Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 29 (19.7.1846)
- Date
- 1846-07-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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231 schadet, in seine Grenzen gebannt wissen will." Der Redner kömmt nun auf das Project der Errichtung eines jüdischen Seminars in dem benachbarten Hannover zu sprechen und äußert darüber sehr richtig, vaß die Gefahr des Mißlingens sehr nahe liege, bei dem Projekte zu einer Anstalt, die confesstoneller Färbung und aus confessionellem Bedürfnis; entsprungen, gar leicht Len Ariadnefaden verlieren könne, der aus dem Labyrinth von Verwickelungen in Glaubcnsstreitigkeiten herausführen solle, in ein freies unbestrittenes, weil auf Vernunft und psychologisches Gesetz basirtes Erziehungssystem. „Denn" — so schließt der erleuchtete Redner — „es gibt nur ein Mittel und nur einen Weg, die Schule zu heben und in eine ihrer würdige Lage zu versetzen. Es ist dieser, daß man sie zum Träger und Vorkämpfer der Humanität, der neuen, gotterfüllten Menschlichkeit mache." Rabbiner- und Theologen-Versammlungen. / (Frankfurt a. M., im Juli.) — Warum wir so lange nichts von uns hören lassen? Weil wir dazu keine Veranlassung fanden, wenn Sie wollen, weil cs uns an Stoff gebrach. Können wir auch nicht von uns sagen, was Börne von sich: „ich schreibe mit dem Blute meines Herzens und dem Safte meiner Nerven" *), so können wir doch mit ihm lagen: „wir schreiben nicht wie die Andern." Wir denken dabei nicht an solche, die nach Bildung und gesellschaftlicher Stellung zum Pöbel zählen, deren Mittheilungen in jever Zeile unwürdige oder gehässige Beweggründe und durch nichts gerechtfertigte Selbstüberschätzung verralhen, und eben so viel Ekel als Mitleid erregen; mit der Gemeinheit haben wir nichts gemein. Allein unser Standpunkt ist nicht weniger verschieden von dem fast aller, welche sich durch Stellung over Studien besonders berechtigt, selbst berufen glauben, über religiöses Zndcnthum öffentlich das Wort zu führen, und die uns schwerlich die gleiche Berechtigung und gewiß nicht den gleichen Beruf ziigcstchcn. Nabbiucn und Prediger, Lamdon.m und Ba. cherim, die allein zu Moses und die cs auch mit den Propheten halten, die vom Fette des Talmuds zehren und die an Knochen des Machsors nagen, sie alle rufen lins gleich verwundert zu: auch Saul unter den Propheten? In der That ist uns das Eni. behren levnner Schuhe am Bmöhnungstage so wenig lästig, als das Schofarblasen vor dem Beginne des Mußaf am Neumbrstage, mit welchen hochwichtigen, insbesondere gemeinnützltchcn Ein. *) Menzel der Franzoseufrcsser, 2tc Ausgabe, S. 1. richtungen die bevorstehende dritte Rabbiner» Versammlung sich zu beschäftigen in Aussicht stellt (Nr. 22.) Auch über den Zweck, welchen vier arme Lamdonim bei einer von Bari in Italien nach Constantinopel i. I. 9ti0 unternommenen Reffe gehabt *), sind nur leichtsinnig hinweggegangen; ob sie für die eigenen, ob für andrer Leute Töchter, ob sie für eine Schule oder ganz allgemein gebettelt? ließ uns um so gleichgültiger, als wir die Zeit noch gesehen haben, wo jüdische Landstreicher wegen Tochterbeschwerde, Braut, steuer und Schulbauten bei Glaubensgenossen Contributionen erhoben. Was aber kann uns gegen den Vorwurf des gänzlichen religiösen und politischen Zndifferentismus schützen, wenn wir endlich selbst bekennen, was ui ccr letzten bairischen Ständeversammlung die HH. Pfäffrnzer und Döllrnger über und gegen Znven vorgcbracht, nicht einmal gelesen, geschweige daran einen Aerger genommen zu haben? Wir sind uns aber nichts destoweniger bewußt diesen Vorwurf nicht zu verdienen, glauben solchen vielmehr grave unserm besonrern Standpunkte zuschreiben zu dürfen, der kein anderer ist und sein will, als een unbefangener. Befangenheit nämlich ist das Nebel, an welchem alle Juden, welche über die eigenen Zustände, religiöse wie sociale, schreiben, zu leiden pflegen; selbst die an sich nicht unrichtige, nur zu weit gehende Berechnung, welche sie wider besseres^. Wissen manches ignoriren negiren und entstellen läßt, fließt aus gleicher Quelle; man glaubt allenthalben Gegner, nirgends guten Willen zu sehen, unv will nicht Waffen gegen sich selbst liefern. Von dem Christen verlangt man, daß er die jüdischen Verhältnisse unparteiisch würdige, unv schreibt es der Bosheit zu, wenn er es nicht, oder nicht in gewünschter Weise thut, während man es selbst zu thun nicht im Stande ist, oder sich roch davon diöpensirt glaubt. Tbeologen im Amte lähmt gewissermaßen die Pastoralklugheit die Zunge. unv denen außer Amtes pflegt Haß oder Neid gegen jene die Feder zu führen. Zn neuester Zeit beschäftigen die Rabbiner' und Theologen .Versammlungen fast ausschließlich die jüdische Journalistik, und wenn cs auch überflüssig scheint, unsere Stimme über sie abzugeben, so wollen wir denselben doch einige Zeilen widmen. Die wenig bedeutenden praktischen Resultate, welche die beiden ersten Rabb.-Vers. geliefert, könnten über die Wichtigkeit von Rabbiner- Versammlungen überhaupt allerdings zweifelhaft lassen; die Hef. rigkeit der Angriffe jeroch, welche man gegen dieselben richtet, belehrt uns eines andern. An sich wäre es so unbillig als unverständig zu verlangen, daß von wenigen Männern in geringer! Zeit gesühnt werde, was Generationen Jahrhunderte lang verbro-! - [ *) Frankel. Zeitschrift, 1843, Heft 3, S. 99 folg., Heft ' 10, S. 407, 408.