Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-09-06 · Heft 36 (6.9.1846) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 36 (6.9.1846)
Date
1846-09-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2566751-2567017-2567054--2260-2570283
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

28« Wahrung im Luge haben, werden wir wohl kaum erst zu erinnern brauchen. Zwar hat auch die Berliner Ncformgenosscnfchast gleich Anfangs eine Adresse an die Rabbincrvcrsammlung erlassen, in welcher sse unter höflichen Redensarten derselben daS im vorigen Zahre geschlossene Bündniß halb und halb wieder aufkündigt und bei ihren Beschlüssen nicht stehen bleiben zu wollen unumwunden erklärt; doch geschah dieses mit Manier und bitte und selbst unter Versscherungen fortwährender Lhcilnahmc, deren Aufrichtigkeit zu bezweifeln kein triftiger Grund vorhanden war, so daß das Verfahren der Versammlung, welche auf diese Adresse gar keine Antwort ertheilte, oder vielmehr daS Begehren derjenigen Mitglieder, welche auf einer Antwort voll Mißbilligung und strengen Tadels beharrten, nicht ganz der Billigkeit angemessen erscheinen möchte. Auch in den politischen TageSblättern, namentlich in den sogenannten liberalen, sind die Verhandlungen und die Beschlüsse der diesjährigen Rabbiner- Versammlung vielfach angegriffen und als dem Geiste der Zeit, Welcher ganz andere Reformen und viel bedeutendere Concessionen Ln Anspruch nehme, nicht entsprechend, hart getadelt worden. Sollen wir nun unsere Meinung aufrichtig und ohne Rückhalt aussprcchen, so müssen wir den ausgesprochenen Tadel für viel zu hart und unbillig, namentlich aber den Ton der mehr erwähnten Verwahrung als einen höchst ungebührlichen und anmaßlichen erklären. Die Rabbinervcrsammlung muß man einmal bei den praktischen Reformen, welche sie cinzuführen beabsichtigt, wie sie dieses selbst wiederholt uusgesprochcn, den Standpunkt der Mehrheit der Gemeinden berücksichtigen, und kann eben darum den Anforderungen einzelner weiter Fortgeschrittener selbst dann nicht Genüge thun, wenn diese Anforderungen auch sonst in theoretischer Beziehung wohlbegründet sein sollten. Zndeß sind anderntheils auch die Beschlüsse der diesjährigen Rabbiner-Versammlung von der Art, daß keine Partei dadurch recht befriedigt werden konnte. ES liegt freilich schon in der Natur der Sache, daß derjenige welcher als Vermittler zwischen zwei schroff einander gegenüberstehenden Parteien auftritt, keine derselben sich zu Danke verpflichtet, sondern gewöhnlich die Feindschaft von beiden, als Lohn seiner Mühe einerntet. Eine solche vermittelnde Stellung nimmt aber die Rabbinerversammluug ein, zwischen denen, welche das geschriebene Bibelwort eben so wenig als Nonn für Lehre und Leben wollen gelten lassen, wie die rabbinische Ausdeutung desselben, und zwischen denjenigen, welche jede Satzung aus Talmud und Schulchen Anuh so heilig ist, wie die Karsten Aussprüche der Schrift. Allein etwas mehr Consequenz hätten wir immerhin von den in Breslau versammelten Rabbinern gewünscht und erwartet; und obgleich die gefaßte» Beschlüsse immerhin von denr Geiste des Fortschritts der die beiden frühern Versammlungen beseelte, eingegeben waren, so scheint eS doch, daß ein großer Theil der Mitglieder schüchtern und ängstlich geworden war, woraus ein Schwanken und eine Unsicherheit entstanden, welche f eilich jene, die rin entschiedkiies Anstreten wünschten und erwarteten, mit Unzufriedenheit erfüllen mußte. Ucber den Sabath wurde zu viel dcbattirt und auch zu viele Beschlüsse gefaßt. Die Versammlung war, so viel aus den öffentlichen Berichten zu ersehen, darin einig, daß das biblische Arbeitsverbot aufrecht erhalten werden sollte, daß dagegen die auS der talmudlschen Erklärungsweise heroorgehcnde übergroße Strenge der Sabbathfeier n'cht nur über das göttliche Gesetz weit hinausgehe, sondern auch einer würdigen Feier des SabbathS selbst nachtheilig und daher möglichst zu mildern sei. Da wäre es nun, unsres Dafürhaltens, das Einfachste und Zweckmäßigste gewesen, zu erklären : Die Rabbinerversammlung hält es für Pflicht, für Wiederherstellung einer würdigen Feier des SabbathS als Tages der Ruhe und der Heiligung nach Kräften zu wirken, >n dem das göttliche Gebot b D ntPyn *6 au b für unsere Zeit volle Gütigkeit habe. Was aber unter zn verstehen sei, das müsse theils dem Gewissen der einzelnen Glaubensgenossen, theils der Belehrung in Synagoge und Schule überlassen werden. Wir fühlen freilich, daß damit noch nicht alle Schwierigkeiten gehoben sind. allein das Verfahren der Versammlung hat kern größeres Licht, wohl aber eher Unklarheit in die Sache gebracht. Der alte *]ny solte nicht mehr gelten und einen neuen wollte die Versammlung nicht aufstellcn; was lag also näher, als zn dem einfachen Bibelworte zurückzukchrcn und die Beobachtung desselben einzuschärfen? Ganz richtig bemerkte der reformirte Comnussionsbericht: „Die Spezialitäten führen in das Gebiet der Casuistik, aus dem wir gerade die Religion retten wollen." Nun haben wir aber in den neun Beschlüssen über die Sabbathfeier doch wieder so ein Stück von Casuistik erhalten, und ein Commentar dazu scheint uns auch gar nicht überflüssig zu sein. Eine zweite Inkonsequenz, welche der dießjährigen Rabbiner- Versammlung zum Vorwurfe gemacht worden ist, besteht darin, daß dieselbe, nachdem sie zuerst die zweiten Feiertage inSgesammt für abgeschafft erklärt hatte, sie dann des Tages darauf den zweiten Tag des Neujahrsestes gleic. s un ia integrum restituirt, und ihm „eine höhere Berücksichtigung" vindizirt habe« An der Sache selbst mag nicht viel gelegen sein, da diese höhere Berücksichtigung wohl nur dahin zu deuten sein möchte, daß die gottesdienstliche Feier des zweiten Tages lfr“m wie sie bisher

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.