Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 44 (1.11.1846)
- Date
- 1846-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2567017-2567062--2360-2570391- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
346 Gottes bei Seite schieben, vergebend, daß diese bloß für eine frühere Zeit und für eine niedrigere Bildungsstufe, welcher sie zur Vergegenwärtigung der dadurch symbolisirten höheren Religionsidccn dienen sollten, verbindende Kraft besäßen, nicht aber für uns, deren geläutertes und fortgeschrittenes Zeitbewußtsein keiner solchen Hülfsmittel mebr bedürfe. Gehen wir nach diesen allgemeinen Bemerkungen zur Betrachtung der Spciseverbole selbst über und unter* suchen wir, ob denn auch wirklich die von Hrn. Hirsch denselben untergelegtcn Gedanken so klar und unzweifelhaft dadurch symbolisirt werden, daß, nachdem diese Gedanken keine äußere Anregung und Vergegenwärtigung mehr nötbig baden, auch jene Verbote von uns außer Verbindlichkeit gesetzt werden dürfen. Daß hshbi nboi deßhalb zu essen verboten wurden, um jedem Israeliten seinen Beruf als Priester des allheiligen Gottes zu vergegenwärtigen , erkennen wir an, müssen aber eben deß, halb, weil dieser Beruf zu jeder Zeit «icht oft und nicht nachdrücklich genug ekngeschärst werden kann, auch auf die fortwährende Verbindlichkeit dieses biblischen Speisegesetzes besteben. Daß das Verbot von Hi buta jdn und ebenso die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Naturgesetze einschärfen sollen, gestehen wir ebenfalls zu. Da wir uns aber keine Zeit denken können, wo alle Menschen von selbst oder durch Erziehung von jener Heiligkeit so ganz durchdrungen sein werden, daß eine Verletzung der Naturgesetze nicht mebr denkbar sei, so könne» wir eben so wenig glauben, daß es der Willkühr der Menschen anheimgestellt werden dürfe, die fraglichen biblischen Gesetze, deren Beobachtung doch gewiß kein fremdartiger dem Geiste aufgedrungener Gottesdienst genannt werden kann, zu irgend einer Zeit außer Kraft und Wirksamkeit zu setzen. *) Wenn wir nun bei der Erklärung dieser Speisegesetze in der Theorie zwar mit Hrn. Hirsch übereinstimme», ohne jedoch die daraus gezogenen praktischen Folgerungen gut zu heißen, so haben wir bei der Erklärung der übrigen Cpeiseverbote auch gegen die ausgestellte Theorie gar Manches einzuwenden. Von den Thieren wird bekanntlich alles dasjenige *) Herr Hirsch scheint übrigens die auf die Heiligkeit der Natur sich beziehenden Speisegesetze selbst für unabänderlich zu halten, indem er sie gar nicht zu den Ccremonialgcsctzen rechnet. zu essen verboten, was nicht gespaltene Hufen hat oder nickt wiederkauet, von den Vögeln die namentlich aufgezählten Raubvögel, von den Fischen die, welche keine Schuppen und Floßfcdcrn haben (3. Mos. Cap. 11. und 5. Mos. Cap. 15.) Indem sich nun Herr Hirsch an diese von der Schrift selbst hervorgebobenen Zeichen hält, argumentirt er folgendermaßen: Das Thier, welches nicht wiederkauet, ist ein Raubtbier, und mit den ungespaltenen Hufen schlägt das Tbier, z. B. das Pferd, aus, um sich zu vertheidigen. Diese Merkmale nun sollen cs zur Genüge darthun, welches der Religionsgedanke sei, den die Hebung jener symbolischen Gesetze uns vergegenwärtigen und stets .von Neuem zur Anschauung bringe» soll. Ihr braucht nicht auf Raub auszugehen, ihr braucht nicht um euch zu schlagen, ja nicht einmal mit körperlicher Kraft euch zu wehren um euer Prinzip zur Herrschaft zn bringen. Das ist die Lehre, welche das Verbot jener Thiere uns einprägen will. Allein, wäre dieß wirklich der Sinn und die Bedeutung dieses Verbotes, so mußte ja gerade das Rindvieh, welches mit dem Hör ne, dem Symbole der Kraft nnd Stärke in der ganzen Bibel, ersehen ist, verboten, dagegen aber das Schwein sowohl als der Haase, die weder auf Raub ausgchcn, noch mit einem Hufe um sich schlagen, zu genießen erlaubt sein. Bei den Fischen hinwiederum sollen die Schuppen ein Bild des Panzers, die Floßsedern des schnellen Schwimmens und Entkommens sem, und der durch das Gesetz zn veranschaulichende Gedanke: Ihr seid durch eure Lehre gepanzert und entkommet euren Feinden. Darin liegt ja aber ein greller Widerspruch gegen die vorhergehende Erklärung. Wenn Israel in seiner Lehre einen Panzer besitzt und durch sie gegen die Angriffe der Feinde geschützt ist, so sollte ihm eben der Genuß derjenigen Fische, welche Schuppen nnd Panzer haben, untersagt sein, um anzudeuten, daß cs sein Vertrauen nicht auf den Schutz und die Rettungsmittel von Außen setzen solle, gerade wie ihm der Genuß der vierfüßigen Thiere, die auf Raub ausgehen und mit ihrer körperlichen Kraft sich wehren, deßhalb verboten ist, um anschaulich zu machen, daß es bei der inner» Gotteskraft seines Prinzipes nicht auf Raub ansgeken und auch mit seiner K»aft sich nicht zu wehren brauche, sondern einzig und allein auf die höhere Macht seines Prinzipes