Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1846)
- Date
- 1846-09-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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154 absichtlich vergrößern zu wollen; ich sage absichtlich, denn geschieht es unwillkürlich, nun, dann ist die Verblcnrung so groß, daß ich an dem Geiste des Mannes ganz irre werden muß. Zunz'S Haß scheint vorzüglich gegen einen Hrn. Dessaner entbrannt zu sein, der vor Kurzem eine jüdische Geschichte Herausgaben — wie wir solche Tücher in allen Fächern sehn, zusanwiengeschrieben und unverdaut; hätte immerhin Z. eine donnernce Recension über die. ses Werk geschrieben, wir hätten Nichts eiu-uwenden gehabt, al. lein „er hielt eS zu geringe, seine Hand gegen D. allein auezu« strecken", vielmehr weil er ein in der Gegenwart lebender jüdischer Autor ist, greift er alle jüd. Autoren der Gegenwart an. Wenn DieS von christlicher Seite geschähe, würden wir den alten, aber ewig jungen Haman wittern; was sollen wir aber sagen, wenn ein solches Verfahren unter uns selbst grübt wird, von einem Manne geübt wird, der „unsere Autoren" bezüchtigt. sie „gingen mit Schmäh, und Vcrkltzcrungssucht voran, ein jeder von feiner Wichtigkeit aufgebläht", der es für das größte Unglück hält, wenn zu der Neigung, das Fremde zu überschätzen, die Verhöhnung res Eigenen binzukömmt"? Für ein solches Verfahren habe ich wirklich keine Bezeichnung. Z. meint, die Forderung, daß daS „jüd. Publikum riejcnigcn, die feit zwei Jahrtausenden, die Träger un. serer Literatur sind, kennen, ihr Wollen begreifen, ihr Wirken ach. ten, ihre Leiden fühlen solle," scheirere daran, daß daS Volk Solches doch nicht lernen könne, von jenen Autoren, die alles Alte was jüdisch ist, mit Füßen tretend, unaufhörlich ausrufen, daß erst mit ihnen das Heil komme und die Wahrheit..., auch von jenen nicht, die die hebr. Bücher verbrennen, die Kenntniß dieser Sprache unter uns ausrottcn möchten, weil dieselbe Palästina und das Mittelalter, den Partikularismus und das Veraltete vertrete rc." Ist man über die Anforderung erstaunt, so ist man über die Entschuldigung, warum sie nicht erfüllt wird, entrüstet. Das jüdische Publikum! was ist daS eigentlich für ein Ding? Soll der jüdische Ackerbauer und Handwerker, überhaupt jeder nicht zu den gebil. deten Ständen Gehörige durch und durch geschichtskundig fein und Rechenschaft geben können über den Charakter unserer Vorzeit? Ader auch unsere Gebildeten, an die man größere Ansprüche zu machen berechtigt ist, die sollen „das Leiden der Männer, welche seit zwei Jahrtausenden die Träger unserer Literatur sind, fühlen"? Etwas Unklareres wird wohl selten gesagt werden. Al. lein alles Dies ist nicht der Fall, und warum? weil, meint Z., unsere Autoren alles Alte, waS jüdisch ist, mit Füßen treten re. Alberne, lächerliche Beschuldigungen! Seit einem Viertrljahrhnn. dert ist die Thätigkeit der jüdischen Gelehrten mit Ernst auf die jüdische Geschichte hingelenkt und die Theilnahme daran wächst von Jahr zu Jahr, und man wagt eS, solche Schmähungen auS. zustoßen? Ja, wir bekämpfen die Seligsprechungen Palästina's, die sich spreizenden Anmaßungen, welche heute noch das Mittrlal. ter, den Partikularismus und das Veraltete vertreten wollen, wir bekämpfen sie im Dienste der höhern Idee, die gegen solche Beschränktheit protestirt, wir bekämpfen sie im Dienste des Juden« tdums, dem wir dadurch mehr Heil bringen als wenn wir „zwei und drei Male Israels Alterthum preisen", wir bekämpfen sie in Würdigung der Geschichte, deren Vcrstänvniö wir dadurch mehr bekunden, als wenn „wir alte Bücher lesen und Stellen, in denen die Seelen längst Verstorbener zu uns sprechen, cinstreichen", was wir übrigens auch nicht zu thun versäumen; aber nur rin Zelote kann sagen, man wolle die hebräischen Bücher verbrennen, man möchte vre Kenntniß der hebräischen Sprache ausrotten. Erst jetzt werden Jahrhunderte lang vergrabene und vernachläßigte, weil! nicht der Unwissenheit und dem Stumpfsinne der früher» Zeiten! fröhnenve, Werke mit Eifer der Vergessenheit entrissen, Vorlesun. j gen über jüdische Geschichte im Allgemeinen, wie über einzelne ■ Partien derselben werden gehalten, die jüdische Geschichte wirr! mit ausgenommen in den Lehrplan für Schulen; ist das der Zer«! ftörungseifer, den Hr. Zunz wähl nimmt? Er vergleiche doch un.! scre Thätigkeit in dieser Beziehung mit der der Vorzeit, mit der! der alten Gelehrten. Ja, „die Alten, meint Z., hatten weder Muße noch Beruf, Einzelner Leben zu betrachten und deren Thaten der Mitwelt vorzulegen." Sie hatten keine Muße? Ach, sie haben uns so viele unnütze Folianten hinterlassen, daß Mangel an Zeit sie kaum entschuldigen kann. Und wie unsere Zeit, die ei« neu Jeden in das thätige Leben treibt und mit Recht treibt, die nach einer so großen Umwandlung und in so großen Kämpfen noch nicht dazu kommen konnte, eine friedliche Stätte für die Wis. senschaft zu gründen, wir hätten wirklich so viele überflüssige Muße, um mit aller Sorgfalt Geschichte zu schreiben, statt, ein Jeder nach seinem Theile, an der Geschichte mitzuarbeiten? Sie hatten keinen Beruf dazu; sehr wohl. Sie hatten keinen Begriff von Geschichte, sie kannten keine Entwickelung, ihnen war Alles ein festes, ewiges Sein, nicht ein allmäliges Werden, und sie konnten daher für schwindende Personen weniger Jntrrrsse grwin. nen, die, ihrer Ansicht nach immer gleiche und dauernde Sache galt ihnen allein als der Betrachtung werth. Uns identificirt sich mehr die Sache mit den Personen, wir erblicken deren Wechsel« Wirkung, die Zeiten kommen für uns nicht blos nacheinander, son« dern auch die spätere erzeugt, bestimmt durch die frühere, wir wollen unsere Gegenwart begreifen durch die Vergangenheit; darum ist uns vie Geschichte wichtig, darum haben wir auch Beruf zur Geschichtschreibung. Wenn die Zeit diesem Berufe gemäß noch nicht Alles gewirkt, nun, so haben hauptsächlich dir früheren daran