Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1846)
- Date
- 1846-09-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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309 trstation hinzu: „Diese ist offenbar vom seligen Reform. Vereine ausgegangcn, eine Stimme aus der Unterwelt". Unseliger Irrihum eines Allerweltblattes! Auch sie ist nicht vom Reformverein ausgegangen, der nun einmal von den beanstandeten Beschlüssen keine Notiz genommen hat. Hr. Philippson findet den Inhalt dieser Protestation teilweise unschuldig und theilweise albern; für albern passirt sonst deren Verfasser, und waS von ihm herrührt, wirklich nicht; der Lithogr.iphirte hat abermals einen gewaltigen Bock geschossen. Er meint die erste Protestation habe „den Mitgliedern des ehemaligen (?) Reformvereines die Pistole auf die Brust gesetzt, und sie der Frage Preis gestellt: stimmt ihr mit den Beschlüssen über den Sabbath, mit der Nicht« Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag überein, oder nicht? wollt ihr dazu schweigen oder nicht"? Wir nun, die wir doch auch zu diesen Mitgliedern zahlen, haben von einem solchen Zwange nichts erfahren, wir haben weder die eine noch die andere Protestation unterzeichnet, wohl aber die vorjährige Adresse an die Rabbinerversammlung, welche wir keineswegs, wie Herr Philippson weiter annimmt, ungeschehen machen möchten, da bei größerer Einstcht die Herren in Breelau aus solchen hätten lerj neu können von welcher Seite her und für welche Bestrebungen sie Dank und Unterstützung zn erwarten hatten. Wenn wir nach Art der Philippson und Stein von den „Herren" reden, ha« ben wir die Mehrheit der Versammlung im Auge, nicht di» ach« tungs« und allein beachtungswerthe Minderheit. Wie, wenn einige Dutzend orthodoxer Rabbiner erschienen wären, und per majora beschlossen hätten, der Schnlchan Aruch sei und bleibe für die ganze Zudenheit unabänderliche Norm, hätte das nicht allgemeines Gelächter erregt? Nichts destoweniger würde eine Mehrheit und auch ein Beschluß vorhanden gewesen sein. Die Beschlüsse einer Versammlung, welche selbst für sich keine gesetz« gebende Gewalt in Anspruch nimmt, haben als solche keinen, und nur Werth als Ausfluß und Zeichen des Geistes, welcher sie hervorgerufen. WaS die Rabbinerversammlung im vorigen Jahre beschlossen? Kaum daß wir uns deß mehr entsinnen. Allein es trug das Gepräge der Zeit, es sollte die Traumwelt zernichten helfen, in welcher so viele unserer Glaubensgenossen unter bösem Alpdrücke leben. Tragen die diesjährigen Sabbathbeschlüsse dasselbe Gepräge? Prangen sie nicht vielmehr mit dem mittelalterlichen gelben Abzeichen des auserwählten Volkes? Was soll der christliche Leser oder gar Staatsmann davon denken, wenn eine Versammlung der aufgeklärtesten Rabbiner Deutschlands im Jahre 1-46 beschließt, daß „in Fällen wo die ganze zeitliche Wohlfahrt, wo Habe und Gut, wo die Mittel für die künftige Existenz, bedroht sind, auch am Sabbath Anordnung zur Rettung zu treffen, und selbst zu retten» mit keiner religiösen Pflicht streite, daß wo Lebensgefahr drohe, für Israeliten oder Nichtisraeliten, alles zur Abwehr drrsrlben zu thun erlaubt, ja geboten sei". Und Ihr wundert Euch, wenn man sich mit Ekel von solchen Beschlüssen abwendet, und Ihr wähnet, man habe von Euch erwartet, Ihr würdet die Sabbathfeier auf den Sonntag verlegen, und finde sich nun, da eS nicht geschehen, desappointirt? So sehr hat Euere Stellung niemand verkannt, um Euch so etwas anzumuthen. Ihr aber habt Euere Stellung und Euere Zeit verkannt, wenn Ihr nicht einmal den Schein des Fortschritts zu wahren wußtet; Ihr habt ein Institut gefährdet, daS sich „als mächtigen Hebel zur Läuterung unserer religiösen Zustände hätte bewähren"*), können, als Ihr wässerig«sentimentaler Mittelmäßigkeit und talmudisch «kasuistischer Pedanterie wie Leitsternen folgtet. (Schluß folgt.) Herr L. H. Loewenstein. / (Frankfurt a. M., im Sept.) — Wir thcclcn Ihnen folgendes in der Ober-Post-Amts-Zeitung vom 13. d. abgedruckte Inserat als curiosum zur Aufnahme mit: „Frankfurt, 11. Sept. — Wenn, nachdem die Redactronen der „Deutschen Allgemeinen Zeitung", des „Orient" und der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" erklärt haben, daß ich in keinem dieser Blätter je ein Wort über den hiestgen jüdischen Reformverein habe drucken lassen, der unglückliche / - Correspondent deS „Israelit" doch gleichwohl noch in Nr. 37 des gedachten Blattes fortfährt, mich für den Verfasser der Artikel gegen den Reformverein auszugeben, so muß eine so wunderliche fixe Idee der bekannten krankhaften Seelenverstimmung jenes /-Correspondenten nachgesehen werden. Wenn jedoch der Redacteur der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums" selbst, in Nr. 36 seines Blattes, seinem bessern Wissen und seiner eignen Erklärung zu Trotz, etwas AehnlicheS andeutet, so kann dieß aus vielen Gründen nicht anders als unverschämt genannt werden. — Wer übrigens Lust hat, jenes zur Ehre des Herrn und der „guten Sache" erfundene Mährchen, oder das nicht minder grundlose Gerücht, als hätte ich je in einem öffentlichen Blatte für die Tendenzen und das System der 77 orthodoren Rabbiner, welche in ihrem Sinne gegen die Braunschweiger Rabbiner-Versammlung protestirt, Partei genommen, durch Be- *) Geiger, a. a. 0. S. 12.