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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-07-05 · Heft 27 (5.7.1846) · page 3

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 27 (5.7.1846)
Date
1846-07-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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211 einestheils gegen diesen Einwand schon die gesinnungsvollen Adressen zeugen, welche bei der zweiten Rabbinerversammlung eingegangen sind, beurkundend, wie bei den Israeliten in Stadt und Land die lichteren Ideen überall sich unwiderstehlich einen Weg babnen, so lehrt uns anderntheils die Geschichte unserer Religion, daß dasselbe Volk, welches jetzt unter dem Joche talmudischer Satzungen gebeugt einher geht, einst vom bittersten Hasse auch gegen die Talmudlehrer erfüllt war. Tics führt uns zu einem andern, gegen uns erhobenen Vorwürfe, dieBeschlüsse der Rabbinerversammlung batten nämlich bis jetzt noch wenig praktische Ausführung erlangt. Das ist allerdings wahr, ist auch bei dem Zustande unserer Gemeinden, dem Zelvkismus aus der einen Seite, welcher seinen Energie gegen jede Verbesserung ins Feld rücken läßt, und dem Jndifferentismus auf der andern Seite, welcher den Verbesserungen keinen Boden mit Energie und Kraftanstrengung zu gewinnen weiß, wobl nicht anders möglich, und wir müssen uns mit Dem begnügen, was jedoch schon ein Bedeutendes ist, daß der einzelne Rabbiner auch bei dem Einzelnen, was er verbessernd einführt, nicht mehr vereinzelt dasteht, sondern auf die Zustimmung mitstrebender College» Hinweisen möge. Uebrigens fragen wir wieder, wie stand cs in Betreff der praktischen Ausführung mit den Beschlüssen der Talmudschulen? Hat es nicht Jahrhunderte bedurft, bis sie allgemein Eingang fanden? Hat cs nicht ein ganzes Jahrtausend erfordert, bis die Urelemente unseres jetzigen Gottesdienstes sicher und fest gestellt waren? Jener oben berührte, eingefleischte Haß zwischen den niederen jüdischen Volksklaffen und den Talmudistcn, läßt er nicht mit Sicherheit den Schluß ziehen, daß jene auch die Satzungen der Talmudlehrer nicht pünktlich befolgten? Doch wozu der Frage! Der Talmud selbst (Sota 22, 1) giebt uns ja eine Definition, was er unter einem „gemeinen Manne" (^.m-daaro^ verstehe, nämlich einen Israeliten, der nicht Abends und Morgens das Schma lese, oder die Gebetriemen nicht anlege, oder die Schaufäden nicht am Kleide trage; ersehen wir ja aus einer andern Stelle (Sabbalh. 130, 1), daß selbst nach der Zerstörung des zweiten Tempels noch der Gebrauch der Gebetriemen schwankend im Volke war (rv.n pny ,\>ban ffTd nsno). Liefert und das nicht den Beweis, wie die religiösen Ceremonien erst allmälig in's Volksleben eindrangen? So verhielt es sich auch mit allen späteren Anordnungen; nach und nach breiteten sie sich im ganzen Volke aus. Haben nun etwa die Talmudisten mit ihren Erschwerungen gewartet, bis das ganze Volk darnach schrie? Nein! sie sprachen Dasjenige, was si e als der Religion förderlich erachteten, aus, in der Hoffnung, es werde ins Volk sich cinleben. So dürfen denn auch wir mit vorzuschlagenden Reformen nicht warten, bis alles Volk für sie reif ist, sondern wir sind verpflichtet, was wir im Interesse der Religion für heilsam erachten, überzeugungsgemäß hinzustellen; wer d a v o n G e b r a n ch m a ch e n w i l l, für den i st e ö hingestellt. Wie sonst? wir sollten, wie ein gelehrter Rabbiner der Gegenwart vorschlägt, mit den Reformen warten, bis im Volke die Formen sich ausgelebt, bis sie entseelte Leichname sind, an denen man freilich, ohne Jemanden wehe zu tbun, leicht erperimentircn kann? Nein, wir sind der Ansicht, daß es besser sei, wenn die Rabbinen dem Volke, als wenn dieses den Rabbinen die Anleitung zur Reform gebe; wir sind der Ansicht, daß, wenn man im Volke das religiöse Leben stärken und kräftigen will, man es zu thun habe, bevor das Volk sich aus demselben völlig herausgelebt. Also ist die Rabbinerversammlung bestrebt, durch That, Wort und Schrift auf jüdische Verhältnisse anregend einzuwirken. Allein man bat ihr auch das schon zum Vorwurfe gemacht, daß diese Anregung eine Aufregung sei, daß sie den Kampf und den Unfrieden vermehre. Denkt man nun dabei an den Kampf, welchen unsere Sache den Rabbinen selbst, uns und allen Genossen im Amte bereitet, die sich an der Sache Gottes und der Religion lebhaft bethciligen, so mag dieser Kampf uns eher zum Lobe, als zum Tadel gereichen. Auch hier haben wir wieder die Geschichte für uns. Alle, die in den verschiedenen Phasen desJudenchums an seiner Entwickelung tkätigen Antheil genommen, batten auf der einen Seite Roth und Kampf, auf der andern Seite aber auch Frende und Sieg. Moses stritt ein ganzes Leben hindurch gegen eines störrigen Volkes Undank und Widersetzlichkeit, er wurde der Wobltbäter Israels und der Menschheit. Die Propheten waren oft Todesgefahren ansgesetzt, sie wurden die Retter des Glaubens an den einzigen Gott. Die Talmudisten auch hatten für ihre Sache zu

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