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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-07-19 · Heft 29 (19.7.1846) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 29 (19.7.1846)
Date
1846-07-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
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230 „Dem Mangel an literärischen Hülfsmitteln zu begegnen, welchem durch öffentliche Bibliotheken nicht leicht abgeholfen wird, muß einer strebsamen Zeit zur Ehre gereichen. Wenn diese auf das volle Recht der Gegenwart dringt und deren Ansvrüche nicht verkümmert wissen will, wegen starrer Formen einer dahingeschwundenen Vergangenheit, so wird sie nur dann ein volles Recht haben, wenn sie auch einer jeden Zeit ihre Berechtigung zugefteht und die Wissenschaft freudig fördert, welche die verschiedenen Zeiten durchforscht und deren Zusammenhang Nachweise"; und weiter: „Es bleibt die Pflicht eines jeden Verständigen, namentlich in unserer Zeit, nicht abgeschlossen in seinem Gedankenkreise zu verweilen, ohne zu beachten. was von Andern verhandelt wird. Sich zu größter Klarheit zu vcrhelsen, muß in den verwickelten Verhältnissen der Gegenwart eine Ausgabe sein, die Nwmand von der Hand weisen darf." Der Landrabbiner Wechsler. «Von der Weser.) — Ungemein viel Gutes hört man bei uns von dem Wirken des Landrabbincn Wechsler in Oldenburg. Die dortigen Juden haben ihm bereits Manches zu danken und Vieles läßt sich noch durch seine Vermittelung bei der Negierung erwarten, bei welcher er in hohem Ansehen steht. Es bleibt derselbe auch keinem gemeinnützigem Streben fremd; ja wo ein solches hervortritt, steht er, oder wird vielmehr unter die Leiter gestellt. So auch bei dem unlängst entstandenen Vereine zur Beförderung der Volksbildung in Oldenburg, der ihn mit in den Vorstand gewählt hat. Das ist sehr erfreulich, da Wechsler gesinnungsvoll genug ist, um sich dort fteimüthig über die rechtliche Stellung der Juden zu äußern, aber auch den edlen Takt hat, dieses nicht in verletzender Weise zu thun. So war er kürzlich veranlaßt worden, über jüdische Schul- und Lehrer- Verhältnisse in dem gedachten Vereine zu sprechen, und löste diese Aufgabe so zur Zufriedenheit Aller, daß er, der mit Zweifeln und Bedenkrn an die Aufgabe ging, „weil man dem Publikum nicht zumuthen solle, Interesse für Dinge zu haben, die außer der Schußweite seiner materiellen und geistigen Sphäre liegen", aufgefordert ward, diesen Vortrag der Oeffentlichkcit zu übergeben. Er ist nun auch im Verlage von Halling in Oldenburg erschienen und das, was er über die jüdischen Schulvcrhältnisse jenes Landes sagt, hat eine so vielfache und höchst lehrreiche Anwendung auch auf andere Länder, daß ich mich nicht enthalten kann, Ihren Lesern das Wichtigste daraus mitzutheilen: „Noch" — sagt treffend der Redner — „ist die Schule (zumal die israelitische) eine Zwittergestalt. Der Staat schiebt sie der Gemeinde, die Gemeinde schiebt sic der Confession, die Confession schiebt sie den Eltern zu, so lange es sich um ihre Existenz handelt. Handelt cs sich aber u:t ihre innere Organisation, um ihre Leistungen, um die Gegenstände, welche in derselbcn und in welcher Ausdehnung sie gelehrt werden sollen, dann kehrt sich der Streit um; die Gemeinde will den Eltern, die Confession und die Confessionsbchörden wollen der Gemeinde das Heft der Herrschaft und der Anordnung entwinden. Es fehlen — bemerkt der Redner weiter — bei den Israeliten zwei wesentliche Bedingungen der raschen und doch ruhigen, stetigen Entwickelung. Die eine ist die freie, gesetzliche Stellung und Bewegung, welche dem Menschen seinen Werth in der Gesellschaft gibt und Achtung vor sich selbst einflößt; die andere ist die unmittelbare, lebendige Beziehung zur Gegenwart, dic Theil. nähme und Berechtigung an Allem, was sie treibt und bewegt und erfüllt. Wie hat sich nun demnach und trotz dieser Schwierigkeiten der Einfluß der Zcitidccn unter ihnen verspüren lassen und Eingang verschafft. Wie steht es namentlich um die Schulen und die Lehrer, diese Fahnenträger der Zukunft?" Der Redner führt dieses nun specicll aus und sagt dabei u. A.: „Die Betheiligten (die kleinen jüdischen Gemeinden nämlich) ganz auf sich selbst angewiesen, wissen, daß sic namhafte Opfer bringen müssen und bringen sie auch. — Das fämmtliche Einkommen des jüdischen Lehrers beläuft sich durchschnittlich auf nicht viel weniger als 200 Thlr. und eine Vergleichung mit der Lage so vieler (christlicher) Landschullehrer würde hier zu mancherlei Reflexionen Anlaß bieten. Auch haben sich die Ansprüche an die jüdischen Schulen bedeutend gesteigert. Früher nur Vorhallen der Synagoge und ein Abbild, oft ein trauriges Zerrbild dieser, hat sich auch hier nach und nach der Gesichtskreis indem Maße erweitert, in welchem sich auch das Leben der Israeliten entfaltete und früherer Fesseln entwand. Aus der Nrligivnsschule ist in den meisten Orten eine Volks- und Elementarschule, aus dem Vorsänger und Synagogendiener ein Schullehrer im ganzen Sinne des Wortes geworden. Die Schwierigkeit der Besetzung der Lchrerstellcn und der häufige Wechsel der Lehrer müßte jedoch viele von der Ergreifung dieses Berufes abschrekkcn, wozu noch der Mangel an einer eignen Bildungsanstalt kömmt, von denen anderer Confessionen muß aber der israelitische Candidat sich ausschließen, weil die ganze Einrichtung, der ganze Studienplan auf diese Grundlage berechnet ist. Und doch sollte der Verschiedenheit des Bekenntnisses in einem Seminar um so engerer und begrenzterer Einfluß gestattet sein, je mehr auch das Leben diese Verschiedenheit, ihrer Geltung und Innigkeit unbe-

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