Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1846)
- Date
- 1846-07-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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213 wußte, so beschuldigt er ihn auf den Grund einer bei der letzten Rabbiner-Versammlung von ihm citirten Talmudstelle, die Herr Einhorn nicht nach dem Sinne Hamburgers intcrpretirte, daß er (Einhorn) sich seine in der frühesten Jugend schon erlangten Mo. rcnu erschlichen haben müsse, und sucht hiedurch bei einer Gemeinde einem Manne, der als wissenschaftliche und moralische Größe auch bei fernem Kreisen dasteht, durch solche wahrhaft lächerliche Beschuldigungen zu prostituiren. Er behauptete ferner, vr. Einhorn sei ein Judenfeind, ein Mann, dem der Frieden seiner Gemeinde nichts gclre, sobald es sich darum handle, beliebten Ideen Eingang zu verschaffen. Ist er vielleicht drßhalb ein Judenfeind, weil er behauptet, auch der Nichtjude stehe unter göttlicher Obhut, auch er sei ein Geschöpf und Kind Gottes und nicht, wle manche glauben, von □'-»Sil “1550 gebildet. Aber, wenn er und seine Gesinnungs. genossen, die man gleichfalls der Judenfeindlichkeit anNagt, ein Feind unserer Glaubensgenossen sind» warum treten sie denn fast Alle, kühn, offen und ohne Scheu bei den Negierungen mit so manchem scharfen Worte für die Rechte unserer jüd. Brüder aus? Hätten sie es nicht bequemer, wenn sie, wie die s. g. Frommen nichts in dieser Hinsicht thäten, ja sogar wie in Baiern bei der letzten Stände-Versammlung, die jüd. Emancipaticn hintcrtricben und dabei über das nibJ recht fromme, herzzerbrcchende Klagen anstimmtcn? Hr. vr. Einhorn weilt nun fast 5 Jahre in unserer Mitte und Jedermann in unscrm Lande kann ihm das Zeugniß nicht vorenthalten, daß er das materielle und geistige Wohl seiner Pflegbefohlenen, soweit dies in feinem Bereiche liegt, jederzeit bestmöglichst zu fördern gesucht hat und wie begeistert und begei. sternd er auch in seinen öffentlichen Reden für den Fortschritt auf' tritt, so übt er doch um dessentwillen nicht den geringsten Zwang, ging er jederzeit nur schonend und versöhnlich zu Werke und hat er, (kann man mehr sagen) im .ganzen Rabbinatssprengcl auch nicht einen persönlichen Feind. Unser Hr. Rabbiner ist al'o nichts weniger als ein frivoler Stürmer, wie Hr. Hamburger lügnerisch nach Schwerin berichtet. Es ist überhaupt nicht das Erstemal, daß orthodoxerseits cutf den Unfrieden hingewiescn wird, rer in den mit reformistischen Rabbincn bestellten Gemeinden herrscht, mit dcn Cchrcäwoncn: „Da seht, welch ein Segen die Neologen begleitet!" In Gemeinden mit Starrgläubigen ist freilich i,inner Frieden und Ruhe, und gehören dort Dissidien in der Regel zu den Seltenheiten. Wodurch sollten aber auch solche ein« treten? Die Gemeinde-Angehörigen, die den alten Formen und Satzungen dcn Rücken gekehrt, lassen dem Stockrabbinen sein Zitzithküssen, Modim-Bückcn, Kaporeth-undHoschaanothschlagenrc. gehen unbekümmert ihren Weg, lassen den Rabbiner Rabbiner sein und achten selbst dessen Losdonnern gegen die Poschim und Gojim nicht, und somit muß eS in solchen Gemeinden hübsch nr hig und — unordentlich zugehen. Dazu kömmt, daß daS Mittelgut der menschlichen Gesellschaft, wie ein Historiker irgendwo sagt, und also auch daS Mittelgut der Rabbinen, keine Feinde hat; denn diese ersparen denen, die mit ihnen Zusammenleben, das drückende Gefühl der geistigen Ueberlrgenheit. während große Mannern (und wenigstens den Starrorthodoren gegenüber verdienen diesen Namen die meisten Mitglieder der Rabb.-Vers.) entweder diejenigen, die ihre Kreise berühren unwiderstehlich zu sich Heraufziehen, oder mit ihnen in Reibung gerathen, sobald die mit Macht ausgestattete geistige Armnth es nicht vertragen will, daß — vw Fixsterne helleres Licht haben, als die Planeten und Trabanten. Bei Hrn vr. Einhorn tritt nun das Erstere ein, und wir können es daher nur tadeln, daß er den von Hochmuth, Selbstsucht und religiösem Wahnsinn aufgcbläheten Goliath in Fürth nicht schärfer unter das Visir geschaut und sich keines spitzigeren Speers bedient hat, um ihm und alle chm anhängenden schwarzen Ritter aus dem Sattel zu heben. Wir übrigens sinv durch die Anklagen des Hin. Hamburger für unfern Rabbinen noch mehr eingenommen worden, denn wir gewahren. wie er nicht nur während seiner hiesigen Wirksamkeit, sondern, fast möchten wir sagen (vre (V22 ein exemplarisches Leben geführt haben muß, da im andern Fall Rabbi Hamburger gewiß kein Bedenken getragen haben würde, es zur öffentlichen Kunde zu dringen. Oberrabbiner Cahn. (Von der Mosel.) — Die Conflikte, in welche Hr. Ober- Rabbiner Cahn zu Trier mit seiner Gemeinde wegen seines Beitrittes zu dem Rabbiner-Institute gerathen. haben sich wieder ganz ausgeglichen und ist das frühere friedliche Verhältniß zwischen beiden Theilen wieder cingetretcn. Man sieht abermals, daß sich die Rabbiner nicht so schnell von ihren guten Bestrebungen durch diese oder jene Aufregung in der Gemeinde abführcn lassen mögen. Geschweige daß die Pflicht schon die Ausführung der guten Vorsätze gebietet, spricht auch die Klugheit für Consequenz in den redlichen Unternehmungen und bestätigt die Erfahrung, daß wahre Achtung in einer Gemeinde nur durch charakterfestes Auftreten in der amtlichen Wirksamkeit und durch beharrliches, durch Schreier und Lärmbläser nicht abzulenkendes Bestehen in der einmal mit Gott und Gewissen angetretenen Richtung auf die Dauer sich sichern läßt. Wer über einer Gemeinde steht, muß lenken und leiten, darf aber nicht von dieser gelenkt und geleitet werden.