Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1846)
- Date
- 1846-07-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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119 chen Bestimmungen in der That Anlaß zuin Kncchtesdienst gibt und. wie das Beispiel der dagegen eifernden Propheten beweist, nur allzusehr gegeben hat. Wie im Mosaismus, trotz dem. daß die Innerlichkeit die Hauptsache ist, dieselbe dennoch, weil sie an die äußere Form festgebnnven und zwischen enge Grenzen eingr. bannt ist, erstickt werden und zum äußerlichen Knechtesdienst ti.t* arten muß, so ist dies auch mit dem rabbinischen Cullus der Fall, und mag man reuten so lange und so viel man will, diese sprechende Thatsache, wo sie Einmal zum Bcwußrsein gekommen, wird man so wenig in der rabbin schen als in rer mosaischen Sphäre wegdeuten rönnen. Wir werden die speziellen Acußerungen der Rabbinen, welche einen solchen Irrthum Hervorrufen und, wie die Protokolle der zweiten Rabbiner-Versammlung beweisen, denselben noch fortwährend auch bei erleuchteten Theologen unterhalten, am Schlüsse dieser Abhanvlung genauer prüfen und das Richtige darin Nachweisen, und wollen jetzt, bevor wir zu weitern direkten Beweisen für unsere Behauptung übergehen, mir noch den oben erwähnten, aus der Entftehnngszeit der Gebete zu entnehmenden Einwurf gegen unsere Ansicht näher beleuchten. Dieser Einwurf besteht nämlich in Folgendem. Der Talmud nennt an mehreren Stellen (Megilla 17 d; Berachot 33 a) die Männer der großen Synagoge, worunter auch Propheten waren, als die ursprünglichen Verfasser der Tefilloth, die zwar in Vergessenheit kamen, später aber wieder geordnet wurden. Wäre nun das Gebet nur eine neue Cultusform statt der Opfer und wie diese nur ein symbolisches Cultusmittel, so hätten ja jene Männer gar keine Veranlassung hierzu gehabt, da der Opfcrculrus zu jener Zeit noch rn vollkommciicr Blürbe bestand? Es muß renn doch selbst von den Rabbinen der Gcbetculms als aus dem innrrn Drange nach reingcistiger Andacht, dem der Opferdienst eben wrgen seiner Aeußerlichkeit nicht genügte, hervorgcgangcn betrachtet, somit das Gebet nicht als symbolisches Cultusmittel wie das Opfer, sondern als rein innerlicher Hcrzensdicnst angesehen werden. Wir hätten also wieder einen neuen Widerspruch auf dem Grunde des -Lalmuds selbst auszugleichen, da die Ansicht, das Gebet sei an die Stelle der Opfer getreten, derjenigen, welche es von den Männern ver großen Synagoge herrühren läßt/ entgegengesetzt zu sein scheint. Allein vie Kritik hat diesen Widerspruch längst gefühlt und, wie mir scheint, auf die naturgemäßeste Weise beigclegt. Zun.z sagt (G. V. S. 366) in Bezug des Gebetes: „Schon im Daniel ist von drei täglichen Betstunden die Rede, wodurch die Uebrrlicscrung, welche jene Institution den Männern der großen Synagoge zuschreibt, an Wahrscheinlichkeit gewinnt." DaS scheint uns das Nichtige zu sein, wovon aber auch der oben be. zeichnete Widerspruch seine vollständige Lösung findet. Die Männer der großen Synagoge, zu denen auch die aus dem babylonischen Eril zurückzekehrten Esra, Nehrmia und Scrubabel gehörten, müssen ihre Wirksamkeit schon während des Erils begonnen und dieselbe in Ermangelung des Opfercultus zunächst auf die Einsetzung des denselben vertretenden Gebets*) gerichtet haben. Hiemit stimmt das von Daniel Ber.chtete genau überein und findet noch außerdem im Talmud selbst hohe Bestätigung. In der b. Gemara Megillah 18 a wird nämlich ein Widerspruch zwischen vem Berichte, welcher die Einsetzung und Ordnung der Tefilla den 120 Greisen, worunter viele Propheten warm, zuschreibt, mit vem Berichte, welcher dahin lautet, daß Simon Hapikuli die 18 Scgensprüche vor Rabbi Gamaliel in Iamia geordnet hätte, hervorgehoben. und dadurch ausgeglichen, daß angenommen wird, jene ursprüngliche Einsetzung und Ordnung wäre in Vergessenheit gekommen unv durch Simon wieder erneuert worden: '31 pjraip -non by rP?n upn noa dtoi D>jpi pp DniDi ")7TO DITO®?-VHOn 'KO 'bip'BH. Daß eine von so hoher Autorität herrührende Gebetorvnung bei der ganzen Nation in Vergessenheit gekommen und in derselben während mehrerer Jahrhunderte sich erhalten haben sollte bis sie ein späteres Zeitalter aus der Vergessenheit gezogen hat, muß gewiß Jedem höchst auffallend und unwahrscheinlich Vorkommen.**) Nach unserer Voraussetzung hat diese etwas seltsam ausgedrückte Erklärung ihren natürlichen und historischen Zusammenhang. Die von den Männern der großen Synagoge während des Erils in Ermangelung des Opserdienstes statt desselben eingesetzten drei Mal täglich zu *) Maimoniv. d. Tefilla 1, 4 schreibt die Einsetzung des Gebets ausdrücklich dem Esra und seinen Zeitgenossen zu, wenn er auch für die Einsetzung einen andern Grunv angibt: nsniff ]VOi -non by mmn n"' d,P upm noj> “p un nm amy vrgl. auch lbid Vfp 'n 1. 7. **) S. unser 2. Votum über das Hamb. Tempclgebetbuch S. 18 u. Dukes, die Kenntnis) der neuhebr. rclig. Poesie S. 2, der wegen der in der gemaristischen Ausgleichung liegenden Schwierigkeit den S. PckuU als den wirklichen Verfasser der Tefilla hält. Wir bemerken hier, daß es uns bei dieser unserer Untersuchung der Principicn des rabbinischen Cultus durchaus nicht aus die wirklichen Resultate, welche die Kritik über die Entstehungs- Epoche ver Gebete ermittelt, ankommt, sondern auf die im Talmud darüber herrschende Ansicht, da lediglich die Erforschung des talmudischen Glaubensbewußtseins ausschließlicher Gegenstand unserer Untersuchung ist, unv muß uns zu diesem Zweck vollkommen genügen, wenn es feststeht, daß der Talmud die Entstehung der Gebete auf die Zeit der großen Synode zurücksührt und diese Zu. rückführung mit seiner Ansicht, daß die Gebete statt der Opfer ein. gesetzt seien, in voller Uebereinstimmung sich befindet.