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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-08-30 · Heft 35 (30.8.1846) · page 11

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 35 (30.8.1846)
Date
1846-08-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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151 rtn und phantasiereicheren ChaßidismuS mehr Nahrung als auf den dürren Steppen des nüchternen strengen und gewohnhejtSmäßigen RabbiniSmuS. Bald aber war ihm auch jener nur zu einem DurchgangSpunkt geworden für den freieren Aufschwung seines kühnen Geistes, und abgestoßen von den Ausartungen und der Sittenlosigkeit, in welche die Unwissenheit und der Mangel an der Zucht des Gedankens den ChaßidismuS gestürzt, tauchte er' sich in den lebendigen Quell wahrer religiösen Innigkeit, welche nur dann rein ist, wenn sie mit Klarheit des Geistes, mit dem umfassenden Blicke auf die Menschheit sich vermählt. Nicht in dunkeln, kalten Grüften wohnt wahrhafte Leligiosität, das Leben, das da sich zeigt, die eifrige Geschäftigkeit der Würmer fördert nar die Verwesung und die Zerstörung; sic gedeiht nur am freien, lichten Tage des Lebens, wo liebevolle Pflege des Gesunden und Kräftigen mit resignirender Bestattung des Dahinfchwindenden abwechselt. So rang Perl selbst hinan zur höhcrn Auffassung der Zeit und deS JudenthumS, und nicht gelehrt grübelnd, sondern mit praktischem Blicke beispringend, wo seine Hülfe nützen konnte, entfaltete er zuerst seine' großartige Thätigkeit zur Herstellung einer Erziehungsanstalt, die Große» und Heilsames gestiftet, wandte er dann seine Aufmerksamkeit auf Synagoge und Rabbinerthum und arbeitete mit Hingebung für die Verbesserung der bürgerlichen Stellung der Juden. Seine literarische Thätigkeit ging nur nebenher, sie war ihm selbst Nebensache, Mittel, aber sie zeigt uns in ihm nicht minder einen klarblickende» Kenner des jüdischen Schriftgebiets; das Wohlwollen, das durch seine Schriften hindurchleuchtet, der heitere Humor, der sie würzt, fesseln U»s mehr an dje liebenswürdige Persönlichkeit des Verfasser«, «lS an den Gegenstand, den er behandelt. Auch die „Skizze" lehrt ihn uns besonders von dieser Sette würdigen, und macht fle auch eine tiefer eingehende Biographie Pcrl's durchaus nicht entbehrlich, weckt sie vielmehr die Begierde danach nur noch um so mehr, so ist sie doch ein erfreuliches Geschenk, und weilen wir gerne hcj einzelnen Züge« von Männern, die ihre Spuren tief eingegrabkn, und hören gerne die innige Erzählung von ihrem Wirken. — Eine Ergänzung zu dieser Arbeit liefern gewissermaßen die „Briefe apS Galizien" von (Abraha)m (Koh)n (S. 193 — 207), sowie die Beschreibung des „Ghetto Ln Rom" von LH. Mannheimer, dem Sohn des Predigers M, in Wien (.S. 106— 112), die ebenbefprochene Schilderung der jüdischen Zustände Italiens ergänzt. Beide Arbeiten sind mehr xeflektirender als beschränkender Art. Der geflnnungStüchtige Lohn ist aus den Bestrebungen Deutschlands, au denen er so lkbkydigeu Antheil genommen, plötzlich in einen große» Wirkungskreis für Polen versetzt worden; er fand dort ein mächtiges Gewühl, dessen innerste Triebfedern als längst abgenutzt erkannt, die bessern Kräfte doch nicht so recht in dem geistigen Prozesse, welchen diese Bestrebungen in Deutschland durchgemacht und ferner durchmachen, sondern mehr äußerlich von ihnen angestreift oder äußerlich überwältigt. ES klingt bei seinen Aeußerungen eine gewisse Wehmuth durch, man merkt einen gewissen Mangel an Befriedigung, an Vertrauen auf die dortig» Entwickelung, je heimischer er jedoch auf dem neuen Bode» werden wird, je mehr er ssch in den dortigen Geist hinringelebt, er die anzuwendcnden Mittel erkannt haben wird, um so rüstiger und freudiger wird er sich auch dann erheben. Nicht in der Größe der Gemeinden findet er eine Potenz zu kräftigem Aufstreben, sie ist, bei der herkömmlichen Zersplitterung der Gemeinden in kleine Gottes- und Bcthäufer, wo nicht Biele ihr Lichtlein leuchten lassen können, bei den geringen materiellen HülfSmitteln der dortigen Gemeinden eher hinderlich, da das Herkömmliche in großen Gemeinden festere Wurzeln hat. Wenn in Deutschland größerer Wohlstand, häufigerer Verkehr mit den Mitgliedern anderer Bekenntnisse, größere Bildung und daS Dodürfniß nach engerm Anschlüsse an dir Gefittung der Zeit tu zeugen, so sind die Verhältnisse Galizien« auch darin ganz anders. Er betrachtet dann den ChaßidismuS von feiner gute» und schlechten Seite unb fleht nicht in der Anstellung wissenschaftlich gebildeter Radbinen, für welche die Gemeinden noch nicht reif seien, sondern in der Leitung einsichtsvoller Vorsteher und in der Errichtung tüchtiger Schulen das wahre Heilmittel für die dortigen Gebrechen. — In dem „Ghetto" gewahren wir, wie ein jüdischer Jüngling in edlem Zorne entbrennt über dastolze Rom, das Pracht und Fülle aus allen Zeitaltern und allen Zonen entfaltet, aber die Juden in Elend und Schmutz erhält, das kokettirend mit Glauben und Liebe prunkt, aberglaubensleere Kälte beweist. Wir begrüßen freudig den Jüngling, der bet allen großartigen und wunderbaren Eindrücken, die di» „ewige Weltstadt" in ihm hinterläßt, sich ein empfängliches Hertz bewahrt hat für das Wehe seiner dortigen Glaubensbrüder, diesen Schmerz liebend pflegt und glühend ausströmt; jedoch entschuldigen können wir es nur, wenn ihn solche Betrachtungen zu höchst einseitigen und befangenen Urtheilen führm. „Nicht irr den Pallästen, sagt er, sondern in den Hütten müssen wir die Anhänglichkeit an unser Volk (?) suchen. Mtt der Wahrheit und Andacht betet gar Keiner, wie der, dem der freie Blick t» die Zukunft verdüstert ist." Welch eine niedrige AuffaffnudeS Gebetes und der gottesdienstlichen Verehrung spricht sich in diesen Worten ans. Rur die Klage, di» Furcht, die Angst dürf-

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