Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1846)
- Date
- 1846-08-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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271 zunehmen, es scheitert dieses aber immer an der Verpflichtung auch dann zur Besoldung des Bonnen Rabbinen beitragen zu müssen. Sollte uns jedoch die königliche Regierung von der fernern Angehörigkeit deS Bonner Rabbiners befreien, dessen Licht uns doch nicht leuchtet, wie wir dies baldigst in einer Petition an die betreffende Behörde auseinander zu setzen gedenken, so werden wir nicht säumen, uns ohne Verzug in Besitz eines wissenschaftlichen und zeitgemäßen Reformen nicht abgeneigten Geistlichen zu setzen, wo wir dann auch gegen Außen die Ehre unserer Religion und unserer Gemeinden besser werden wahren können, als dieses bisher der Fall war. Neulich starb bei uns ein alter, aber verdienstlicher Invalide. Die christlichen Genossen des Jnvalidenvcreines auS Theilnehmern an den Napolconischcn Kriegen und größtenteils aus geachteten und Standespcrsonen bestehend, die sich zur Aufgabe gesetzt, sich für alle ihre Angehörigen möglichst zu interessiren, und besonders für ein ehrenvolles Leichenbegängniß eines aus ihrer Mitte Verstorbenen zu sorgen, kamen sämmtlich mit ihrer Uniform bekleidet, um dem einzigen zu ihnen gehörenden jüdischen Invaliden das letzte Geleite zu geben. Wie notwendig wäre da nicht eine passende Rede gewesen! Welche sonst verschlossenen Gefühle konnten wir bei solcher Gelegenheit nicht laut werden lassen! Aber Niemand war da, der das Wort nehmen konnte. Der Lehrer von Neuwied, ein Mann schon bei Jahren und der alten Schule angehörend, der von der Gemeinde des Verstorbenen dazu berufen wurde, kam zwar und sprach Einiges, aber cs wäre doch ganz anders gewesen, wenn wir einen bcgabtern Mann gehabt hätten. Und so gebricht cS uns nicht blos zum Koscher« oder Trefen-Erklären, was zu verschmerzen war-, sondern auch zu andern bessern Dingen an einem Mann, der unsere innere Zustände zu bessern und zu läutern vermöchte. Am beklagenswerthcsten ist jedoch, daß sich unsere Negierung selbst um Cultus und Schule der Israeliten bis jetzt noch gar nicht kümmert, wodurch die bessern Maßregeln der Gutgesinnten an dem starren und zuweilen auch eigennützigen Willen Uebelwollender scheitern. Will eine Gemeinde einen gut vorbereiteten Lehrer cngagircn, so wollen die kinderlosen Gemeinveglieder nicht zustimmen und so geht es bei noch gar vielen Dingen, wo jedes Gemeindcglied nur immer nach seinem Lortheile handelt und das Gcsammtinteresse außer Acht läßt. Unter solchen Umständen geht Jeder in der Gemeinde seine eigenen Wege. Die Einen schicken ihre Kinder in die christliche Schule und lassen sie ohne con« fessioncllcn Unterricht. Die Andern nehmen sich einen jüdischen Hauslehrer, der den, besonders, hebräischen Unterricht leitet. Die Dritten unterrichten ihre Kinder selbst im Hcbräischlesen und Jüdisch-Deutsch Schreiben und haben dann wegen der übrigen nach deren Ansicht unnöthigen Elementarfächer keine Sorge, und die Vierten kümmert überhaupt der Unterricht gar nicht. Die Einen machen sich Minjan im Hause, die andern besuchen das Gotteshaus, die Dritten gehen bald da, bald dorthin, die Vierten endlich besuchen, weil sie Feinde in der Gemeinde haben, lieber eine benachbarte auswärtige Synagoge. Sollen Umlagen erhoben werden, so ist des Streitens, SchwörenS und Fluchens kein Ende und so geht es fort. Sehen Sie, dies sind unsere religiösen Verhältnisse, wir fühlen selbst daS Unstatthafte derselben und sehnen uns sehr nach Abänderung und Besserung. Dr. Geiger und Dr. Freund. (Von der Oder.) — Ihre Wochenschrift hat bereits über das, was in der letzten Zeit in Breslau zwischen Geiger und vr. Freund sich zugetragen, berichtet. Demohngeachtet dürfte es nicht überflüssig sein, nochmals auf jene Vorkommnisse zurückzukommen, und sie mehr nach ihrem innern Gehalte, nach den Gedanken und Ideen, die dabei zur Sprache gekommen, zu beurthcilen. Dieses thut ein vor mir liegendes und bereits in der dritten Auflage erschienenes Druckschristchen, und will ich es daher versuchen, Ihren Lesern daS allgemein Interessante daraus vorznführcn: Nachdem der Verfasser den an Geiger ergangenen Ruf als Prediger der Berliner Reformgenossenschaft und die Antwort, welche der betreffenden Deputation ertheilt, erzählt, kömmt er auf d-m Vortrag zu sprechen, welchen Geiger den darauf folgenden Sabbath im Lehr- und Lcseverein über das Thema: Von wem sollen die Reformen ausgehen? gehalten hatte. „Geiger bemerkte einleitend, daß die Frage, deren Beantwortung er sich nun zur Aufgabe gemacht, eine andere als bereits entschieden bejaht voraussetze, nämlich diejenige, ob Reformen im Judenthume zulässig und notwendig seien? Er wies nun nach, daß er deshalb diese Frage als entschieden betrachten könne, da es hinlänglich erkannt sei, wie das Judenthum von seinem biblischen Grunde aus die seltsamsten Umwandlungen erfahren habe, welche als menschliche Zuthaten auch ebenso wieder beseitigt werden könnten, wie auch andererseits seine Geschichte be. weise, daß Lebensbedürfnisse eine Umgestaltung mancher Institution bewirkt haben, in der Art, daß die religiöse Einrichtung, entfernt von den störenden Einflüssen des Lebens, ihre volle Kraft entfalten könne. Als einen Beleg unter vielen für die er-