Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 46 (15.11.1846)
- Date
- 1846-11-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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300 Früchte brächte. Freilich gehört zur Realisirung dieser Idee Connaiffance der Großen und Geldmittel, die aber beide deutschen Genossenschaften, namentlich der reso. Berliner nicht mangeln dürften. Vorzüglich müßte in diesen Erziehungshäuscrn auf die Bildung des Körpers gesehen, diese fast mehr als die des Geistes, angestrcbt, durch Abhärtung und mannigfache körperliche Uebung, eine kerngesunde Jugend hcrangebildet werden, die während ihres Aufenthalts in den Erziehungshänsern, alle Keime des wahrhaft Guten und Nützlichen in sich ausgenommen, und die nach ihrer Entlassung aus denselben nützlicher Thätigkeit: dem Landbau und Handwerk sich widmet, wozu ihnen aber wiederum Gelegenheit geboten werden müßte, und nur wirklichen Gcnie's sollte das fernere Studiren gestattet sein. Nur auf diese Weise könnte uns und der von uns so hart heimgesuchten Menschheit wahrhaft geholfen, wenigstens würde die Masse einst sich ihres Menschthums bewußt werden. Die planlosen Almosen, die das geplagte Deutschland den Polen uoleas volens zukommen läßt, nützen nicht nur, sondern find Beiden, den Spendern und den Gespendeten höchst nachtheilig. Erstere unterhalten eine förmliche Betcr-Heranbildungsanstalt, und letztere führen ihr zahlreiche Iüngrrschaaren zu, und so wird unser Elend hier zu Lande verewigt. Mnn muß an Polen grenzende Orte Deutschlands besuchen, um diese schreckliche Wahrheit zu würdigen. Hier kann nur eine Umgestaltung der Basis unsers elendes Aberglaubens in wirkliches Jsraelitenthum durch Schulen und planvolle pekuniäre Hülfe nützen und fruchten IPDiVI pN “nONn ri'3D -pnc bewährt sich bei uns gewiß, und können wir unmöglich uns selbst helfen. Die Hülfe muß uns von Außen werden, wenn nicht in unserer wunderleeren Zeit Wunder einträten — was wir trotz unsers Aberglaubens nicht erwarten. Vom ganzen Elavenlande dürfte aber kein Theil zum Beginne der Realisirung dieses Planes so geeignet fein, als eben unser Freistaat Krakau. Theils, weil das jüdische Elend hier noch Grenzen hat, theils aber auch, weil hier bereits Elemente sich vorfinden, die bei einer planvollen Verarbeitung und Benutzung nur Ersprießliches erstreben würden; gewiß aber findet ein solches Unternehmen hierorts die eifrigste Förderung unserer Würdigen, deren wir uns erfreuen. Unser Senat ist, wie Sie wissen, von den menschenfreundlichsten Absichten gegen uns durchdrungen, und nur der zelotische Aberglaube vereitelt diese und macht sie wirkungslos. Welches Zetergeschrei ist hier nicht unter unserm Plebse erhoben worden, als jene 2 heilsamen Gesetze: die Trachtänderung und die besonnene Ehebegründung, von unserm väterlichen Senate proklamirt wurden! Aber nicht nur der jüdische Plebs, der im Kaftan und Spodek heil'ge Reliquien der Vätertracht sieht, sondern auch unsere geistigen Repräsentanten, unser Bes-Din mit dem Banquier Rabbiner Hrn. Meisel an der Spitze, sahen in jenen so heilsamen Verordnungen, die wenigstens einen Theil unseres Elends versiegen konnten, Eingriffe in die heiligsten Interessen der Judenheit und protestirten dagegen. Anstatt mit gutem Beii'pi le der verblendeten Masse voranzugehen, wurde ihr thörichter Wahn noch von itznen unterstützt. Von jener Reise nach Berlin, um da mit dem slavischen Messias der Juden, dem englischen Sir. Rücksprache zu nehmen, wie von ihrer Erfolglosigkeit, Beides hat schon der Israelit berichtet. Man bedauert hier sehr die Reisekosten, die freilich unsere schreckliche Noch, welche durch die vorjährige Revolution ih. ren Höhepunkt erreicht, nur um ein geringes gemildert haben würde; allein doch immer um Etwas. Aide-toi, le ciel t’aidera, bewährt sich gewiß nirgends so, als in der Judenheit. Selbst der liebe Gott hat mit der ein eigenthiimliches Geschick. Durch Aberglaube vererbt von einer Generation der andern, und der schon, der zartesten Jugend durch Gewohnheit zur zweiten Natur wird machen wir uns spstematisch unglücklich, und stürmen dann den Himmel, daß er uns unseres Jammers auf wunderbare Weise entledige. Nur eine gründliche Umgestaltung der jüdischen abergläubischen Anschauungsweise, im Sinne Holdheims, durch Sonderung des Neligiösen vom Politischen der Schrift, kann uns mit der Zeit helsen, weiches aber nur naturgemäß durch ErziehunzShäuser erstrebt werden kann. Was in Deutschland durch die Zeit, Zerstreuung im ganzen Lande, Umgebung einer gebildeten christlichen Bevölke. rung, von selbst bewirkt wird, das muß im Slavcnlande durch planvolles Wirken erreicht werden. Unsere trübe, abergläubische Anschauung gründet sich theils auf Gewohnheit, theils aber auch auf jene Scheu vor Andern. Nur aus Gewohnheit und Scheu bewegt sich hierorts der Jude fast unempfindlich in den lästigsten minutiösesten Schranken des Aberglaubens. Die ttebcrtretung der lächerlichsten Sabbathfiktion ist uns Gewohnheitsjuden, theils eben dadurch schon, theils aber auch der zelotischen Umgebung wegen ein Opfer, wozu in einer Judengasse selten einer sich entschließt. Unsere Zusammenpferchung in Ghettos ist unstreitig mit eine Ursache aller bei uns eristirender Nebel. Denn selbst die Alles überwältigende Zeit übt hier anstatt des gewöhnlich zerstörenden Einfluß einen grade umgekehrten. Sie gewährt den Auswüchsen des hier herrschenden Aberglaubens, durch das Hohr Alter eine vermeintliche heilige Färbung, und flößt schwachen Gcmüthcrn Achtung vor derselben ein. Die deutsche Gemeinde hierorts, vegetirt, wie Sie wissen, und wäre auch ihre Hülse (wenn auch nur durch Rath) von Au-