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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-11-01 · Heft 44 (1.11.1846) · page 5

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 44 (1.11.1846)
Date
1846-11-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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340 Wesen -es JudenthumS bezeichnet hat: liebe deinen Nächsten wie dich selbst und thue nichts, waS solcher Liebe entgegen ist. Dse begeistertsten Propheten haben gegen die Uebertreibung und Ueberschätzung der Cultusformen ihrer Zeit geeifert, die neuen Rabbiner und Prediger geben sich aber solcher Ueberschätzung und Uebertreibung der setzt beliebten Cultusformen hin. Man sagt zwar, der heutige Cultus sei weit erhabener uud bedeutungsvoller, als der Opfercultus der prophetischen Zeit. Worin Andern: besteht denn aber der geistige Gehalt des heutigen CultuS, als in der Anerkennung Gottes, in dem Vertrauen auf ihn, in der Ergebung in seinen Willen u. s. w., und wer wollte die Behauptung wagen, daß die Beter im Tempel bei ihren dargebrachten Opfern nicht so innig Gott anerkannt, nicht so sehr auf ihn vertraut, nicht so ganz in seinen Willen sich ergeben re., wie die heutigen Beter unter Choral- und Orgelbegleitung? Aber die Cultusformen der prophetischen Zeit sagen heute nicht mehr zu, man hat andere gewählt, deren Ueberschätzung den gleichen prophetischen Tadel verdient. Der Opfereultus selbst ist zudem in seiner höchsten Spitze in dem heutigen Cultus bcibehalten. Diese Spitze ist unstreitig das Opfern von dem eigenen Fleische unv dem eigenen Blute durch das Fasten am Versöhnungstage und durch die Beschneidung. Dem sei aber, wie ihm wolle, so legen doch die neuen rabbinischen Reformen dem Cultus eine Wichtigkeit bei, die er im Judenthume nie gehabt und auch weiter nicht haben darf. Seit einer langen Reihe von Jahren reformiren die Rabbiner den CultuS und sind noch immer nicht fertig, er bildet den ewigen Gegenstand ihrer Reden und Schriften, ohne daß die Meisten unter ihnen die eigentlichen Wunden des Judenthums auch nur zu berühren wagten. Die Rabbiner wollen die Einheit unter den deutschen Juden aufrecht erhalten, und stiften gerade durch ihre fortwährenden Cultusreformen Zwietracht in den eigenen Gemeinden. Der Gottesdienst ist das einzige Gemeingut der Gemeinde, und wenn irgendwo, so müssen hier die verschiedenen Glaubenömeinungen berücksichtigt werden. Wenn ein vernünf. tiger Rabbiner lehrt, daß das Fasten am Versöhnungstage und die Beschneidung mit in den Opfercultus gehörte und daher in unserer Zeit abzuschaffcn seien, so greift er denjenigen Gemeindegliedern, die anderer Meinung sind, nicht ins Gewissen, da es ihnen frei steht, ihm zu folgen, oder nicht. Die Lehrfreiheit der Rabbiner ist aber namentlich in Deutschland sichergestellt. Dagegen greifen die Rabbiner, welche die Einheit ihrer Gemeinden festhalten uud die Auseinandertretung der verschiedenen Richtungen durchaus nicht zugrbrn möchten, das Gewissen derjenigen an, welche mit ihren Cultusreformen nicht zufrie. den sind. Diese Unzufriedenen sind meist zu schwach, um ftr sich einen eigenen Cultus einzurichten, um so verletzender erscheinen aber die gewaltsamen Reformen. Unter solchem ewigen Widerspruch der behaupteten Einheit und der bestrittenen Reform kann der Cultus nicht anders als in sich widersprechend sein, und um nur ein Beispiel anzuführen, so wird auch hier noch um die Wiederherstellung Jerusalems und des Tempelreichs gebetet, nachdem eine Menge von solchen Gebeten aus dem Grunde beseitigt wurden, weil man jene Wiederherstellung nicht mehr wünsche. Welchen höhern erstrebenswürdigen Werth kann übrigens auch eine Cultusreform haben, die nicht den geläuterten Gedankeninhalt des Judenthums, eine durchgehende Prinzipieneinheit darstellt, sondern sich in ewigen Widersprüchen bewegt? Hat man nicht den Muth, die verschiedenen Richtungen friedlich auseinander treten zu lassen, so mag man mit der Cultusreform warten, bis jene Richtungen sich innerlich versöhnt haben und eine gedankeneinige Reform möglich machen. Der alte jüdische Cultus muß aus einem Gusse neu regenerirt werden, die Rabbiner machen Erperimente an ihm, zwacken ihm hier etwas ab und kleben ihm dort etwas auf. Aber auch dem gereinigten Cultus darf nicht die Hauptbedeutung des Judenthums vindizirt werden. Es ist in der dritten Rabbinerversammlung der Antrag gestellt worden, daß die Arbeiten am Sabbath nicht nur im Beamten- und Soldatendienste, sondern auch in dem für das Gemeindewohl zu gestatten seien. Aber nach unsäglicher Verlegenheit wurde dikser Antrag beseitigt. Die Cultusformen stehen also der Rabbinerversammlung weit höher als das Gemeinwohl!*) In der neurabbinischen Ueberschätzung der Cultusformen liegt aber ein bedenkliches, wenn Sie wollen, hierarchisches Moment, auf welches wir noch zurückkommen «erden. Beschluß 3 lautet: »Daß alle in das geistige Gebiet gehörenden Thätigkeiten der Sabbathfeier keinen Eintrag thun." Man hat anfangs geglaubt, daß die Rabbinerversammlung mit diesem allgemeinen Beschlüsse das Musiciren, Schreiben u. s. w. am Sabbath erlauben wollte; aber man sah sich bald getäuscht, als dieser allgemeine Beschluß auf einen speciellen Fall angewendet werden sollte, Als nämlich Hr. vr. Jolowitz den Antrag stellte die Rabbinerversammlung solle erklären, das rabbinische Verbot des Schreibens am Sabbath sei für die Schuljugend nicht ver. bindlich, erklärte die Versammlung, sie habe ja die Collisionen *) Der eigentliche Cultus ist an kein bestimmtes Haus und dergl. gebunden, das aber, was die verbotene Thätigkeit am I Sabbath erheischen kann, ist nur Cultusform.

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