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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-07-26 · Heft 30 (26.7.1846) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 30 (26.7.1846)
Date
1846-07-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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s:*8 Aufzeichnungen eines reisenden Schullehrers. (Aus Mittelfranken, im Juli.) — Ein Jahr mit seinen Gewöhnlichkeiten, seinen spärlichen Freuden und erträglichen Leiden hatte sich vor mir abgesponnen. Die Frühlingsmorgen begannen jene Himmelsbläue anzunehmen, von welcher einem Vas Herz auf» gebt und man sich hinausgetriebcn fühlt in Gottes freie Natur, um in vollen Zügen ihre balsamischen Düfte einzuschlürfen und den Freund, den trauten, zu überraschen in seinem stillen Wirken und neue Bekanntschaften zu machen, um zu plaudern, zu sehen und zu lernen. — Und von einem solchen Ausfluge will ich Dir, lieber Leser, nun erzählen. Nicht aber von den Schönheiten der Natur, auch nicht von den Punkten, welche die Geschichte mit ihren Flügeln berührt hat, beides wäre nicht der Tendenz dieser Blätter gemäß und ist bereits an andern Orten und von gewandtern Fevern geschehen, sondern nur von dem für dieses Journal Geeigneten, von dem speziell Jüdischen, wie ich es gefunden, von tzem Synagogen-, Schul- und Gemeindewesen will ich Dir das Wesentliche vorführen. Es kommen dabei die größten Gemeinden unseres Kreises neben vielen kleinern an die Reihe und mehr oder weniger hast Du dann den Typus des öffentlichen Zustands unseseres Synagogen- und Schullebcns des ganzen Kreises. Dabei werde ich als zur Sache gehörig Persönlichkeiten etwas mehr zu berühren haben, als dies in andern Darstellungen geschehen kann und darf. Meinen Lieben ein herzliches Lebewohl sagend und die Kleinen der Sorgfalt einer liebreichen Hausfrau empfehlend, entfernte ich mich vom Hause bei umwölktem Himmel, dem jedoch der Barometer ein günstiges Prognostikon stellte. Aber so sehr war ich in Gedanken mit den Zurückgelassenen beschäftigt, daß ich von einem vielfach gegangenen Weg abirrte und mich erst ein herzhafter Sprung über einen Graben wieder auf den rechten Pfad brachte. Einen solchen Sprung jedoch im Geiste mußt Du, l. L., auch mit mir machen und wir befinden uns in der Kreishauptstadt Ansbach, von der ich Dir, nach dem Grundsatz t>nn “73 jüpsi zuerst erzählen will. Die jüdische Gemeinde dahier zählt 65 Matrckelstellcn, wovon jedoch zur Zeit nur 36 besetzt sind. Jeder Leser hat gewiß, wenn er es noch nicht wußte, aus unfern diesjährigen Ständeversammlungen sattsam erfahren, daß die jüdischen Familien in Baiern immatrikulirt sind und in der Regel nicht vermehrt werden dürfen. Die auffallend große Verminderung der hiesigen Gemeindeglieder hat in den immer mehr verstechenden Nahrungsquellen der Stadt und den dadurch abnehmenden Wohlstand der Gemeinde, theils in dem freiwilligen Weg. gang der bemitteltsten Gemeindeglieder ihren Grund. Hier feierte noch vor wenigen Jahren der B-gottismus seine Triumphe. Von v;r Kanzel, wenn man so sagen darf, ward den Neuerer» ge. flucht, erst der Spnagogenbesuch einer hohen Person und deren geäußertes Mißfallen konnte zu einer Rcnovirung der Synagoge veranlassen, im Gottesdienste selbst mußte „Alles bleiben", selbst der öffentliche Aufstrich der sogenannten Mizwoth, und hier erholten sich die Landleute Raths, wie gegen die Anstellung eines Rabbiners oder Lehrers zu agiren sei. Das Alles ist nun anders geworden. Zuerst nöthigte die k. Negierung zur Anstellung eines Lehrers. Es wurde eine vereinigte Religions- und Elementarschule errichtet. Diese wird gegenwärtig von 17 Schülern besucht und der Lehrer, Hr. Rosenthaler, erhält — gewiß eine seltene Erscheinung bei uns — aus der Staatskasse 100 fl. Zulage. Viele junge Leute besuchen die öffentlichen Anstalten der Stadt und mehrere haben bereits eine wissenschaftliche Ausbildung erlangt. Dr. Landmann ist Arzt und Herausgeber einer von der k. Regierung empfohlenen medizinischen Zeitschrift, und vr. Obermeier ein tüchtiger Jurist. Die Leute nähren sich vom Handel, ei ie Familie ausschließlich vom Ackerbau. Handwerker wollen nicht aufkommen. Die Synagoge, deren hundertjähriger Bestand am 9. Sept. d. I. gefeiert werden wiro, bietet innerlich und äußerlich einen schönen Anblick dar, wiewohl die in der Synagogen-Ordnung für Mittelfranken vorgeschriebenen Subsellien, zu deren Herstellung sogar collectirt worden ist, sich noch nicht darin befinden und nur die Stände nach Osten gerichtet sind. Beim Wochengottcsvienst geht es ziemlich anständig her. Willst du dir, lieber Leser, dein musikalisches Gehör erhalten, hüte dich nur vor dem Besuch dieses Gottesdienstes; das äußerst widerliche Organ des Vorsängers wird es dir total ruiniren. An Feier - und Festtagen betet jedoch ein anderer besserer Vorsänger vor und ein wohl organisirter, zahlreicher Sängerchor, von dessen trefflichen Leistungen ich mich schon früher überzeugt habe, giebt dem öffentlichen Gottesdienst eine-hohc Würde, nicht selten auch zur Erbauung von Nicht-Jsraeliten. Um die Erhaltung derselben hat sich der dortige Rabbiner verdient gemacht und gerade während meiner Anwesenheit wurden mehrere Chorschüler, welche mitzuwirken sich geweigert hatten, mit der gesetzlichen Schulstrafe belegt und auf der Absentenliste von der Hand des Rabbiners geschrieben, auch strengere Ahndung angedroht. Dadurch wurde der überall verfallende Chorgesang erhalten. Man irrt überhaupt, wenn man aus dem sanften und friedfertigen Charakter des dortigen Rabbiners Energielosigkeit schließen will. Hr. Rabbiner Grünbaum, ein Mann in den dreißiger Jahren, hat schon mehrmals bewiesen, daß er wo es gilt, seiner Person nnd seinem Amte nichts vergiebt und die Sache des Fortschrittes hat bei ihm jederzeit nicht nur keinen Gegner, sondern auch überall und namentlich in eingeholten Gutachten von Seiten der k. Regierung einen beredten Vertheitiger gefunden. Auch die Vorstand-

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