Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-11-01 · Heft 44 (1.11.1846) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 44 (1.11.1846)
Date
1846-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2566751-2567017-2567062--2361-2570392
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

347 vertrauen dürfe. Es ist wirklich auffallend, wie dieser Widerspruch einem so scharfsinnigen Denker als Hrn. Hirsch rntgebrn konnte. Und nun fragen wir, sollen und dürfen wir auf solche jedenfalls höchst unsichere Erklärungsversuche und Hypothesen bin die klaren und unzweideutigen Vorschriften des göttlichen Gesetzes aufznbeben uns für berechtigt halten? Nach meiner Meinung soll durch das Verbot jener Tbiere, ebenso wie durch das von nsnai die Idee von dem Berufe Israels zur Heiligkeit und Gottähnlichkeit, die sich nicht allein in der Gesinnung des Herzens, sondern auch in den äusseren Handlungen und in der ganzen Lebensweise darstellen muß, stets von Neuem vergegenwärtiget und zur Anschauung gebracht werden; und daß dieses wirklich der jenen Speiseverboten zu Grunde liegende Gedanke ist, wird am Schluffe des 11. Kapitels im Levin'cus, wie am Anfänge des 14. Kapitels des Deuteronomiums klar genug angedcutet. Möglich, daß mit jener allgemeinen Idee auch noch die der En lbaltsa mkeit und Mäßigkeit verbunden werden sollte. Warum aber gerade drcse Thiere zu genießen ^verboten worden seien, das zu erforschen balten wir gerade nicht für sehr wichtig und darüber mag sich Jeder seine eigenen Vorstellungen bilden. Genug wir kennen den religiösen Gedanken, der dadurch angeregt und vergegenwärtigt werden soll und können daber, nach Herrn Hirschs eigener Theorie, dem Geiste wobl znmnthen, daß er sich jenen Verboten mit freiem Entschlüsse unterwerfe. Daß es aber schwerlich je dabin kommen werde, ^daß jene erhabenen Ideen sämmtlichen Glaubensgenossen so tief ins Herz gegraben sein werden, um keiner weiteren Anregung mehr zu bedürfen, baben wir bereits oben ausgesprochen. Mögen daher die Kämpfer für die Läuterung und Erhebung unserer religiösen Lebre und religiösen Lebens gegen die Erschwerungen und Verunstaltungen des Talmuds, wodurch die Speiseverbote wie fast alle übrigen mosaischen Ceremonialgesetze ganz unkenntlich gemacht worden sind, offen und ohne Rückhalt in die Schranken treten; an den Worten der Schrift selbst aber wollen wir nicht rütteln und nicht deuteln. Die Ausgleichung zwischen Lebre und Leben, das Hauptziel der heutigen Reformbestrebungen, wird sich auch so recht gut bewerkstelligen lassen. Herr Hirsch bemerkt ganz richtig, daß die Beobachtung der auf ihren rein biblischen Gehalt zurückgefübrten Speisegesetze nicht nur möglich, sondern auch nicht mehr beleidigend für das reltgiöse Gefühl sei. Sollte jedoch auch nach dieser Reduction hie und da noch eine Collision eintreten, nun so seben wir nicht ein, warum gerade die Lebre dem Leben und nicht vielmehr das Leben der Lehre weichen soll? Ist denn nicht die Lehre dazu von Gott gegeben, daß sie als Norm und Regel des Lebens diene? Damit soll nicht gesagt werden, daß wir diejenigen verdammen und als ausgeschieden aus dem Kreise des Iudentbums betrachten müssen oder dürfen, welche diese oder andere Cercmonialgesetze zu beobachten sich in ibrem Gewissen nicht mebr für verpflichtet kalten; eben so wenig als wir diejenigen verachten dürfen, welche in gutem Glauben sich verpflichtet erachten, ihr ganzes Leben unter der schweren Last dieser Gesetze, wozu sie durch Talmud - Rabbinismns angewachsen sind, hinznschleppen. Suchen wir diesen, sofern sie unsere Belehrnugen anerkennen wollen, ihre Last zu erleichtern, jene aber zu der geoffenbarren Lebre wo möglich znrückzntühren. Von dieser Grundlage aber dürfen wir nichts binwegnehmen, so wir nlcht dem ganzen Gebäude die Gesabr des Einsturzes bereiten wollen. Warnen wir immerhin, gleich den begeisterten und erleuchteten Propheten, vor dem einseitigen Ceremonialdienste, dem Feinde der wahren Religiösität und Sittlichkeit. Aber findet sich bei sämmtlichen Propheten auch nur eine einzige Stelle, in welcher dieses oder jenes Ceremonialgesetz geradezu außer Kraft und Verbindlichkeit gesetzt wird? Und was die Propbeten sich nicht zu tbnn erlaubten, das, sollte ich ineinen, dürfen auch wir uns nicht gestatten. M. G u t m a n n. Geschichte des Tages. Briefe über die dritte Rabbiner-Versammlung. II.*) (Breslau, im October.) — Wir sind in uiifcrm ersten Briefe mit den Beschlüssen der dritten Rabbinerversammlung über den Sabbath nicht fertig geworden und müssen daher in *) Wir verweisen auf unsere Anmerkung zu dem in Nr. 38 abgedruckten ersten Brief. Die Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.