Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1846)
- Date
- 1846-07-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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323 Empörung gegen Gottes Rathschluß auSzudrücken und dergleichen. In der Jugend der Gegenwart muß die ewige Wahrheit um so mehr begründet werden, da sie, inS Leben eintretend, nur zu bald den Widerspruch vorfinden wird, welcher das Judenthum gegen, wärtig durchzieht. Das Heranwachsende Geschlecht muß eine Grundlage erhalten, die ihm heilig bleibt, mag auch Leben unv fortschreitende Wissenschaft noch so Manches von dem Bestehenden, ablöscn; man würde sich selbst an dieser Jugend versündigen, wollte man schon früh ihr den Zwiespalt einimpfen, sei es durch Bestreiten dessen, was sie im Hanse vielleicht als heilig gewahrt sieht, sei es durch Befestigung dessen, was ihr, wie zu erwarten steht daS Leben in der fpätern Zeit wankend machen wird. Besser also, die Punkte werden umgangen, als nach der einen oder der andern Seite hin in ungeeigneter Form behandelt." Predigt bei der Einweihung des Gotteshauses der Genessenschaft für Re. form im Judenthum, gehalten von vr. Sam. Holdheim. Berlin 1 8 46. (Schluß.) Indem Ihr, liebe Freunde den Glaubenöbrüdcrn zuriefei.- Wir wollen: positive Religion-, wir wollen: Judrnthum: wir wollen retten ans der Zcrsallenheit was in unserer geistigen Gesammlentwickelung fortbestehen kann, habt ihr, obige Wahrheit anerkennend, ei' nen festen Grundstein des neuen Baues gelegt. Retten aus der Zerfallenheit, was in unserer geistigen Gesammtcntwickelung fortbestehen kann, das war das rechte Wort! Was hat die Zerfallenheit im Judenthum herbeigeführt? Der Widerspruch zwischen dem inner» Glauben und der offenbarten Lehre über Gott ist cs im Judenthum, welches den einzigen, persönlichen, reingcistigen. höchst vollkommenen heiligen Gott offenbart, gewiß nicht. Der Widerspruch zwischen dem Glauben und der offenbarten Lebensordnung an sich kann cs auch nicht sein, da unsere Bäter vor Jahrtausenden in diesem Glauben lebten und in dieser Lebensordnung den lebendigen Ausdruck ihres Glaubens fanden. Nichts Anderes als die geistige Gesammtentwickelung der heutigen Menschheit ist cS, welche den Zwiespalt zwischen dem Glauben und seiner äußern Bethätigung vcranlaßte, und da wir in diese Gesammtentwickelung ein- und anfgegangen, da wir mit ihr in ein lebendiges Wechselverhältniß getreten sind, so fühlen wir den tief in unser Herz einschneidenden Widerspruch zwischen dem unveränderlichen Glauben und seinem mehrtausendjährigen geschichtlichen Ausdruck. — Und wie ist die Lösung dieses Widerspruchs bis vor kurzer Zeit versucht worden? Nach der einen Seite hin leider ausschließend auf Unkosten des Glaubens. Die eine Seite des Gegensatzes, den Ausdruck, wagte man nicht in seiner geschichtlichen Berechtigung öffentlich anzugreifen; so mußte denn der Glaube selber, über den man im Innern freier walten zu können wähnte, zum Schwei, gen gebracht werden und — verkümmern." Nach der andern Seite hin ward ein vergebliches, künstliches Uebertünchen des Bruches versucht. Nicht wurden, wie cS einst der Priester heiliger Beruf war, die Asche und die ausgebranntcn Knochen, die aus dem Altäre Gottes aufgehäuft liegen von ehedem, hinweggeräumt und ein heiliges Feuer angezündet, an dem der erkaltete Glaube sich wieder erwärme und das Gcmiith mit glühender Begeisterung zu den Altären des Herrn sich hingezogen fühle, sondern in der tobten Asche ward gewühlt nach einem schwach glimmenden Funken, dieser mit allerlei künstlichen Mitteln vergeblich anzufachen gesucht, eine Begeisterung für die ausgebrannten Knochen erkünstelt, in denen kein Lebensodem weht. WaS müssen wir also thun, um diesen Widerspruch in uns selber zu lösen? Ihr habt's gesagt, l. §.: retten aus der Zerfallenheit, was in unserer geistigen Gesammtentwickelung fortbestehen kann! Unser Glaube ist ewig; unser inniges, kindliches Bcrhältniß zu Gott, das dieser Glaube uns offenbart, unvergänglich; aber die andere Seite des Gegensatzes, der vermeintlich unantastbare geschichtliche Ausdruck des Glaubens, dieser muß eine Erneuerung und Umbildung erfahren, wenn er in feiner veralteten Form vor der geistigen Gesammtentwickelung der Menschheit nicht bestehen kann. An der Zerfallenheit zwischen dem Glauben und seiner einstmaligen Bethätigung tragen wir warlich nicht die Schuld. Wir würden vielmehr nach unserer innersten Ueberzeugung gegen die Religion uns schwer versündigen, wollten wir mit dem Geiste der Geschichte brechen, gegen die geistige Entwickelung der Mcwchheit freventlich uns allein absperren, Was müssen wir also thun? retten aus der Zerfallenheit, was in unserer geistigen Gesammtentwickelung fortbestehen kann, denn in ihm ginge ein lebendiger Ausdruck unseres Glaubens uns verloren, aber eben so entschieden müssen wir dem offen entsagen, was in uns erstorben ist. Um also dem offen entsagen zu dürfen, was in unS erstorben ist, müssen wir uns vorher prüfen, ob der Glaube in unserem Herzen lebendiger geworden, daß in dem Maß wir des Erstorbenen uns entledigen, wir das Lebendige um so inniger uns aneignen, des Aeußerlichen uns entbinden, an das Innerliche um so fester uns binden, ob wir überhaupt bereit sind, statt des Joches todter Satzungen das weit schwerere Joch des leben-