Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1846)
- Date
- 1846-08-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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sich zu verschafft!,, während freilich hier Weit leichter Irriges und Unreifes sich cins-Llnchen könne. Beide Ansichten hätten demnach Wahrheit in sich, und nur durch deren Verbindung könne daS Ziel erreicht werden; die Frage, von wem Reformen auSzehen sotten, müsse demnach dahin beantwortet werden: von Rabbincn und Gemeinden. Das einträchtige Miieinandergehen der beiden neuern Institute, der Nabbmcrv:rsan:mlung und der Resormgeiiossciischast, sei. daher sehr wünschenöwerth, und weit entfernt, der letzter,, abgeneigt zu sein, finde er vielmehr in ihr ein recht kräftiges Ferment zur Wiederbelebung des religiösen Sinnes im Iudenthume und dazu, daß dieses mit fiischer Lebenskraft in die Zeit eintrete. Als der Redner geendigt hatte, erbat sich lttr. Frcnnd das Wort. „Die neuen Resormbesircbnngcn cntgegnctc er — gingen vom Bewußtsein der Gegenwart aus, und da fei kein Unterschied zwischen rabbinisch und mosaisch; die angegebenen Beispiele des vorhergehenden Redners seien daher nicht zutreffend. Moses sage, es dürfe während der Pa,sahtage kein Gesäuertes gegessen werden, man werde sich auch daran so wenig halten, wie an rabbinische Erschwerungen. Ties sei auch ganz natürlich; die mosaischen Gesetze stünden im Orienta.ismus, der für uns gteichsatts antiquirt sei, und der auch fallen müsse. Das müsse jedoch die Zeit thun, unser deutsches Klima weree diese Uebcrresic aufzehrcn, und dann sei cs Zeit, ein Neues ausznstetteu. Napoleon ffi nicht durch die heilige Allianz geschlagen worden, sondern durch das Klima Nußland'S, und erst nachdem er aufgcricben war, habe man neue Verhältnisse festgestcllt; hingegen sei das Schill'sche CorpS, das vor der Zeit die Freiheit realisiren wollte, trotz dem größten Eifer untergegangen; in ähnlicher Weise würden auch die Mitglieder der Rabbiner - Versammlung untcrgehcn, d. h. ihr Zutrauen bei Yen Gemeinden eiubtzßen. Geiger bestieg nun nochmals LieRedncrbi'ihne und erwiderte u. %. Wenn der vorige Redner meinte, man müsse zuerst alles Bestehende zerfallen und sich abbröckeln taffen und erst dann Hand anlcgen, so widerstrebe eine solche Behandlung der Sache seiner (des gegenwärtigen Redners) ganzen Sinncsweise; cs heiße dies geradezu, die Gegenwart hinopfrrn und in tödtendcr Kälte hinschlcichen lassen, in der Gegenwart für eine bessere Zukunft wirken, das erkenne er alS feine Aufgabe, die auch sicherlich nicht ohne Erfolg bleiben werde. Wenn der Redner der Rabbiner-Versammlung das Beispiel des Schill'schen CorpS vorgcführt habe, so schrecke ihn dies gar nicht zurück, diese edlen von dem Drange nach wahrer vaterländischer Freiheit und Selbstständigkeit erfüllten Männer hätten den Boden für die Freiheit geebnet, eine edle Jugend begeistert, die schlummernden Kräfte geweckt, und die erstehende Thaikraft Deutschlands sei die Frucht ihrer Anregung gewesen. Gern wollte er gleich diesen Edlen untcrgehcn, und er zweiff» nicht, daß seine Collcgcn diese Ansicht theilen. — Das Osterfest erschien; an ihm erfreute sich die Synagoge zum ersten Male deutscher Gesänge, eines deutschen Frühlingsgebetes, an der Stelle der ehemaligen unverständlichen Tal (Thau)- Gebete und der Haftara (des Proph.'tcnabfchnittts) in deutscher Sprache mit Auslassung der weniger ansprechenden Stetten. Am zweiten Tage des Osterfestes, welcher zugleich der erste Tag der christlichen Ostern war. war das Gotteshaus zum Erdrücken ang-'füttt. Geiger sprach von dem betrübten Zustande der noch vor nicht langer Zeit im Juvcnthnm geherrscht habe. „Es war — sagte er unter A. — w rklich sehr schlimm und traurig, und alle Belebungsversuche schienen fruchtlos zu sein. Man begann mit dem Gottesdienste, man suchte diesem wieder erbauliche Kraft zu verschaffen für diejenigen, welche Tag für Tag in größerer Anzahl sich von ihm zurückzogen, mit dem Gottesdienste, der doch die Quelle ist, aus der der Strom religiöser Erfrischung in das ganze Leben cindringen sollte; aber da traten diejenigen, welche sich als Gläubige betrachteten, heftig dagegen auf, uns ihr Wahlspruch war: weichet doch von den Zelten dieser Bösewichte, ihr möchtet sonst durch atte ihre Sünden untcrgehcn (4 B. 16, 26). Allein selbst dieser Zuruf war nicht ernst gemeint; cs waren die Brüder, Söhne, Reffen, Enkel, die man so abwcichcn sah, mit denen man doch in enger Liebe verbunden blieb, man sah die drohende Gefahr, daß sie der kalten Selbstsucht verfallen werden, wie daS so leicht das LooS desjenigen ist, welcher nicht von der einenden Kraft einer religiösen Gemeinschaft getragen wird, aber man bleibt doch taub gegen alle Vorstellungen, wahrlich nicht im rechten Glauben, in hingebender Liebe für die Gesammtheit. Man habe eS gestern und heute gesehen', daß beim Vorlcscn ans der heiligen Schrift die Meisten sich entfeinten, etwa weil das Wort Gottes sie abstoße? nein, weil es nicht in der rechten Weife ihnen dargebracht werde, man habe es gestern gesehen daß bei dem auf die Predigt folgenden Gebete der Gemeinde die Räume des HauseS sich lichteten, nicht aus Widerwillen gegen daS Gebet, sondern weil es nicht mit der rechten Kraft einzudrmge» ververmöge. Und solle da Nichts geschehen? und solle, wenn man solche laut redende Erscheinungen gleichgültig an sich vorübergehen lasse, doch noch Hoffnung fein? Da mit einem Male fei eine Bewegung in die todten Gebeine gekommen, „sie traten zusammen, eines zum andern", eS sei Juzendfrifche in sie eingedrungen, rin Streben, ein Sehnen habe sie erfüllt, da war aber auch ein Sturm und ein Toben." So lange man blo- Leichb»