Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1846)
- Date
- 1846-09-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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302 ser Nab bitten gegen die Braunschweiger Versammlung waren selbst ein schönes Zeugniß für sie. Wie ein starkes Gewitter den sterilen Boden auflockert und befruchtet, so hat sie den Conscrva. tismuS selbst zu neuem Leben aufgeregt, aus seiner eigenen Mckle wird eine Theologenversammlung zusammentreten, welche schon durch ihr bloßes Znlammentreten die Nothwendigkeit der Reform j ausspricht. Nach solchem erfreulichen Anfänge in Braunschweig hat die Rabbiner. Versammlung in Frankfurt a. M. sich aber bereits auf ein neutrales Gebiet begeben. J-: ihrer beliebten Vcrschiebungsmethode hat sie sich nur mit dem Gebete beschäftigt, welches bekanntlich nachbiblisch und größtentheis auch nachtalmu« disch ist. Hier konnte man sich leicht in freisinnigen Reden ergießen, ohne selbst der talmudischen Rcchtgla'ubigkeit Waffen in die Hand zu geben. Die Frankfurter Rabbiner. Versammlung hat daher die entschiedncrn Reformfreunde nicht befriedigt, ohne sie jedoch von der Sache der Rabbiner-Versammlung abwendig zu machen; sie wollten noch ruhig die dritte Rabbiner - Versammlung mit abwarten, für welche die Sabbath-, die Ehe« und die Speisegeseßc zur Berathung bestimmt waren. Diese drei Gesetze find die eigentliche Seite des Judenthums, mit welcher das Leben immerfort in Collision ist und wo die höhere Versöhnung so sehr noth thut. Auf der andern Seite waren diejenigen Reformfreunde, die sich von keinen Prinzipien leiten lassen, sondern nur aus einer äußern Nöthigung, aus einem sogenannten Zeitbedürfnisse sich zur Reform Hinneigen, mit den Beschlüssen der Frankfurter Versammlung nicht einverstanden, und diese hatten daher auch in größer» und gcbilvetrrn Gemeinden fast gar keinen praktischen Erfolg. Dies hat nun die dritte Rabbinerversammlung, die durchaus praktisch sein wollte, vollends einzeschüchtert und zu einer thätigen Unthätigkeit zu einem Dor« und Rückschreiten zugleich, überhaupt zum Widerspruch verleitet. Die dritte Rabbiner. Versammlung hat die entschiedeneren Reformfreunde von sich abwendig gemacht, sie hat den Tadel der öffentlichen Meinung hervorgerufen, außer den offiziellen Lobrednera derselben hat sich in allen öffentlichen Blättern, wo von ihr die Rede gewesen, keine einzige Summe zu ihren Gunsten erhoben. Zn Frankfurt ist auch ein Protest gegen diese Versammlung erschienen. Wir wissen zwar nicht, ob dieser Protest von solcher Wichtigkeit sei, wie sie ihm die Protestirenden beigelegt haben; ober wir können auch davon absehen. Zn dem Schweigen selbst, welches sowohl die Consrrvativen als auch die Reformfreunde beobachten , liegt das Urtheil gegen die dritte Rabbiner - Versammlung ausgesprochen. Zn unserer so viel getheilten Zeit muß jede wirkliche Lebensäußeruuz auf dem religiösen Gebiet hier freudig begrüßt, dort heftig angegriffen werden. Alles aber was mit Schweigen und Gleichgültigkeit ausgenommen wird, ist auch in sich gleichgültig und stumm. Da aber die dritte Rabbiner' Versammlung blos Verzugs« weisc den neuen over vielmehr den alten Weg eiiigeschlagen, und sie überhaupt von den einzelnen Miigliercrn in deren anderweitigen Reformbestrebungen untrrschikd.'n werden muß, so darf man sich wohl der Hoffnung hingeben, daß die nächste Rabbiner - Versammlung wieder in die einzig rechte Bahn zurückkehren werde, auf welcher sie sich in Braunschweig bewegte. Man wird die dritte Nibbiner. Versammlung um so mehr als ein von den Personen getrenntes historisches Faktum einer wohlwollenden, aber scharfen Kritik unterziehen können, und es wird dies namentlich die Aufgabe des „Israeliten" sein, welcher sich über die Rabbiner selbst zum Geist des „neunzehnten Jahrhunderts" erhebt. Die Berathungen der dritten Rabbiner - Versammlung hatten zu ihrem Gegenstand den S.ibbath, die zweiten Festtage, die Trauergcbräuche und die Beschneidunz. Der Sabbath nahm die meiste Zeit und Aufmerksamkeit in Ansprach, jeveS Mitglied hat eine Rede über denselben gehalten, und der bei weitem größte Theil der Protokolle wird mit der Sabbaths - Frage ausgefüllt sein. Auf die Protokolle werden wir nach ihrem Erscheinen noch znrückkommen, hier können wir es nir mit den Beschlüssen, den eigentlichen Le stnngen der Rabbiner. Versammlung zu thun haben. Die Protokolle enthalten die theologische Begründung und Bekämpfung dieser Beschlüsse und haben eben nur für daS theologische Publikum Interesse, das allgemeine Publikum und die öffentliche Meinung können sich nur an di: Beschlüsse und die in ihnen ausgesprochenen Gedanken halten. Der einzige Punkt in den Beschlüssen über den Sabbath auf welchen die Rabbiner. Versammlung ein besonderes Gewicht legte, ist No. 10. welcher wörtlich lautet: „Die Rabb.-Vers. erklärt, daß der jüdische Beamte, in so weit er sich am Sabbath den Geschäften nicht entziehen kann, seinen Amts- Pflichten genügen, daß er aber nichts destowcniger bemüht sein müsse, in anderer Weise, namentlich im Hause, die Weihe deS Sabbaths herzustellen". Was nun das Materielle dieses Beschlusses betrifft, nämlich die Gestattung der Amtsarbeiten am Sabbath, so ist diese schon zu unzähligen Malen von den deutschen Juden, wenn auch nicht speziell, ausgesprochen worden. Die zahllosen Petitionen um die politische Gleichstellung der Juden setzen nothwendigcrweise die Erlaubniß der Amtsarbeiten am Sabbath voraus, denn sonst könnten die Juden keine Aemtcr annehmen, da die Amtsgeschafte auch am Sabbath verrichtet werden müssen. Da es nun Keiner in Abrede stellen wird, daß die meisten deutschen Juden und namentlich diejenigen, ans welche die Rabbiner-