Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1846)
- Date
- 1846-11-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Literatur-Blatt )um Israeliten des 19. Jahrhunderts. Enthaltend: Abhandlungen, Aufsätze, Recenfionen, literarische Aphorismen rc. rc. für die gesammte höhere Wissenschaft des Judenthums, und unter Mitwirkung von Geiger, Holdheim, S. Hirsch, Jost, Rießer, Herzfcld, Wechsler, Maier, Nebenstein, Stern, Dukes, Adler und vieler anderer Gelehrten redigirt und herausgegeben von Dr. M. Heß, Großherzogl. Weimarschem Land-Rabbincn in Eisenach. Nr. 45, Sonntag den 8. November 1846. I- Jahrgang. Zur Kritik der Beschneidungsfrage im Reformverein. Von vr. I. Bergson in Berlin. (Fortsetzung.) Es muß nun zwar der Zukunft anheim gegeben bleiben, diese Bewegungen auf dem Gebiete des JudenthumS zu würdigen, ihren historischen Zusammenhang mit frühern Kämpfen nachzuweisen und ihre Bedeutung für die Entwickelung und den Fonschritt des Indenthums zu erklären; allein es scheint doch zeitgemäß, auf eine von den vielen Erscheinungen in dieser Beziehung schon setzt aufmerksam zu machen, welche in Bezug auf eine Palingenesie, auf eine rchvicale Umgestaltung des Judenthums von hoher Wichtig« kert zu werden verspricht. Dieses ist die Phase, in welche die religiöse Anschauung durch die Beschneidungsfrage in unfern Tagen geführt wurde. Die Be schnei dungsfrage ist unter allen Entwickelungsstüfen, welche das Judenthum Deutschlands — und dieses muß seit Mendelssohn für das geistige Judenthum überhaupt einstehen, —■ erstiegen hat, am meisten geeignet die Aufmerksamkeit des ruhigen Beobachters auf sich zu lenken, weil sie dazu berufen zu sein scheint, die vielen Kämpfe über Reform zu einem entscheidenden Resultat zu führen. In derselben liegt, wie es sich immer deutlicher heraushebt, der Keim zu einer Umgestaltung des Carimonials überhaupt. Für die ganze Cärimonialfrage ist daher die Beschneidung der Wendepunkt, die Lebensbedingung, mit der sie steht und fällt. Zwar ruhen in derselben auch noch andere erfolgreiche Momente, wie die über moderne Toleranz, Gewissensfreiheit und religiöse Macht im Judenthume. Allein gegen die wichtige Bedeutung einer Existenzfrage für das gänzliche Cärimonial, müssen jene Momente vorerst noch in den Hintergrund treten und können, nachdem jene nachgewiesen werden, weiter unten erst ihre Stelle finden. — Wollte mau sonst die hier hervergehobcne Bedeutsamkeit der Beschneidung noch in Abrede stellen, so würde schon ein Blick auf die neuere Literatur derselben die Teilnahme beweisen/ welche, im Gegensätze zu anderen ephemeren Streitfragen, vorzugsweise dieser in hohem Grade gewidmet wird. Dieses von allen Seiten sich kund gebende Interesse an einem, sonst gerade nichtsehr ästhetischen Gegenstano kann, wenigstens vorläufig, schon zu einer Concession über ihre Wichtigkeit zu stimmen berechtigt sein. Wenn man hier den Ein« wand erheben sollte, daß ähnliche Erscheinungen schon öfter, selbst in unsren Tagen da gewesen, daß die Geschichte der Gräuetscenen in Damaskus und den Tempelstreit in Hamburg ein gleiches Interesse, eine zeitlanz. in Spannung erhielten, so könnten wir, abgesehen davon, daß von diesen einstigen Tagesfragendie erstere mehr als ein krankhafter Rücksall in den fanatischen Aberglauben des Mittelalters, zu betrachten war, und die letztere ans dem untergeordneten Kreise eines mehr lokalen Spnagogenstreites sich nicht egiporhob, auch noch auf die von mehr als fünfzig Snmmeu binnen Jahresfrist abgegebenen Gutachten unv Erklärungen Hinweisen, welche in dieser Art ein genügendes Zeugniß dafür wohl zu liefern im Stande sind, daß das unsrer Frage zugcwandte Interesse im heutigen Judenthume Deutschlands weit verbreitet und tief begründet sein muß. Diese Theilnahme kann wiederum als ein Rückschluß und Gegenbeweis dafür gelten, daß man die Bedeutung der Beschneirung für die religiöse Umgestaltung des Judenthums und den Ansichten über sein ganzes zeitheriges Cärimonial insbesondere, wenn auch noch nicht überall mit der gehörigen Deutlichkeit eines klaren Bewußtseins erfaßt und nirgends ausgesprochen, so doch in einem zwar dunkeln, aber doch richtigen Vorgefühle unv Takte, welcher stets der späteren Einsicht vorherzugehen pflegt, m.ndesiens geachtet und dargethan hat. Umgekehrt aber kann man eben in