Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1846)
- Date
- 1846-09-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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150 Bibel allein sich stützenden rabbinifchen Glauben bekänp't. Derselbe heilige Wille, welcher die Sühne einst an das Opfer knüpfte und dann später von dies m trennte. wird sie dereinst wieder an das Opfer knüpfen. Wer kann und darf feine unerforfchlichcn Rathschlüsse ergründen wollen? Haben wir ja erst ganz neulich wieder zur Beruhigung der Gewissen über den Zwiespalt zwischen hartnäckigen Buchstaben und dem juckenden Gedanken den vortrefflichen Grundsatz im Namen Gottes aussprechen gehört: Denkt, was ihr wollt— gebt, was ihr sollt! Wie wollen wir also dm Nabbinen, die einen solchen Zwiespalt gar nicht kannten, ihre fromme Anhänglichkeit an den Buchstaben verargen? Doch sehen wir, ob der rabdinischc Glaube an die Restauration des theokratischen Verhältnisses auf talmudischem Standpunkt in der That in eine Jnconsrquen; auslaufe und die Behauptung des Berf., die in keinein Falle diesem Glauben Abbruch thun kann, überhaupt begründet sei. S. 12 wird die Ansicht der Rabbinen erwähnt, daß in Ermangelung des Tempels das Lesen der Opferkapitel das Opfer ersetzt und dieses Lesen eine geistige That genannt» die als ein Innerliches das äußere Opferwcrk vertritt, worauf bann die Frage folgt, wie man bei diesem vollständigen Ersätze die Opfer noch vermissen, d. h. deren einstige Wiedereinführung wünschen und glauben könnte? Wir befinden uns hier — was der Verfasser gar wohl erkennt — auf e nem Gebiete deö Talmuds, wo Halacha und Hagada in einander fließen, und da wir in der gegenwärtigen Diskussion lediglich jene im Auge behalten können — in der Hagada steht die Ewigkeit deS CeremonialgcsctzeS bekanntlich auf sehr schwachen Füßen —, so thut eS vor Allem NothdaS halachische Material vom hagadischen zu sondern, und zu ermitteln. welche von den vielen rabbinifchen Ansichten hinsichtlich eines einstweiligen Substituts für den ehemaligen Opferdienst in das Gebiet der Halacha gedrungen sei. In vorliegender Schrift werden vier solche Substitute genannt: Lesen der Opferkapitel, G esetzesstudium, himmlische Opfer »nd Gebet, and blos die himmlischen Opfer in das hagadische Gebiet verwiesen. Drm Vers., welcher lediglich die Eristcn; eines geistigen Er. satzmittels für das äußere Opfcr auf rabbim'schem Standpunkte Nachweisen will, kann es freilich ganz gleichgültig sein, mit welchem der genannten Substitute die Rabbinen es ernst gemeint haben, wrßhalb auch S. 14 Gksetzesstudium, Gebet und Lesen des Opferritus gar nicht geschieden und die beiden letzteren in höchst auffallender Weise sogar identifizirt werden. Für den Endzweck der gegenwärtigen Untersuchung dürfte jedoch eine solche Ermittelung hier ganz an ihrem Platze fein. . Die Rabbinen haben auf die Frage, womit Israels Sünden ohne Tempel, Priester und Opfer gesühnt werden, noch mehrere Antworten; sie lauten: v'N'Ny ,*i*3pn '2öV "lv8 □rvVy 8nn no tsnpo p»o ab nrb 'vp vbv on '28 D“l;n UTtfSSl '8 p’TJ *72'2 '28 n"3pH *1D8 Dirnuiy b? h]) Dn’^>y (Midrasch Rabba zu Exod. Par. 35. Vergl. Zes. C. 53. Makkoth 11 b. aus Sanhedrin 39 a).- (Berachoth 55 a) l'BOyi TOTO D«p p"cn3ü JOT bin by msjao nAa pm* 'i nax ieoo cm bv tfnbr (Tract. Sanhedrin 37 d.j Obgleich nun die letztere Ansicht, bekanntlich halachischer Abstammung. nicht geradezu in Bezug auf die zerstrrDrn Israeliten ausgesprochen wird, so ist doch deren Anwendbarkeit auf dieselben nach der ganzen rabbinifchen Anschauung sehr natürlich und einleuchtend, da die Rabbinen die Zerstreuung wie bekannt, in allen Beziehungen als wahrhaftes m*?2, als ein schmerzhaftes LoSgerissensein von der geliebten Heimath und Umherirren in der Fremde betrachten. Hiernach-wäre aber die Consequcnz der Nabbinen vollständig gerettet. Der Zustand der Zerstreuung bietet schon an und für sich selbst jenes Siihnmittel, das an die Stelle des Opfers tritt, hingegen mit der Rückkehr Israelin die Heimath. welche doch jedenfalls wcht blos um des Opfer« dien fies willen Roth thnt, seine Wirksamkeit einfach deshalb, weil es zu sein anfhört. wieder an das Opfer abtreten muß. Wir gestehen jedoch sehr gerne die Unzulänglichkeit einer Rechtfertigung des rabbinischen Standpunktes zu, welche blos auf hagadische Floskeln sich stützt. Nur fordern wir eine gleich richtige Schätzung solcher Floskeln auch da, wo sie als Waffe gegen den rabbinischen Glauben an die Wiederherstellung des OpferdienstcS gebraucht werden sollen. Ohne Zweifel gehören aber mit Ausnahme deS Gebets, dessen inniger Zufanmenhang mit dem Opfercultus halachisch anerkannt wird (vergl. Maim. Gebet 1, 5—10 u. 3,1—11) alle übrigen erwähnten Opfcrsubstitute in das hagadische Gebiet. Wäre es wahr, was der Verf. behauptet, daß nämlich die Ansicht von der Opfervertretung durch das Lesen drr Opferkapitel, deren Einkleidung schon eine durchaus hagadische Natur zeigt, einem Einfluß auf die Halacha gewonnen habe; so müßte ja, wie inden Mussaphgebrten. auch im täglichen Gebete refp. in den 19 Benedictionen drr betreffenden Opfer speziell Erwähnung geschehen. Wohl wird die tägliche Lesung des Opferkapitels in Sch. A. Arach Chaiim 1. 5 empfohlen, aber durchaus nicht geboten, waS ebensowohl der Ausdruck 37C1, wie der späte Ursprung dieser Sitte und die ganze Zusammenstellung mit den übrigen dorterwähnten Lcsekap.teln beweist. Ans gleichem Grunde kann aber auch dem Gebete die Vertretung der Opfer wenigstens nicht schon deßhalb zukommen, weil der Opferri uS an gewissen Tagen einen Bestandtheil desselben bildet. Es müßte ihm somit diese Vertretung als Gebet überhaupt, als Akt der Andacht zuerkannt werden.