Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1846)
- Date
- 1846-09-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Literatur-Blatt zmn Israeliten des |9. Jahrhunderts. Enthaltend: Abhandlungen, Aufsätze, Reeensionen, literarische Aphorismen rc. rc. für die gesammte höhere Wissenschaft des Judenthums, und unter Mitwirkung von Geiger, Holdheim, S. Hirsch, Jost, Rießer, Herzfeld Wechsler, Maier, Rebenstein, Stern, Dukes, Adler und vieler anderer Gelehrten redigirt und herausgegeben vo« vr. M. Heß, Großherzogl. Weimarschem Land-Rabbinen in Eisenach. Nr. 37, Sonntag den 13. September 184,0. i. Jahrgang. Mir. Holdheim's Schrift: DaS Ceremonialgesetz im Messiasreich, besprechen vorn Land-Rabbinen vr. Einhorn. Die Bewegungen der Gegenwart auf jüdisch-religiösem Gebiete charakterisiren sich unstreitig durch das Streben nach Wahrheit im Leben. Die Idee, bisher kaum an ihre eigne Berechtigung glaubend und nur schüchtern und verzagt neben dem ihr zürnenden Colosse der Gewohnheit hinschleichend, fühlt sich endlich stark genug, diesen zu bewältigen und das Leben zum Gehorsame gegen ihre Aussprüche zu zwingen. Es fehlt wohl auch in den letziverflosscnen Dezennien nicht an häufigen Beispielen, daß die Idee aus ihren Gräuzen heraus auf das Gebiet des Lebens sich wagte und hier dem Herkommen den Krieg erklärte; aber es geschah dies in der Regel in völligem Zwiespalte mit der religiösen Anschauung, die von jener noch lange nicht durchdrungen war, wo nicht gar noch mit allen Fasern im Herkommen wurzelte. Das Bestehende galt ihr, der fortschreitenden Idee, immer noch als das eigentlich Legitime, unv sie wagte es wohl, gegen dasselbe zu rrbrlliren, nicht aber, für sich selbst Legitimität anzusprechen. Es hat dies seinen Grund offenbar in jenem naturgemäßen Entrv^ckelungsgange, wornach der mit der Sitte collidirende Gedanke ist feinem ersten Aufleuchten vorerst nur noch Sache des kalten, zersetzenden Verstandes und somit blos negativer Natur sein kann, bis er allmählig in jenes Stadium rintritt, wo fein Licht auch Wärme spendet, d. h., zum religiösen Bewußtsein ihn zeitigt, wo er vom Kopf in's Herz dringt, und der Aether der bloßen Negation, des Verstehens, zum Positiven, zum Glauben und Gemüthsleben sich verdichtet. In dieses Stadium der Entwickelung ist der Reformgehanke gegenwärtig getreten. Er hat die Herzen entzündet unv ist eben dadurch zum religiösen, und indem seine Verwirklichung und lebenskräftige Acußerung als Akt der Verpflichtung, als religiöse That dringend gefordert wird, selbst zum positiv-religiösen geworden. Unsere modernen Romantiker , welche, obgleich sie längst mit dem früheren religiösen Bewußtsein gebrochen haben, dem der Neuzeit, welches sie sich noch nicht anzueignen vermochten, den Charakter der Positivität völlig absprechen und so gewaltige Jeremiaden über die destruktiven Tendenzen der Gegenwart anstimmen, tragen im Grunde nur ihre innere Zerrissenheit, das Haltlose und Negative ihres religiösen Lebens zur Schau, welches, genau genommen, lediglich da- Schwelgen in wehmüthigen Rückerinnerungen an den entschwundenen Frieden der naiven Gläubigkeit, den Schmerz über ihren Unglauben zum Gehalte hat. Es verdienen daher um so mehr unsere volle Anerkennung jene Männer, welche, solcher trägen Sentimentalität gegenüber, die Umgestaltung des jüdischen GlaubenS und Thuns als eine vollkommen berechtigte und vom Judenthume seiner reinen Auffassung nach dringend gebotene nach, weisen und so das religiöse Bewußtsein der Gegenwart immer stärker und fruchtbarer zu machen suchen. Holdhekm, dessen Leistüngen in seiner „Autonomie der Rabbiner»" zu den vortrefflich, sten dieser Art gehören, verfolgt nun diese schöne Aufgabe auch in vorliegender Schrift mit der ihm eigenen Emsigkeit und Geistesschärfe. Es wird hier mit überzeugender Klarheit die Ansicht begründet, daß das Messiasreich nicht, wie die Rabbiner glauben, in der Restauration des ehemaligen theokratischen Verhältnisse- und nur einstweilen lückenhaften gesetzlichen Zustandes, sondern gerade im Aufgeben aller theokratischen Ueberreste und alles bkoS relativ Religiösen, wie in der allgemeinen, von Israel mit allen Menschen geteilten Erkenntniß und Verehrung deS absolut Reli. giösen, der ewigen Wahrheiten und deS reinmenschlichen Sitten, gesetzes des Judenthums, bestehe. Als den eigentlichen Quell für diese Erkenntniß gibt der Verfasser unser Religionsbewußtsein an, welches die niedrige Sphäre des gesetzlichen Partikularismus nun