Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1846)
- Date
- 1846-11-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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370 -u erwähnen, theile ich Ihnen mit, daß unwissende, orthodox sein wollende Juden. ganz ruhig am Sabbath ihren Kindern das Turnen (gewiß höchst löblich) wo sie außer der verbotenen nDiny’DS am Sabbath, noch andere unserm Schulchan Aruch zufolge verpönte Handlungen verrichten, gestatten, erheben aber ein fürchterliches zelotisches Geschrei, wenn der Professor am Sabbath die schriftliche Arbeit fordert. Heißt dieß nicht die heilige Religion lächerlich machen, und vorsätzlich n"n bereiten? Dieser Zustand ist aber ein ganz natürlicher. Denn Schulen weder im polnischen noch deutschen Style, wo das Jsraelitenthum gelehrt würde, findet man eigentlich in ganz Schlesien nicht. Mit einigen eifrigen Lehrern Qberschlesiens, die concessionirte Schulen und genügende Fähigkeit haben, machte ich auf meiner Reise Bekanntschaft; doch ist ihr Einfluß ein höchst beschränkter. Einmal verläßt die Zugend frühzeitig diese Anstalten, um dem Gymnasium zuzuströmen; dann aber ist selbst ein konzefsionirter Lehrer nicht frei in seiner Anstalt. Der Haudelsgeist der Juden dringt bis in die Schule. Selten lassen die Gemeinde - Vorstände die pekuniäre Seite der Schule außer Acht, wodurch sie einen gewissen Einfluß sich vergew.siern; wiewohl in ganz Schlesien nur ein angestellter Lehrer existirt, und die übrigen 8 Schulen konzessionirte, mithin ein wohlerworbenes Eigenthum der betreffenden Lehrer seien, ohne daß in Schlesien gar keine israelitische Schule wäre, so müssen die armen Schulmeister dennoch wollen oder nicht wollen, sich dem Willen Unberufener fügen, wenn sie nicht kinderlos bleiben wollen. Gr. Skrehlitz eine höchst unbedeutende Gemeinde Nieverschlesiens, aller Gemeinde-Insignien baar, hat wirklich der Provinz das großartige fromme Beispiel gegeben und ihren Lehrer, einen eifrigen Schulmann blos deßwcgen durch Entziehung ihrer Kinder verdrängt; weil er seine Gemeinde vor ,>n)n ^DQ THK, und seine Rechte wahren wollte. So wächst nun eine Generation heran, die vom Leben und vom Aberglauben zugleich beherrscht wird, und cs gestaltet sich darum in ihrem Kopfe und Herzen ein wahres Monstrum von Religion. Dazu noch sind die schlesischen Gemeinden, die ich kennen gelernt, sehr klein, 40 bis 50 Familien bilden schon eine große Gemeinde, und jede dieser Familien huldigt einem eigenthümlichen Aberglauben. Nur die eigene Uebcrzeugung vergewisserte mich dessen was ich in Krakau nicht glauben mochte, daß schlesische Gemeinden ihre Landeskindcr, die regelmäßige Studien gemacht, talmudisches Wissen sich angeeignet, und der Wissenschaft überhaupt wie der Judenheit insbesondere Ehre machen nicht zu Rabbinea wählen, sondern aus dem Oesterreichischen ihre Rabbincn beziehen. So hat Tarnowitz einen gewesenen Nickolsburger Bachur zum Rabbinen gewählt, und Gleiwitzdem löblichen Beispiele folgend, wählte den Rabbiner Neuda zu Loschütz in Mähren. Es ist nicht in Abrede zu stellen, daß die Halbheiten der Gemeinden auch unentschiedene hinkende Religionslehrer bedürfen, und darum derartige Subjekte, aus dem Auslande bezogen werden müssen; indem classssch gebildete junge Männer schwerlich sich der Heuchelei widmen dürften. Herr Neuda hat übrigens in jüngster Zeit einen Band Predigten unter dem Titel Vl “öl NttfQ erscheinen lassen, und ist es possirlich mitanzuhören, wie die Gleiwitzer auf dieses große Werk pochen, es als untrüglichen Maßstab seines Wissens ansehen, während es im Grunde nur einige romantische Predigten mit wunderlichen Verdrehungen einiger Talmudftcllen enthält. Von den Rabbinats-Candidaten, die ich während meiner Anwesenheit in Breslau kennen gelernt, verdienen in fernen Kreisen bekannt zu werden, die Candidaten Herren Grätz, Friedmann und Golvstein. Ersterer ist wegen seiner religiösen Verirrung höchst bedauernswürdig, und könnte bei seinen Fähigkeiten, wenn derselbe weniger Ehrsucht und mehr praktische Einsicht für die Forderungen der Gegenwart besäße, ihr nützen. Jedenfalls aber ist derselbe schon wegen seiner Unentschiedenheit den jetzigen preußischen Gemeinden zn empfehlen; da er mit derselben doch wenigstens Wissen vereinigt. Die Herren F. und G., beide gediegene Charaktere und von gediegenem W ffen, offen und sich so wie sie sind Jedem zeigend, dürften aber deßwcgen schwierig zu einem rabbinischen Amte in Schlesien gelangen. Sehr ergötzlich und unterhaltend ist es, wenn man auf den vaggon8 t>ie Urtheile über die BreslauerKandidaten hört. Menschen, die von Judenthum und Wissenschaft nur so viel wissen, daß beide auf Gottes Erde vorhanden, fällen die beliebigsten Urtheile über Jünglinge, die ihr ganzes Leben der Wissenschaft mit dem günstigsten Erfolge gewidmet, sprechen ihnen Religiosität, Talmud, Wissen und was man will, ab. Der kleinliche Ausspruch in der großen Synagoge zu Prosuitz vom größten mährischen Rabbiner, Hrn. B. Fasscl, „Reis und Hülsenftüchte find am Pesach erlaubte Speisen" (Prag. M. Landau) kann Sie von der Würdigkeit mährischer Rabbinen für Deutschland genügend überzeugen, und kann ich nicht nur dieses Kuchen- Produkt allen Köchinnen, sonrern auch allen schlesischen Gemeinden empfehlen. Ersteren ans ganz einfachem Grunde, aber auch Letzteren kann es dienlich sein. Sie mögen sehen, welcher Geist die Rabbiner Mährens beseelt, und was von solchen kleinlichen Küchen-Reformatoren für sie zu erwarten ist. (Schluß folgt.) Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.