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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-10-04 · Heft 40 (4.10.1846) · page 7

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 40 (4.10.1846)
Date
1846-10-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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310 meinde bilden, so besitzen sic dennoch 77 Synagogen und 50 ' Religionsschulen. Die jüdischen Vorsteher dieser Gemeinden sind dem herzoglichen Amt subordinirt, zur genauen Controle des Rechnungswesens gehalten und zur strengen Handhabung der äußern Cultusordnnng befugt worden. Im Übrigen sind aber die Juden in Nassau harten Beschränkungen unterworfen. Sie sind noch Schutzjuden und müssen bei ihrer Niederlassung den Schutzbrief lösen. Nur der älteste Sohn des Hauses ist zur Niederlassung berechtigt, die übrigen sind zum Cölibate verurtheilt, können sich jedoch auf dem Wege der Dispensation ehelich niederlassen, wenn sie Ackerbau treiben oder sich 5 Jahre ununterbrochen dem Handwerke hingegebcn haben. Aus Uebcrtragung von Staatsämtcrn ist den Juden gesetzlich kein Anspruch zugcstanden, ferner wird, was Ihnen gewiß einen Einblick in unseren Nechtszustand verschafft, im Proceffe eines Juden gegen einen Christen der Zeugenaussage eines Juden keine volle Glaubenswürdigkeit zugcstanden und haben die Juden wohl alle Gcmeindcabgabcn zu tragen, hingegen an gewissen Gemeinde-Vorthcilen keinen Anthcil. Jedoch darf nicht verschwiegen werden, daß die Regierung seit einigen Jahren manche Erleichterung und Verbesserung in den Zuständen der Nassauischen Juden hat cintrctcn lassen. So schasste sie seit 1841 die besondere Judcnftcuer ab, zog die Juden zum Militärdienste, und ließ sie an der Armenpflege der Ortsgemeinde participiren. Der Bet icb der Handwerke und des Ackerbaues ist ihnen gestattet, jedoch wird von Erstercm sehr wenig Gebrauch gemacht, thrils wegen der bisher gewohnten anderen Beschäftigungen, theils aber auch wegen der Schwierigkeit, die mit einer Ansässigmachung auf diese Gewerbe verbunden ist. Der größte Theit der Gemcindeglicder beschäftigt sich mit Vieh- und Hausirhandcl. Der Bildungszustand unserer Glaubensgenossen (nur der einiger Wiesbadener und Wcilburgcr abgerechnet) ist aber auch von sehr geringer Bedeutung. Hauptursache der vielen Gebrechen der hiesigen Juden sind theils die Zerstreutheit derselben, die vereinzelt dastehend für Errichtung großer Institutionen zu schwach sind und einer gegenseitigen wohlthätigen Influenz entbehren und dann sind es die Vermögensverhältnisse überhaupt, die, nur sehr wenige Fälle ausgenommen, nicht über den Mittelstand sich erheben. Der Frankfurter Handwerks- Verein, wie Herr v. Rothschild, sollen, wie ich höre, für die Heranbildung von Handwerkern und Erbauen von Synagogen schon Einiges, jedoch ohne große Erfolge, gcthan haben. Am meisten dürste Dr. Geiger auf Negierung und Gemeinde gewirkt haben, wenn er noch lange seine Wirksamkeit in Wiesbaden entfaltet hätte. Der Abgang dieses Nabbinen wird allgemein beklagt. Mehrmals habe ich selbst von unbedeutenden Sack* judcn seinen Verlust beklagen und sagen hören, daß bei feinem längrrn Verbleiben in Wiesbaden Hr. vr. Geiger sicher die Emancipation erwirkt haben würde. Wohl haben die Nassauer vier Rabbinen, gesetzlich Theologen genannt, nämlich Wiesbaden, Hr. Sießkind, Weilburg, Hr. Treienfels, Langenschwal* bach Hr. B. Höchstädter, und Dietz, Hr. Wormser, Männer, die Alle Gymnasial- und Universitätsstudien gemacht, tüchtige wissenschaftliche Befähigung haben und aus dem Centralsondihre Besoldung beziehen; aber dennoch können wir sehr wenig von ihrer Wirksamkeit erzählen. Wie die Rabbinerversammlung nur einmal einige dieser Herren gesehen hat, (böse Zungen behaupten, daß den Einen eine Heirath mit der Tochter eines Orthodoren, den Andern die Meinung „es kommt doch Nichts davon heraus" vom Besuche abgehalten hat), so werden sie auch unseren Gemeinden sehr sparsam. Sie glauben, daß ein sultanischeö Verschließen im Palaste und das Fernestehen von den Pflegebefohlenen besser sei für ihr Ansehen and Macht, was zu beurtheilen wir dahin gestellt sein lassen. Orthodor oder radikal hat lange nicht für k ine Richtung die übe» len Folgen als ein zweideutiges, wankelmüthiges Benehmen d« Nabbinen. Dies Wanken und Schwanken der Rabbinen überhaupt ist ein wahrer Krebsschaden, eine Fata morgana, welche das Volk in seinen Ansichten, Grundsätzen und Hoffnungen auf Abwegen trostlos umherführt; so daß cs zuletzt ganz rathloS geworden, nirgend seine fromme Regungen auszudrücken und hinzutragen weiß und entweder in Wcrkhciligkeit oder religiöser Leichtsinnigkeit und Gleichgültigkeit ausarten muß. In fast allen unseren Synagogen finden wir noch die größte Unordnung; an irgend eine bessere Einrichtung ist nicht zu denken. Wenn ich Ihnen nur anführe, daß man den Lehrer in der Stadt I. am m*n mcs mit Wimpeln anband, und deshalb die Thätcr, vor Gericht gefordert, angaben, daß das bei den Juden schon seit undenklichen Zeiten so geschehen und geschehen müsse, so bedarf es wohl zur weiteren Charakerisirung unseres Synagogrnwesens keines Wortes mehr. Von unserem Schulwesen vermag ich übrigens auch nichts Besseres zu berichten, jedoch zeigt sich uns die Zukunft hierin viel erfreulicher, da sich die Regierung hiefür sehr interefsirt und bereits sehr zweckmäßige Verordnungen hierüber erlassen hat. Sie verpflichtet die Jugend zum Besuche der christlichen Schulen, da wo keine bestehen, gestattet und wünscht sie den Besuch der höhern Lehranstalten, stellte seit 1342 die jüdischen Religionslchrer unter die Aussicht des Staates, sorgte für deren I finanzielle Besser- und Sicherstellung, (ließ jedoch den Gemein-

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