Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1846)
- Date
- 1846-08-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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949 dige sich leichter, wenn ein Gesang vorhergegangen. Natürlich! man orientirt sich dabei etwas auf der Kanzel, räuspert sich ungehört, legt das Manuskript weniger gesehen zurecht und die dann cintretende Stille imponirt, ist erhebend. Es war eineHomilie über das zweite Capitel von Ruth (als eine freilich späte Fortsetzung einer vor 2 Jahren gehaltenen über das erste Cap. bezeichnet) welche ich hören sollte. Das bekanntlich äußerst glückliche Organ des Redners, das er überdies ganz in seiner Gewalt hat, seine graziösen Gestikulationen dabei, der unüberladene und doch gewählte Styl, sowie das rein Praktische, das er aus den vorgelesenen Versen zog, verfehlten ihre Wirkung nicht. Es wäre Luxus ein Wort der Anerkennung darüber zu sagen. Doch das Schönste und Beste war die schließlich — wie der Redner nachher zu versichern die Güte hatte, ex tempore — angefügte Anrede, in welcher er mit Bezugnahme aus die neuesten Vorgänge in Baiern seine Zuhörer beredt aufforderte, die Vorwürfe, als gehörten wir Juden nur zu den Verzehrern im Staate, thatsächlich zu entkräften, durch Ergreifung und Betreiben bürgerlicher Gewerbe und Beschäftigungen. Die gefährliche Klippe bei dergleichen Ermahnungen, nach keiner Seite zu verletzen, konnte nur einem Löwi so vollkommen gelingen. Der übrige Theil des Gottesdienstes verlief in herkömmlicher summender und brummender Weise. Nach dem Gottesdienst war Gemeindeberathung über vorzunehmende Baulichkeiten in der Frauenhalle, wobei die gewöhnlichen Hindernisse Seitens Einzelner erhoben wurden. Aus den hierauf auf der Straße des hübschen Marktfleckens gebildeten Gruppen und die später beobachtete Art, wie sich die hiesigen Juden in den Wirthsbäuscrn zusammenfinden, schloß ich, daß man auch hier noch nicht über die Phase hinaus ist, in oer die äußern jüdischen Eigenheiten immer noch nicht geschwunden sind. In dem nahen Mt. Erlbach ist dies anders. Doch gibt eS auch hier gebildete Männer und mehrere treiben sehr ausgebrcitete Geschäfte. Hier befand sich trüber eine vielbckannte jüdische Druckerei, von der jedoch keine Spur mehr vorhanden ist. — Eine Bemerkung, die ich vielfach auch anderswo schon gemacht, ist, daß sich die Wohnhäuser der Juden auf dem Lande auf den ersten Anblick kenntlich machen. Entweder sie sind noch ruhig, von Fachwerk oder von auffallender Eleganz, modern angestrichen, hinter den Fenstern Vorhänge re. Einfache saubere Baueruhäufer, bescheidene Wohnungen arbeitender Handwerker erblickt man nicht häusig. — In den beiden genannten Gemeinden ist der Rabbiner Mitvorstand der Gemeinde, welches vieles für und wider sich hat. Mein Weg nach Fürth führte mich am andern Tag durch das- Städtchen Laugenzena, und ich bedauerte dm frühem Lehrer Hirschkamm, daß er sich gmöthigt sah, dieses freundliche Städtchen zu verlassen, in der Absicht nach Amerika zu gehen. Warum sind doch so viele große jüdische Gemeinden auf dem platten Lande und daher ihre Lehrer mit dahin verbannt und in dm schönen Städten häufig so kleine Gemeinden! Seit dem Abgang des genannten Lehrers ist die hiesige, freilich sehr klein» Religionsschule einem alten Vorsänger, der früher nicht angestellt werden konnte, anvertraut. Bei der letzten Schulprüfung, wobei erschienen der k. Landrichter, der k. Distrikts- und der k. Lokalinfpektor, der Rabbiner, der Gemeindeansschuß, zählte die Schule einen Schüler, und es war eine allgemeine Erschütterung des Zwerchfells, als einer der genannten HH. mit der Miene des Ernstes den ohnehin närrischen Kameraden von Lehrer fragte: „NunHr. N., Sie haben doch wahrscheinlich auch Ihre Schule in drei Klassen eingctheilt"*)! Diese Minderung der Schüler ist hier doppelt auffallend, da die Gemeinde doch 12 Glieder zählt. Sie zeigt sich aber in hiesiger Gegend allenthalben. In dem nicht ferne.i LenkerSheim ist die Schülerzahl bis auf die zwei Kinder des Lehrers, des dem Grabe täglich entgegensiechendem «ackern Lippmann, hrrabgefnnken. Diese Erscheinung findet ihren Schlüssel darin, daß allenthalben bereits viele junge Leute nach Amerika ausgewandrrt sind, die jetzt die Schulen bevölkern sollen. Für die armen ohnedies dürftig besoldeten Lehrer ist nur gut, daß ihr Gehalt firiit ist und sie nicht auf die Schulgelder, wie ihre christlichen Collcgen, angewiesen sind. Noch einige Stunden und ich betrete Fürth, diese große merkwürdige Gemeinde, einst der Sitz großer talmudischer Gclehrsamkeit unv Aufenthalt von Hunderten armer jüdischen Jünglinge, die hier ihre schöne Jugend in einseitigem Streben und in Noth verlebten. Taufend Erinnerungen steigen in einem auf, stiegen auch in mir auf, als ich diese vielfach verschönerte Stadt betrat, der ich doch nur zu den jüngern gehöre und erst vor etwas über 20 Jahre hier 3'/, meiner schönsten aber nicht angenehmsten Jugendjahre verlebt hatte. — Ich habe Dir aber, lieber Leser, den Glanz. Punkt des jetzigen jüdischen Lebens in Fürth. Hrn. Dr. Löwe, bereits vorgesührt und mein Aufenthalt daselbst war zu kurz, als daß ich mir selbst mit Hülfe der früher schon gemachten Beobach, tungen ein sicheres umfassendes Urtheil über die hiesige Zustände Zutrauen dürfte. Nur so viel will ich sagen, daß hier das alle jüdische Leben an dem Ende sein« Grrnzmarknngen steht. Wenn schon ein förmlicher Anschluß an Reformgrvoffenschaften bei rem *) Dem Vernehmen nach soll die Schule wirklich zu zwer Drittheil« sehr gut undzu *iH Drtttheii gut bestanden feia.