Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 42 (18.10.1846)
- Date
- 1846-10-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2567017-2567060--2340-2570369- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
336 die Stützen des Iudenthums, weil sie Dämme gegen die Zeit aufführen, weil sie die Sirömung der Bildung von den künftigen Lehrern abwehren unv sie werden in dieser Meinung dadurch bcsiärkt, daß Einige dirser jüngeren Lehrer scheinbar ihrer Richtung folgen. Aber, o du arme Zugend! und o ihr armen Lehrer! wie werdet ihr, wenn die Strömung, die nun euren Meisten doch nicht dienen kann, überrascht um euch schauen unv vom Strudel ergriffen, zu schwach sein, euch aufrecht zu erhalten! Unsere Finsterlinge haben für ihr Vervuinp'ungsspstem indessen eine Stütze, auf die sie stolz sein dürfen, nämlich den Hrn. Professor Döllinger in München. der als Abgeordneter der jüngsten Kammer mit ihnen gemeinschaftliche Sache machte. Derselbe meint, es scheine wohl, da? rer eigene Vortheil der Zuden ins Auge gesetzt eine unbedingte vollständige Emancipation und Gleichstellung das natür. lichste wäre, und roch zweifle er h eran sehr stark, ja er möchte sogar die entgegengesetzte Meinung äußern. Sie sind wohl gespannt, die Gründe zu hören, nun, so hören Sie, der Professor der katholischen Theologie hat ein gar zartes Gewissen und ist sogar besorgt für das Bestehen der jüdischen Religion. Wenn den Zuden so viel eingcräumt wird, fragt er, wird daun noch das Zudenthum sortbestehen können? Wird es nicht in der Umarmung des christlichen Staates sterben? Könnte nicht in Folge der bürgerlichen Verschmelzung von Zuden und Christen ein Zustand eintrcten, in welchem cs in Deutschland zwar noch eine Masse von Zuden — dem Fleische nach — gäbe, aber das Judcnthum, die Religion, daS geistige, die Individuen zusammenhaltenre Band verschwunden wäre unv würde dann ein solcher Zustanv auch nur für einen Theil wünschrnewerth sein? „Sollte man nicht meinen das Juventhum hätte einen eifrigen Vertreter, einen ftrenggläubigen orthodoxen Rabbinen in der Kammer, einen jüdischen Märtyrer, der für seine Religion so besorgt ist, daß er und seine Glaubensgenossen lieber den Druck und die Schmach der Ausschließung tragen wollen, aus Beforguiß, das Zudenthum möchte darunter leiden. Nur schade, daß es dem Herrn Professor nicht Ernst mit seiner Fürsorge ist. Nicht um das Bestehen des Zudenthums ist es ihm zu thun, sondern um das Bestehen des Nabbinismus im Zudrnthume, um das Festbanncn aller Mißbräuche bei den Zuven. Er stellt sich ganz auf Seite der Orthodoxen: warum? werden wir später sehen und, als wäre er ganz Einer der letzteren charaklerisirten rer fortschreitenden Partei, als „Neuerer", welche die bestchence gesetzliche Einrichtung und talmud.sche Ueberlieserung ganz und thcilweise abzuschaffen gedenken, tHeils um sich alles Lästigen und Unbequemen zu entledigen, theils um vor den Christen für aufgeklärt zu gelten und sich leichter diesen gleichsirllrn und mit ihnen vermischen zu können." Höhere Rücksichten, edlere Motive kennt Herr Professor Döllinger nicht. Wundert cs Sie? Bei seinen Gru.ivsätzen, seinen Bestrebungen und seiner Richtung, mögen ihm andere als selbstsüchtige Pläne vielleicht unklug oder gar unmöglich dünken. Wie soll man über dieses Losziedcn gegen die Männer des Fortschrittes sich rrklä en? wie soll man begreifen, daß ein Christ sich über die Bestrebungen beschwert, die das Christenthnm unberührt lassen und schon deßhalb willkommen sein sollten, weil sie Manches beseitigen, was man dem Zuventhume seit lange zum Vorwürfe machte, nämlich, daß die Strenge in der Beobachtung der Ccremonialgrsetze und deren Anhäufung der Moralität Eintrag thue? daß ein christlicher Theotvge sich grämt, weil jüdische Theologen das Wesen zu begründen in den Formen manche Abänderung in Vorschlag bringen und sogar der Negierung Vorwürfe macht, sie trage die Schuld an diesem Unheil, weil sic die Rabbinen habe studircn lassen. Herr Döllinger spricht sich hierüber freilich nicht so deutlich aus, aber es bedarf nur der Auffassung seines fast 30 Seiten starken Votums im Zusammenhänge um hierüber ganz im Klaren zu sein. Nachdem nämlich derselbe diese Neformbestrebungen als durchaus unjüdisch oder quasi als Jude verworfen, so legt er seinen Bart, sammt seiner Kapuze aber auch sein priesterliches unv ich darfhinzufetzen christliches Gewand ab, und tritt als Abgeordneter auf, der w iter nichts im Auge haben soll, als den Selbstvortheil. Er ist jetzt Anwalt der Landbewohner, und meint, jene für die Zuven allein geltende Verfügungen sollte man statt AusnahmSgesetzt Schntzgefetze nennen, da sic in rer Regel nur die Sichernng des Christen gegen die überlegene Schlauheit und feindselig berechnende Kunst des ii'raelit scheu Gläubigers beabsichtigen. Eine solche Beschuldigung bedarf nun aber doch der Beweise, nun ja, Herr D. bewe.st es auch. er beweist cs mit Stetten aus dem Talmuo, besonders mit dem Col Nidre ®ebete, denn daß dem Eide der Zuden kein Vertrauen geschenkt werden könne, beweise ganz klar und deutlich der Umstand, dc«ß die Versammlung deutscher Rabbiner den Beschluß gefaßt habe, das Co 1 Nidre — solle abgeschafft werden. Und nun zeigt Hr. D. se ne Bekanntschaft mit Eisenmenger pur exuellence hinsichltich des Cul Nidre dessen Inhalt er wiederholt und darauf den Schluß baut. Die Ausnahmegesetze hinsichtlich des jüdischen E des seien unentbehrlich. Das ist der Standpunkt des abgeordne en Döllinger, deS Anwaltes der jüdischen Orthodoxie. WaS ist Zhnen nun nicht AlleS begreiflich und klar? Aber Sie müssen lesen, was er nun weiter für raths.im hält, und hören werden Sie den Judenfeind aus dem vorigen Jahrhunderte, wo der Gassenbube mit Koth nach dem arinen Juden warf, einer Zeit, deren sich der Hr. Professor nach eigener Angabe noch recht gut erinnert, nämlich seiner Jugendzeit. Ich will den Raum ihres geschätzten Blattes nicht länger damit verderben; es ist mir obnebin nicht um Wiederlegung zu thun, sondern nur zu zeigen, welche Männer unsere Orthovoren sich als Verbündete wählen. Verlag der I. C Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.