlung gesprengt, d. h. überflüssig gemacht zu haben, oder mit andern Worten, diejenige Fraktion in der Rabbinerversammlung, welche eine unendliche Entwickelung des höbcrn Princips, eine gänzliche Befreiung der Religion von allem äußerlichen Ceremoniendienst urgirt, die bis jetzt in den wichtiger« Fragen in der Majorität war, ist zur gemäßigter», die zu rcpräsentiren College Stein in Gemeinschaft mit S. Adler die Ehre hatten, übergegangen, welche wider das zu streiten oder sich unumwunden ansznsprechen, was noch religiöse Lebensfähigkeit im Glaubensbewußtsein eines Tbeils der Gemeinde hat, für Frevel halten. Äon der Höhe des Princips der frühern Versammlungen aus angesehen, ist dieses Berufen auf die religiöse Lebensfähigkeit ein großer Jrrthum, da von dieser nur dann die Rede sein kann, wo es den Gesa mm tfor t schritt, nicht aber wo es die Anssprache eines höher» Bewußtseins gilt, zu welchen die Gemeinden sich noch nicht erhoben, welches aber die Rabbinen einmal haben und weil sie es faktisch besitzen, es so gut wie die Gemeinden das ihrige haben dürfen. Nach diesem höbern Bewußtsein ist jene religiöse Lebensfähigkeit zwar eine factische aber eine auf Jrrthum und Unwahrheit beruhende und deßhalb eine unsittliche, welches ich ganz besonders dem geehrten Collegen Stein zu bedenken gebe. Es wäre schädlicher Frevel, Jemanden in einer solchen, auch auf Jrrthum beruhenden , Ueberzeugung auch durch Gewalt oder Verhöhnung stören zu wollen, aber eben so sehr ist es Pflicht, gegen dieselbe mit den redlichen Waffen der Ueberzeugung anzukämpfen, und sollte es nicht gestattet sein, gegen eine religiöse Lebensfähigkeit solcher Art zu streiten und sie als Zrrtbum zu erklären, so müßten wir vor Allem das Predigtamt nicderlegen, da wir fortwährend gegen Jrrthnm und Aberglauben ankämpfett, die mit ihrer Lebensfähigkeit auch ihre Lebenoberechtigung beurkunden. Ich ehre Steins wahre Frömmigkeit, ich schätze seine edle Gesinnung, seine ungeheuchelte Pietät gegen das jüdische Mittelalter, ich achte auch seine wissenschaftliche Ueberzeugung, aber ich theile sie nicht, diese letztere, und so sehr diese in seinem Gemüthe eine starke und zähe Lebensfähigkeit besitzt, so halte ich mich doch für berechtigt, sie mit Gründen zu bekämpfen. Stein ist m einem großen Jrrthnm befangen, wenn er glaubt, eine Rabbinerversammlung dürfe nicht gegen das sich aussprechen, was im Bewußtsein eines großen oder größten Tbeils der Gemeinde als eine religiöse Wahrheit lebt und wirkt, man sündige dadurch, meint er, gegen die der religiösen Gesammtüberzeugung schuldigen Ehrfurcht rc. Ich bin der Meinung, daß wir nach Gottähnlichtcit streben müssen und daß Gott, indem er der Menschheit eine Offenbarung gegeben, dadurch ihrem Religions-Bewußtsein entschieden entgegengetreten sei. Zwar haben wir keine solche Gewißheit, daß unsere Ansicht die Wahrheit sei, aber wir sind einmal auf die Quelle unseres Bewußlseins angewiesen, da selbst die Schrift durch den Menschengcist erst erfaßt, erklärt und verstanden wird, ms? rrnnn n:n: kV sagt ja schon der Talmud. Wo hat noch je die Wahrheit als sie ins Leben trat, nicht das allgemeine Bewußtsein gegen sich gehabt! Stein scheidet zwar zwischen Talmud und Bibel, wie S. Adler zwischen achter und unächter Tradition; allein solche Scheidungen beruhen auf einer Willkuhr, da nicht die Bibel als solche, sondern dietalmudische interpretirte Bibel und nicht die ächte, sondern vielmehr die unächte Tradition im Volksbewußtsein lebt. Steins Hauptirrthum besteht darin, daß er verwechselt das, was als ein Religiöses im Gemutbe lebt, mit dem, was als ein Religiöses darin leben soll. Nachdem ich