Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 26 (28.6.1846)
- Date
- 1846-06-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Ertra-Deitage;um Israeliten des 19. Jahrhunderts. Inserat zu Nr. 26., VII. Jahrg., 28. Juni 1846. Füllt Sorge des Menschen Herz, spreche er sich darüber aus, rathet der weiseste aller Könige: Drückt Kummer und Leiden den Geängsteten, den Bedrückten, zu Boden, soll er sich doch nicht so sehr vom Schmerz überwältiget der Verzweiflung überlassen, sondern Muth behalten, ihn öffentlich zu besprechen: Von allen Seiten erwogen, nach allen Richtungen betrachtet, ist die Möglichkeit gegeben, ein Mittel zur Linderung desselben zu ersinnen. wenigstens einen Trost zu gewinnen. Höchst dankenswerth ist es demnach, daß der geehrte Redakteur der Zeitung d. I. in Nr. 5 u. 6 mit warmem Gefühl und mit Würde die Pharaonische Verfolgung der russischen Juden ihren Mitbrüdern ans Herz legte, und Mittel in Vorschlag brachte, die er darinnen findet, eine Auswanderung zu bewirken, und durch freiwillige Beiträge ein Kapital zu sammeln, um in irgend einem Welttheil verfügbares Land anzukaufen, den armen Auswandcrndcn Zufluchtsort und Nahrungsquellen zu verschaffen. Auch dieses Mittel ist nicht minder einer allseitigen Besprechung unterworfen ruiTE^ 3^3 JTUXl. Es wäre vorerst zu besprechen, welcher Betrag ohngefähr nöthig und welches die geeignetste Lokalität zum Ankauf wäre. Erwägen wir zuerst die Lokalität. In Europa gibt es unstreitig noch zur Cultur verfügbares Land — Rußland abgerechnet —in Ungarn, in der Moldau und Walachei. Abgesehen davon, daß in diesen Ländern keine große zusammenhängenden Strecken unbenütztcn Landes sich finden, nur stückweise, und im Berhältniß zur Bevölkerung, nicht zu sehr niedrigen Preisen zu erlangen sein werden, entstehet die Frage: Ist es rathsam, eine Anzahl armer Emigranten, die dem Landbau ganz entfremdet sind, für welche Wohnung, Vieh, Gcräthschaften, und für die ersten Jahre noch Unterstützung und Fristung der nöthigen Bedürfnisse erforderlich, unter Völker zu zerstreuen, die sich religiös verpflichtet fühlen, sie zu hassen, zu bedrücken; unter Regierungen, wo Hunderte von Berechtigten, über Hunderttausende von Sklaven aber, außer dem Gesetz sich befinden? Ist die Musquitoküste, ist Brasilien, wo außer dem, dem europäischen Nordländer sichern Tod bringenden Klima, noch die Lehre vom christlichen Staat seine volle Geltung hat, und wo zu besorgen ist, daß heute oder morgen die portugiesisch-spanische Inquisition mit ihren Ketten und Scheiterhaufen wieder ihren Thron aufrichten kann, zum Zufluchtsort zu wählen? Gönnen wir den armen Leidenden wenigstens den Trost, daß, wenn ihre Leiden geendet, sie wenigstens dieselbe Erde decke, die ihren geehrten, geliebten Eltern Ruhe gewährt. Es bleibt demnach nur die Wahl zwischen den englischen Besitzungen in dem Südmeer und den vereinigten Staaten Nordamerikas. Erstrre sind außer den weit überwiegenden Uebersiedlungskosten noch zu wenig nach allen Seiten ihrer Verhältnisse bekannt, um sie ausschließlich zur Colonisirung zu wählen. Das Messiasreich — nicht das rabbinische, nur das prophetische — für bedrängte Juden ist demnach nur in Amerika zu suchen und zu finden. Setzen wir nun den Fall, es würde durch Milde und Wohlthätigkeit eine Summe von zweimalhundcrttausend Gulden zusammcngebracht, müssen wir untersuchen, was mit diesem ausgeführt werden könnte. Transportkosten von Rußland über Hamburg oder Bremen, dann über Ncwyork oder Boston, bis zum bestimmten Niederlaffungsort, pr. Familie v. 5 Personen fl. 200 40 Acres cult irfähigcn Bodens, der nach mühesamer Bearbeitung zur Ernährung erforderlich ist »1'/. Dollar „ 90 Zum Bau einer Hütte, zum Ankauf von 2 Ochsen, einer Kuh, wenigstens. u 200 Ackergeräth und sonst nöthige Einrichtungen, nur . . »60 Zusammen fl. 550 Vorausgesetzt jede Familie bringe von Hause so viel mit, um zwei Jahre, bis ihre Wirthfchaft so weit im Gange ist, ihre Bedürfnisse befriedigen zu können, reicht das UnterstützungS- Kapital hin, um 300 Familien oder 1800 Personen in der äaßersten Roth Hülfe zu bringen. Der Ueberrest von 1Millior» Leidensbrüder, worunter neun Zehntheil gewiß ganz mittellos, bleibt nichts übrig, alS seinem Tode auf heimathlichem Bode» mit Ergebung entgegen zu sehen. Wenden wir uns von diese« gräßlichsten zu einem minder aber immer noch gräßlichen Bilde zu drn Verhältnissen der deutschen Juden. Wenn die in Rußland, in noch niedrigem Culturstand sich befinden, durch Jahrhunderte an Haß und an Verfolgung gewöhnt, für alle ihre Leiden durch äußere Religionsgebräuche entschädigt, durch ihr Märtyrerthum belohnt zu werden hoffen: Fühlen sich die Deutschen, ihrer Menschenwürde bewußt, in Erfüllung aller Pflichten gegen Gott und Menschen, in Ausübung industrieller, wissen-