Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1846)
- Date
- 1846-08-30
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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t«n dann im Gebete sich aussprechen, führten zur Frömmigkeit, nicht der Jubel unserer Seele über Gottes Größe und Majestät nicht der tiefe Friede deS Herzens, daS den göttlichen Quell in sich riefeln hört, nicht der fteudige Ruf, unserer Seele, die ihrer Einheit mit Gott sich bewußt wird, nicht die Innigkeit und Liebe, die sich mit der Welt verknüpft fühlt, die Menschen froh umschlingt, nicht die beschauliche Versenkung in das Innere, aus der wir demuthSvoll heraus und vor den heiligen Gott hintretea, nicht die vertrauensvolle Zuversicht, die auch im Schmerze ruhig lächelt. Wahrlich, eine niedrige Stufe der Religiosität, wenn solche einseitige Aussprüche nicht dem augenblicklichen Eindrucke, sondern einer Ueberzeugung entströmten! Nicht minder einseitig, ja durchaus falsch sind Belege und Ermahnungen, die an diesen Gedanken geknüpft werden. »WaS bei uns, so heißt eS weiter, der größten Sorgfalt kaum gelungen ist, die vereinfcfttn Stimmen, die zu ihrem Gotte schreien, zu einigen und t» Thören unfern Gott zu preisen, wie der Psalmist sagt, das Hab« ich hier gehört. ES war am Eingänge deS Jahres, ein »euer Jahr im schwere» Druck begann, ein ganzes Jahr war dirrOebt, war vorüber und all das, waS es mit sich gebracht. Und als nun ein Schrei des Schmerzes und des Jammers sich a«s der Brust losrang und Alle in demselben Augenblicke das Gleiche heiße Flehen zu ihrem Gotte emporsandten, da gab das ciitrn Einklang, den wir nicht kennen, den wir nie zu erreichen vermocht." Nur wenn Schmerz und Druck einen harmonischen Gottesdienst erzeugen, da hätte es uns wahrlich in Deutschland »« einem solchen nimmer fehlen müssen; denn den deutschen Jude« war wahrlich nicht daS beste LooS bereitet. Aber gerade fett Gegentherle jene edlern Formen des Gottesdienstes haben italienische und portugiesische Juden, wenn auch theilweise küm- «erlich und versteinert, aus den bessern Zeiten, aus den Zeiten höherer Bildung und freierer Gesittung sich gerettet; denn edle Forme«, das Gemütansprechende Einrichtungen gedeihen nur- Oma das Herz empfänglich ist für das Schöne, wenn der Geist ßeiat Schwingen entfaltet, d. h., wenn die Brust frei athmen Um und sich nicht immer »den Seufzer aus dem gepreßten prrzm los machen" muß. Und »un die Lehre: „Wer mit mir Wäre da-estanden von meinen Brüdern in Israel...., der hatte tskh zur Einsicht und Erkenntniß gebracht, daß nicht mit Wortat dir heiligsten Hoffnungen können vernichtet werden, daß wir »tcht «it einem Federzuge unfern Brüdern eine Zukunft wegstreichen können." Eine wahrlich traurige Verblendung! Hoff- MBgcn vernichten, eine Zukunft wegstreichen: wer wollte Dies, wer vermöchte Dies? Aber verblichene, entschwundene Hoffnungen sich erlügen — waS sage ich: sich erlügen, nein, mit dem Munde anssprechen, während das Herz ihrer spottet, eine Zukunst, die man als eine t numerische betrachtet, im Gebetbuch« stehen lassen, trotzdem und weil sie zur leeren, gedankenlose Gewohnheitsformel geworden, das mag hie und da rvmantisch klingen und zu poetischen Faseleien Stoff geben, aber dem wahrhaft Gläubigen, dem Verehrer des Gottes der Wahrheit muß solche Unwahrhaftr'gkcit, solche Aeußcrlichkcit als ein schmachvoller Frevel erscheinen, dem zu folgen mehr von Frömmigkeit zeugt, als schwächlich und grübelnd ein poetisches Weh mit sich hcrumzutragen. Dem, der wirklich hofft auf die Rückkehr nach Jerusalem, wer sich der Pracht des einst zu errichten* dcu in Gold strahlenden Tempels kindisch freut, wem der Angstschrei des Opftrthieres aus ferner Zukunft jetzt schon als Mahnung zur Andacht ins Ohr dringt, wer die Zukunft wirklich im irdischen Glanze eines jüdischen Reiches und irdischer Herrschaft und Obergewalt der Juden bunt sich ausmalt und in diesem Phantasiegebilde Trost, Freudigkeit und Erhebung findet: dem wird, dem will Niemand seine Zukunft rauben. Wer aber nüchternen, doch innigen Blickes die Frömmigkeit nicht an Jerusalem, nicht an den Tempel und nicht an den Opferdienst geknüpft sieht, der Zukunft Israels und der Menschheit von höherem Glanz« als irdischer Eitelkeit umflossen sieht, wer in der Zunahme edler Gesittung, in der Verbreitung des Rechts und der Wahrheit, der Tugend und des Friedens, wie die Propheten cS schauten, die Herrlichkeit der Zukunft erkannt, wer nicht auf der Kinderstufe mehr steht, nicht glaubt an die Restitution der ganzen alten jüdischen staatlichen und bürgerlichen Einrichtung, nicht glaubt, daß die Weltgeschichte ihren Gang unterbricht, um in längst verlassene Geleise wieder einzulenken, und dennoch solch« Hoffnungen (?) ausspricht, dennoch sich daS Auge zudrückt, mit unwahrem Herzen und unreinem Munde vor Gott hintritt, der ist nicht , fromm, der bezahlt eine große, schwere Sünde, dir nur gebüßt werden kann durch eine ernstere Rückkehr zur Wahrheit. Wie gesagt, wir entschuldigen solche Einseitigkeit bei dem Jünglinge, aber wir würden es beklagen, wenn sie bei ihm zum festen Principe würde und wir glauben ihn noch zur Zeit aufmerksam machen zu muffen auf die falsche Richtung, di« n einzuschlagen in Gefahr schwebt. (Schluß folgt.) «erlag der I. L. Hermana'schen Buchhandlung in Frankfurt a. R. — Drück von Fried. Krähe in Offenbach.