Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1846)
- Date
- 1846-08-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2566751-2567017-2567053--2246-2570268- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- hazzan 1× ep/1004827
OCR text
Z77 tn hilfloser Lage in Stich ließen. Auch wird setzt der Verfall des Sittlichen dcmrrklicher als je und es traf sich vor Kurzem ein ge. mal, daß Kinder ihre eigenen Eltern auf schändliche Weise bestahlen und das Gestohlene verschwendeten. Zurrm cuisirt eine Krank, heit unter den Armen, die schon Einige als Opfer hingerafft hat. Dem Missionen Unwesen das seit langer Zeit mit unbedeutendem Erfolg hicr getrieben w rd, kommt dieser traurige Zustand zu Statten. Zn der jetzt allge: rin herrschenden Rathlesigkcit ge» lingk cs ihm eher manchen Zünglinz den die bevorstehende traurige Zukunft in Verzweiflung gejagt harte, durch Versprechungen großer Vortheile, die zwar nie in Erfüllung treten, und durch einstweilige unbrdeutrnke Gelr u iterstützungen zur Abreise auf seine Seite zu locken. Aber wahrlich es gereicht der hiestgen Prosclytcnmachcrei zur Schande, wenn sie sich zur Vergrößrruug und Ausbreitung ihrer Religion keiner andern Mittel zu bedienen weiß, wenn sie den Hebertritt eines polnischen Juden zum Christenthum nicht auf dem Wege der iuuern Ueberzrugung und der Erkenntniß, waS ihr, beiläufig gesagt, hier noch nie gelungen ist, sondern durch Vorspiegelung mc.lrirllrr Interessen zu bewirken sich bestrebe. Ich kann mich nicht erwehren, meine hiesigen jngci.d- Ii'chen Glaubensgenossen auf die unerquickliche Persönlichkeit des Missionars Lehrens ausmciksam zu machen, damit diejenigen welche ans Leichtsinn und Mangel an Erfahrung in dessen Schlingen geraihen sind, oder nahe daran sind zu gerathen, einsrhen welchem Menschen sie ihre Religion zu verhandeln gedenken und was sie von den Vlrsprechungrn dergleichen Personen zu crwar« tcn haben. Dieser ist ein getaufter polnischer Jude, war in Tchedbor^ch, einem Städtchen Polens, Schcchet und Chasan Seinen lieber tritt hatten rbeusals die druckenden Verhältnisse sei« nes Nahrungszweigrs hcibei'grführt. Aus Mangel irgend einer Lucht gkrit zu einem anständigen Lcbensberufe wurde er Missionär und aus Mangel an gehöriger Kenntniß irgend einer Sprache wurde er Missionär bei den polnischen Zuden. Als hier Moses Montrfiore auf dem Rückzüge in seine Heimath in Berlin verweilte, reiste unser Nabbincr Meisel, als Deputirter der Gemeinde zu ihm, um seine Gunst für die gedrückten Juden in Krakau zn gewinnen, aber unser Rabbiner, rer mit dieser Gesandtschaft sh sehr geheim und wichtig Ihat, kam nach Hause und that und thut noch mit dem Erfolg dieser Reise ebenso geheim, woraus wir mit Rrcht schließen, daß die Gemcindckostcn derselben auf bessere SJJrife verwendet werden könnten. — Am vergangenen Sonnabend, den 9ten August, gaben die hiesigen Ehasidim Anlaß zu Skandalös« und zum Aergerniß der Orthodoxen. Eie versammelten sich am genannten Tage, wie gewöhnlich, um in Gemeinschaft daS dritte sonnabendliche Mal zu feiern. Von der ihnen bei dergleichen Zusammenkünften eigenthümlichen schwärmerischen Freude hingcrissrn, folgten sie dem Zuge der unmäßigen Lust und Fröhlichkrit bis in die tiefe Nacht nach, während in allen Synagogen und Dethäufern die .Klagelieder über die Zerstörung Jerusalems ertönten. Der Lärm der tanzendrn Ehasidim und die weinerlichen Stimmen der in den Synagogen boten einen schneidenden Contrast, der an jene alte große Stadt erinnerte, in deren einem Thcile das feindliche Schwert Trauer bereitete, während zu gleicher Zeit in einem andern Theile Hochzeitfeicrlichkeiten begangen worden. Dieser Scene wurde aber von den muthwilligen Straßenjungen, von den Orthodoxen angelrieben, ein Ende gemacht, indem sie den Ehasidim die Fenster mit Steinen einschlugen. Ich würde diese Geschichte nicht erwähnt haben, spräche sich nicht in derselben sehr deutlich audaß der ChasivismuS von feinem Standpunkte aus, wie obscur dieser auch sein mag. zu manchen Resultaten gelangt, die in Deutschland von den wahren Fortschrittsmännrrn erst erzielt werden müssen. DaS Haupt der hiesigen Ehasidim ist R. Saul Landau, eia eifriger Gegner unfcrS Rabbiners; die Ehasidim machen hicr beinahe die Hälfte der Gemeinde aus. — Uebrr den Verein der hiesigen Deutschen zur Einführung einegeordneten Gottesdienstes, von dessen Constituirung, Dasein und Vergehen ich Ihnen bereits gemeldet habe, will ich noch hinzumgen, daß derselbe mehrere ausländische Candivaten in seinem Lokal Vorträge abhalten ließ, zum Beweis, daß der Wirkungskreis desselben sich weiter als auf den bloßen Gottesdienst sich ausdehnte. Die Vortragenden waren Hr. Drück, bekannt durch sein Buch über daS Ceremonialwesen, der wegen der im Vortrag entwickelten talmudischea Kenntniß großen und ungrtheiltrn Beifall einerntete, und ein gewisser Herr Kürschner auS Kleiwitz, dessen Vortrag aber aus Mangel an innerem Zusammenhang, wie auch durch seinen höchst trivialen Styl dem Publicum nicht Zusagen konnte. Wir sind der untrüglichsten Ueberzrugung, daß, sobald der traurige Zustand der matrietten Interessen der Gemeinde eine günstigere Wendung nehmen wird, ein solcher Verein zur Hebung der geistigen und si:tlichen Interessen der Gemeinden in verjüngte» Kraft wider ins Leben treten werde. Kirchenrath Maker. (AuS dem Würtembergischen, im Aug.) — Ich muß heute gegen unsere jüdische Kirchcnbehörde, namentlich gegen ihr