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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-11-08 · Heft 45 (8.11.1846) · page 11

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 45 (8.11.1846)
Date
1846-11-08
Page
– (sequence 11)
Language
German
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191 hat, klar vor Augen zu legen. Zu diesem Behnfe wird es aber nothwendig sein, eine Darstellung ihres Ursprunges und Verlaufes hier voranzuschicken. Es stand leicht zu erwarten und ward auch von allen Vor» aussichiigen als bestimmt vorhergesehen, daß das ganze Ca'rimonial bei den Zuden nach und nach in seinem Ansehen sinken würde, nachdem ein großer Theil desselben außer Gebrauch gekommen und von den vielen noch bis vor Kurzem strenge beobachteten Ge» boten viele praktisch ganz vcrnachläßigt und offen übertreten wurden. Nicht minder war es vorausznsehen, daß Jemand — und die Anzahl derselben steigt von Tag zu Tag— der von den 613 vorgcschriebenen jüdischen Cärimonialgeboten, die ersten 612 bereits für sich abgeschafit hat, weil er die meisten kaum dem Namen nach noch kennt, das bisher noch verschont gebliebene sechshundert und dreizehnte, die Beschneidung — diesen letzten der Mohikaner, wie dieser anscheinend barbarische Gebrauch irgendwo genannt wurde — nunmehr auch bei erster Gelegenheit abschaffen würde. Trotzdem, daß Alles dieses leicht im Voraus bestimmt werden konnte, bleibt es merkwürdig, daß das gläubige Jud.'nthum, von dieser so natürlichen Erscheinung, als sie nun wirklich eintraf, wie von einem unerwarteten Donnrrschlag aus heiterem Himmel erschüttert wurde. Statt durch zeitgemäße und vollständige Concessionen, durch eine gut geleitete Erziehung und Belehrung der Zugend diesen Schlag, von dem man sich so stark getroffen fühlte, daß man nach allen Seiten um Hülfe zu rufen anfing, als ob das ganze Gebäude des Zudenthums in lodernden Flammen stände, in der Zeit von sich abzuwendcn, verschloß man lieber die Augen und glaubte so am besten das nahende Gewitter zu beschwören. Statt sich vor dem Sturme zu schützen, sah man vornehm trotzend und mitleidig lächelnd den Anzeichen seines Nahens in braminischer Ruhe zu und traute ihm nicht jene Macht, die es in der Folge zeigte. Zn der That schien man in dem scharfen Kriticismus, der bis dahin so viele Garben auf dem Felde des Cärimonials schon abgemäht hatte, nicht den Muth vermuthet zu haben, daß er auch den letzten Halm noch zu ergreifen wagen würde. Hier, mochte man wähnen, müsse seine bis dahin gleich scharfe Schneide mit einem Male stumpf werden. Allein man irrte sich gewaltig. Die Kritik ist nothwendigermaßcn konsequent, weil sie sonst keine Kritik wäre. Consequenz gehört aber so zu ihrem Wesen, wie Unbeständigkeit zu dem des blinden Autoritätsglaubens. Dieser letztere schien wirklich diesmal seine eigene Znconsequenz auch als Maßstab für die Thatcn seines Gegners, des Kriticismus, angesehen und die Macht derselben in dem beharrlichen und unaufhaltsamen Fortschritt weder gekannt, noch geahnt zu haben. Nur hieraus läßt es sich einigermaßen erklären, daß die Stimmführer des blinden Glaubens, als die Kritik auch die Beschneieung für eine der vielen Cärimonien erklärte und ihre Verbindlichkeit für uns heute nicht höher, als die aller andern anschlug, plötzlich einen Schrei des Entsetzens erhoben , als ob ein solcher Ausspruch ihnen an's Herz griffe. Man schrie über Vcrrath, Selbstmord und Abscheu und wußte nicht, daß man durch ein solches Lärmen jenem Ausspruch, der nicht im Entferntesten einem Tovesurtheil, wie man glaubte, glich, erst ene Wichtigkeit verlieh, welche er in den Augen der Zuschauer bis dahin noch nicht besessen hatte. So dient Alles einem heiligen Zwecke, bewußt und unbewußt. Das gläubige Zudenthum zählt in Deutschland eine große Anzahl von Anhängern und Vertheidigern, welche wegen ihres unmittelbaren, rechten und naiven Glaubens mit Recht den Namen der orthodoxen Partei führen darf. Zhr gegenüber hatte sich schon längst eine kleine Partei im Stillen gebildet, deren Freunde zerstreut und einzeln, einander nicht bekannt, in der Welt leben und, wenn sie auch nicht viel reden und von sich reden machen wollen, doch um so mehr Nachdenken und sich über ihre religiösen Verhältnisse zur Gegenwart klar zu werden sich bemühen. Diese stille Gemeinde, die vielleicht mehr Mitglieder zählt, als man zu ahnen scheint, unterscheidet sich von den in den Tag hineinlebenden Zndiffercnten dadurch, daß sie über ihr religiöses Bekcnntniß Rechenschaft abzulegen und Alles, was sie in kirchlicher Beziehung vertreten will, im Bewußtsein einer klaren Ueberzeugung nachzuweisen im Stande ist. Einzelne Mitglieder dieser Gemeinde, welche sich lange vorher berathen und verständigt hatten, wie man eine für unsere Zeit passende Reform des Zudenthums vornehmen könnte, traten im August 1843 mit einer Erklärung auf, worin sie eine Fortbildung des Mosaismus mit Abschaffung des Talmuds und der jüdischen Messiaslehre anzugeben versuchten. Obgleich dieses unter dem Namen Reform-Verein bekannt gewordene Organ sich über die Verbindlichkeit des CarimonialspstemS nicht ausgesprochen hat, so ist doch dadurch, daß er die Beschneidung als nicht mehr verpflichtend für den heutigen Zsraeliten wie jeves andere Cärimonialgebot erklärte, dem Formenwesen im Zudenthume ein aus Principien der Kritik geführter Krieg auf Tod und Leben angesagt worden. Als nun zufällig auch der lange vorauszusehende Fall eintraf, daß ein jüdischer Familienvater in Frankfurt a. M. seinen Sohn in demsel. den Zahr nicht beschneiden lassen wollte, trat die orthodoxe Partei und zunächst das dortige Rab binat gegen dieses Faktum mit

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