Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1846)
- Date
- 1846-11-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2567017-2567063--2381-2570413- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10O diesem Momente auch die historische Berechtigung jener weitverj zweigten Thecknahme begründet und motivirt finden. j Zn der That ist mit der Beschneidungsfrage der langjährige | und durch halbe Maßregeln erschlaffte Streit über die Verbindj lichkcit des ganzen jüdischen Cärimonials sür den heutigen Bekenner des Mosaismus in sein letztes, und, hoffen wir, entscheidendes Stadium, cingetretcn. Es konnte aber auch auf dem ganzen Gebote des israeli.ischcn Formenwescns, wie es uns die Talmudistcn und Rabbinen als heiliges und unantastbares Vermächtniß hinterlasscn hatten, keine andere Streitfrage als passender fich darstellen, um die Beendigung jenes Cärimonialkampfeö rascher zu beschleunigen, wenn auch nur vorläufig auf theoretischem Gebiete, als gerade sie. Sie, die Beschneidung, ist so alt, wie Zsraels Geschichte, vier Jahrtausende, so ehrwürdig wie das älteste und heiligste Buch, die Bibel; ihre Verbindlichkeit für den Israeliten ist durch Abraham, Moses, die Propheten, die Talmudistcn und die Rabbinen aller Zeiten und Länder hinlänglich bestätigt; sic war es, die als das einzige jüd. Sakrament galt, welches den Eintritt in das religiöse Judenthum konstatiren sollte; sie wurde für gleich wichtig erachtet, wie die Taufe für das Christenthum; sie ward daher von den ältesten bis auf die jüngsten Zeiten hinab, von allen Israeliten in Ehrfurcht und Nechlslänrizkrit mehr, als andere Gebote, verehrt und beobachtet; für sic, als das einzige Glauber.ssiegel, als ein göttliches Bundeszeichen. als ein Symbol besonderer Auszeichnung wurde oft eifrig gekämpft und ist viel Märtyrerblut geflossen; auf ihre Unterlassung endlich stand, wie auf einer der schwersten Sünden, auch eine der härtesten bwlischen Strafen, die der Seelenau srottung. Alle diese Momente sind wohl geeignet, einem Streite über ihre heutige Verbindlichkeit für den Bekenner des Mosaismus, und über ihre Beibehaltung oder Abschaffung, ein besonderes Relief zu verleihen, und an denselben den Kampf über andere minder bedeutungsvolle Cärimonien zu reihen. Daher hängt von dem Ausgange des Streites über die Verbindlichkeit eines solchen heiligen und allehrwürdigcn Gebrauches auch die Entscheidung des Cärimomalkampses überhaupt unzertrennlich ab; denn was hielte noch Bestand von Cärimonien, wenn selbst die Beschneidung untergeht? Auf welchen Schutz können noch andere, minder wichtige Gebote rechnen, wenn dieser selbst dem anscheinend bedeutendsten Fundamentalgebote von der Kritik entzogen zu werden droht? Muß nicht dann das ganze Cärimonialsyftem der Spcisegksrtze, Fasten und Festtage re. dem Messer der Kritik zum Opfer fallen? — Allein dieser leicht vorauszusehende Fall, wie sehr man ihn auch durch Jgnoriren zu negiren suchen will, ist, wenn er eintritt, weit entfernt, die wahren Bekenner des Mosaismus zu betrüben. Vielmehr dürste er gerade am meisten dazu geeignet sein, die innigsten Verehrer des eigentlichen Judenthums freudig zu erheben und in ihrerUeberzeugnng von seiner Vollkommenheit von Neuem zu bestärken. Denn vollkommen kann nur das sein, was einer Vervollkommnung fähig sich erweist. Ein Institut für unentwickelungsfähig erklären hieße es für tovt halten. Dieses aber wird keine Partei vom Judenthume zu behaupten wagen. Wenn es wahr ist, daß dasselbe gerade umgekehrt den Keim zu einer unbegränzten, jedenfalls bisher noch nicht erreichten Entwickelung in sich trägt, daß seine Bestimmung, die es bisher noch nicht überschritten hat, in der Ausbreitung einer, alle Bewohner des Erdbodens umfassenden reinen Vernunftlehre über Gott, Welt und Mensch, besteht, so ist cs hocherfreulich, diese trosivolle Aussicht ihrer einst gen, freilich noch immer leider sehr fernen Verwirklichung, gerade in unfern Tagen mit mächtigen Schritten entgegeneilen zu sehen. Bon jeher war es Israels edelster Beruf, die geistige Entwickelung des, an der Spitze der Geschichte stehenden Theiles der Menschheit hienieden einzuleiten und vorzubereiten, und unter der Hülle von religiösen Formen die Wahrheit des ächten Menschenthnms, dieser eigentlichen Religion für Alle, zu verbreiten, wie dieses selbst die Enstehung und der zeitwellige Zweck des Christenthums unter Anderem beweisen könnte; und so soll nunmehr, so scheint e§, auch unsere Zeit erfahren, daß sie an dieser hohen Aufgabe kämpfend sich betheiligen muß. Wir stehen jetzt am Vorabend des Tages, welcher alle Religionen in die eine und wahre des Menschenthums ausgehend erblicken wird. Wir leben in einer dunkeln Uebergangs- Epoche, in einer Dämmerung, die uns den baloiqen Aufgang der Sonne verbü-gt. Diese Hoffnung, dieses Bewußtsein, muß die Streitenden und im Dunkel Wandelnden beleben und aufrecht erhalten. Die Aussicht auf den der Wahrheit gewissen Sieg muß I die bewußtlos um sie, obgleich oft dem Anscheine nach gegen sie Kämpfenden zu einer höher« Einheit zusammcnschließen und sie, obgleich im Streite gegen einander gerichtet, doch in ihrem Z'kle mit einander übereinstimmend Herausstellen. Wie übrigens diese gewisse Zukunft sich verwirklichen, wie jene bevorstehende neue geistige Entwickelungsstufe in der Menschheit sich gestalten, unter welchen Bedingungen sie ins Leben treten und durch welche Kampfe sie noch herbeigeführt werden wird — dieses Alles bleibe hier vorläufig unerörtcrt. UnS muß es hier genügen, die Stellung der Beschneidungsfrage, zunächst für den Fortschritt des Judenthums, und zwar für die Cärimonialreform nachzuweisen, und den Standpunkt, den sie gegenwärtig gewonnen