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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-08-23 · Heft 34 (23.8.1846) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 34 (23.8.1846)
Date
1846-08-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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270 mehr kann diese als die Hauptursache der zurückgebliebenen Bildung betrachtet werden. Zwar erfteut sich der jüdische Handwerks- und KaufmannSstand mancher Begünstigung, ja ist in Mehreren: dem christlichen gesetzlich gleichgestellt; aber sonst lasten nur Ausnahmsgesetze auf unseren armen Glaubensgenossen, und der Gedanke ihrer rechtlichen Gleichstellung wird von den Regierungsmitgliedern, wie von den Ständen noch kaum geahnt, es versteht sich, daß bei solchen Ansichten uns der Staatsdienst verschlossen ist, aber selbst zur Advokatur und medicinischen Praxis können wir nicht gelangen. Von mchrern Söhnen, welche sich dem Handelsstande widmen, darf nur einer heirathen; aber auch dieser muß sich die Schutzerlaubniß — (denn nicht einmal den Namen eines Bürgers dürfen wir hier führen) für schweres Geld erkaufen. — Bei solchen beschränkten Verhältnissen erscheint es wahrhaft als eine Abnormität, aber immer als eine erfteuliche, daß der Eid der Juden auf die einfachste Weise, durch Auflegung der Hand auf das vierte Gebot, geschieht, und man von allen denen Feierlichkeiten und Förmlichkeiten, welche in anderen Ländern dabei stattsinden, nichts weiß. Ein geistliches Oberhaupt haben zur Zeit die Waldeckischen Juden nicht, vielmehr ist ein stcinalter, aber im Talmud unterrichteter Privatmann dazu ausersehen, die Leser in nD’nitf und npH3 zu peinigen und die Brautpaare durch Einsegnung ihres Bundes glücklich zu machen. Die Regierung hatte zwar vor einiger Zeit die Absicht, einen wisscnschaftlch gebildeten Rabbiner anzustellen und übertrug dem wackeren Justizrath Hagemann in Corbach, die Gemeinden hiefür zu gewinnen. Dieser bot auch alle seine Beredsamkeit hiefür auf, und indem er einen Besoldungsbcitrag aus Staatsmitteln verhieß, schilderte er die zurückgebliebenen religiösen Zustände der Juden und namentlich den Uebelstand, daß Niemand die Schulen derselben überwache; allein da traf er's gerade. Die Herren Vorsteher mochten am wenigsten ihre bisherige Macht über die Lehrer mit einem gebildeten Geistlichen thcilen und lehnten den Antrag der Regierung unter allerlei Ausflüchten ab. Dafür können sie nun sorta'ährend und ungestört sich ihrer Freiheit in Beziehung auf das Untcrrichtswescn bedienen. Diese äußert sich denn auch vorzüglich darin, daß jedes Gemeindcglied Oberhaupt des Lehrers ist, ihm seine gemessenen Befehle erthcilt, wobei sich natürlich die einzelnen Gemeindeglieder vielfältig untereinander widersprechen; aber darum nicht minder verlangen, daß der Lehrer einem jeden gehorchen soll. Dafür gestatten sie ihm anch, ja verlangen die Bequemlichkeit, die Schulstube zugleich als Wohn- und Schlafstube zu benutzen, und gönnen ihm die tägliche Bewegung, welche ihm die Wandeltische verschaffen.— ein gleich erquickliches Bild liefert uns das Synagogenwesen; doch soll cs in A — f., wo ein Lehrer aus dem Weimarschen wirkt, gelungen sein, einige Verbesserungen einzuführen, ja man geht sogar damit um, den Priestern und Leviten ihre wohlbestalten Privilegien beim Thora - Auftufcn zu entziehen und sie borr!- dlle dictu — den übrigen Gemeindegliedern glcichzustellen. — Hervorstechend bei uns ist der thätige Eifer einzelner Gebildeten— ich nenne da besonders den edlen Wittgenstein in Corbach — um Hebung und Veredlung ihrer zurückgebliebenen Brüder und selbst die getauften Juden, deren Waldeck mehr als irgend ein deutsches Land hat, stehen hierin nicht nach. Man erzählt sich, daß dieselben, die jetzige Regeneration des Judenthums gewahrend, bittere Reue über den gethanen Schritt empfinden und denselben durch edle Unterstützung ihrer ehemaligen Glaubensgenossen einigermaßen gut machen wollen. Zustände am Rhein. Vom Rhein (Fürstenthum Neuwied.) — Die Juden unseres Fürstenthums sind dem Rabbinate zu Bonn unterstellt, fühlen jedoch nichts von der Wirksamkeit ihres Rabbiners, da derselbe sehr weit von hier entfernt ist, und wir zu ihm außer der jährlichen Entrichtung unseres Beitrags zur Besoldung desselben in keiner Verbindung stehen. Ob wir dessen froh sein können? wollen wir dem Urtheile der Leser überlassen , müssen diese aber, um bei ihnen ein Urtheil zu ermöglichen, darauf aufmerksam machen, daß Hr. Auerbach zu Bonn zur Klasse der 77 oder 116 gehört, also durch Nichtsthun oder höchstens durch Bewahrung des alten Schmutzes selig zu werden glaubt. Daraus aber merkt schon der Leser, daß cs bei uns sehr trübe aussehen muß. Lehrer, die einigermaßen den Mangel eines Rabbinen ersetzen könnten, gibt cs bei uns auch nicht, im ganzen Fürstenthume ist nicht ein seminaristisch gebildeter Jugendlehrer. Den Lehrern gebricht cs zwar nicht an gutem Sinn, und verpflanzen gern in ihre Heimath das außerhalb derselben für gut und schön Gefundene, z. B. die Choralgesänge, aber es fehlt ihnen an Leitern und Anführern und sehen sie selbst die Nothwendigkeit und Wohlthätigkeit eines solchen recht gut ein. Oft ist daher schon der Wunsch ausgesprochen worden, sich von dem Rabbinate zu Bonn zu trennen und einen eignen Rabbinen auf-

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