Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 45 (8.11.1846)
- Date
- 1846-11-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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35? Mkuisten'umS. Dies wurde gewiß nicht ohne Einfluß auf unsere kirchlichen Verhältnisse sein und doch wenigstens unserm jetzigen anarchischen Zustande ein Ende machen. Wie die Sachen jetzt stehen, sind den Rabbinern einerseits die Hände gebunden, andererseits kennen sie ganz willkührlich verfahren. So darf ein Rabbiner keinen pm '.1' rc. abschaffen, aber doch beliebig ein anderes Rcligionsbuch in den Schulen seines Distrikts einführen. Geht dicß von einem fortgeschrittenen Rabbiner aus, so ist damit gewonnen; will aber auch ein Zelot rin besseres Buch durch ein schlechteres verdrängen, so ist Niemand da, der es ihm wehrt. Den kläglichen Zustand unserer Synagogen und wie darin Willkühr herrscht, habe ich schon früher vielfach erwähnt. Ein geordneter Zustand würde doch wenigstens die Bürgschaften künftigen Bcsserwerdcns in sich tragen. Die schon in diesen Blättern berührte Säkularfeier der Synagoge zu Ansbach fand auf eine sehr erhebende Weise statt. Die erforderliche Erlaubniß war aus Versehen erst wenige Tage vorher nachgesucht worden, und Se. Majestät crthcilte sie von Augsburg aus mit dem eigenhändigen Beisatz, Sorge zu tragen, „daß die Nachricht nicht zu spät nach Ansbach komme." Die Synagoge war geschmackvoll verziert, der fast ganz deutsche Gottesdienst durch Programm geordnet, und eS gewährte einen rührenden Anblick, in dieser Synagoge, vor Kurzem noch als „Judenschule" angesehen, das Regierungspersonal mit dem Präsidium an der Spitze, die höhern Militärpersonen, den Magistrat, die Geistlichkeit beider Eonfessionen in langen Reihen in ihren blitzenden Uniformen und vorgeschriebenen Amtskleidcrn zu erblicken, wie sie, Johlson'sche Gesangbücher in Händen, in den Choralgcsang cinstimmten. Die im Druck erschienene Predigt des Hrn. Rabbiners Grünebaum ist ein Muster gemürhlichcr Kanzelberedsamkeit und hat bei ihrem Vortrage die Vorführung der verschiedenen Leidensepochen, welche Israel durchgemacht, die christlichen Zuhörer überaus angcsprochen. In diesem Sinne wie überhaupt über diesen Festgottesdienst hat sich ein christlicher Zuhörer im Eorrespondenten v. u. f. D., wie ich weiß, ein hochgestellter Beamter und Schriftsteller, sehr lobend und ehrend ausgesprochen. Derlei Erscheinungen wirken immer wohlthätig auf die öffentliche Meinung bezüglich der Juden. — Eine nicht minder bemerkenswerthe Erscheinung ist, daß sich überall Israeliten bei den an die Schleswig-Hollsteiner abgehenden Adressen mit bethciligen. Rabbiner, Lehrer, Kaufleute haben sie mit unterzeichnet und von der Fürther ist ein Jude (Dr. Feust) der Verfasser. Hingegen steht es mit unfern politisch-bürgerlichen Rechten noch immer schlecht uud fortwährend wird die erschwerende Sette der bestehenden Gesetze heraus interpretirt. So wurde nicht nur vor einiger Zeit die Nicht-Zulassung eines Israeliten zum Militärarzt ausgesprochen, auch ein viele Jahre mit Auszeichnung dienender Brigadier, der, mit den glänzendsten Zeugnissen versehen, sich um eine Zollbeamten-Stelle meldete, wurde in neuester Zeit durch die k. Regierung abschläglich beschieden. Die Stelle sei eine Staatsdienerstelle, mit pragmatischen Rechten verbunden, und darauf habe ein Israelit keine gesetzliche Ansprüche. — r. Die Rabbinerverfammlung; Gehaltszulage der: würtembergischen Lehrer; die wandernden Juden. (Aus Würtemberg, im Oct.) — Den Israeliten, welche auf dem Standpunkte zeitgemäßen Fortschritts stehen, sind leider bei uns nur in geringer Anzahl vorhanden. Die Mehrheit ist entweder ziemlich indifferenter oder orthodorer Natur. Dieses ist auch die Ursache, daß die Beschlüsse der Rabbinerversammlung noch wenig Eingang gefunden. Nur die Gemeinde Buchau machteeineAusnahme, indem sie zum Thoralesen nach dreijährigem Cyclus und zur Errichtung einer Orgel Anstalt getroffen. Unser Ministerium des Innern hat die israelitische Oberkirchenbehörde ermächtigt, einzelnen, an Confesssonsschulen angestcllten Lehrern, die unter fl. 250 Gehalt beziehen, auchfür das Etatsjahr 1846/47. nach ihren jeweiligen Vermögens- und Familienverhältniffen, aus der israelitischen Ccntralkirchenkasse Zulagen bis zu fl. 25. zu reichen. — Seit etlichen Jahren werden wir wieder mehr von polnischen und russischen Glaubensgenossen besucht. Diese Bettler schaden sehr, da sie beinahe alle, nur einigermaßen ergiebige Judengemeinden heimsuchen, nicht minder bei einzelnen Familien sich kindrängen, und diese noch mehr gegen jeden Fortschritt ausreizen. Dabei wissen sie gar klug den Mantel nach dem Winde zu hängen. Hier legen sie z. B. Empfehlungsschreiben von Geiger, Heß, Maier, Philippson, Salomon, Stein rc. vor, und erheben die Humanität, Gelehrsamkeit re. dieser Männer bis zum Himmel. Dort erzählen sie von eben denselben die gemeinsten Anecdötchen, wie sie als Märtyrer Lanzen mit denselben gebrochen, stellen sie als ,ll'M2 ,Dn23 'Dl pNH ’QJ? ersten Ranges unter tiefem Seufzen dar. rc. rc. Möchten diese traurigen Erfahrungen jene Herrn zu großrer Vorsicht bei Ausstellung solcher Zeugnisse veranlassen.