Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1846)
- Date
- 1846-06-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2566751-2567017-2567043--2117-2570129- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
HO Cultus durchdringenden Lebensprinzip so . übereinstimmend, daß Maimonives, durch seine entgegengesetzte Behauptung, abgesehen von allem Andern, einen jhistorischen Mißgriff begeht. Das den Mosaismus durchwehende und ihn wesentlich von der spätern prophetischen Anschauung unterscheidende Lebensprinzip ist der Gedanke, daß der Mensch durch die bloße Innerlichkeit unv ausschlicßcnd geistige Thätigkcit allein nicht in Verbindung mit Gott treten könne, sondern durch diese in Verbindung mit Sinnlichem und Aeußcrlichem, oder richtiger durch die im Sinnlichen und Realen symbolisch dargestellte Innerlichkeit, welches Maimonid. selbst im Moreh wie auch an vielen Orten des Iad. *), besonders am Schluffe des .Tina “iDD ausspricht. Nachmanidcs ist daher ganz consequcnt. wenn er, wie nicht blos die betreffenden speziellen Aeußerungcn des Talmuds nbsn bezeugen, sondern daö ganze Prinzip des Talmuds von der absoluten Ewigkeit des symbolischen Opfcrcultus und des ganzen Ccremonialgesetzcs noch deutlicher beweist, behauptet: der Mosaismus habe neben dem symbolischen Cultus, welcher im Sinnlichen unv Aeußerlichcn sich bewegt, nicht auch einen in Gebet und geistiger Andacht bestehenden innerlichen Gottesdienst angrordnct, weil ein äußerlicher mit einem innerlichen Cultus zu het.'rogen, ja einander zu entgegengesetzt und von verschiedenen gleichfalls einander widersprechenden Principien ausgehend sind. als daß sie von einem und demselben Gesetzgeber für ein und dasselbe Volk gleichzeitig angcordnet sein könnten. Wäre in der rabbinischen Anschauung die Idee eines rein geistigen idealen Gottesdienstes wie in der prophetischen Anschauung zum Durchbruch gekommen, so hätten die Rabbinen statt die Ewigkeit des Opfercultus zu glauben und dessen Restitution zu hoffen, wie die Propheten gegen denselben geeifert. Der Gedanke: der Mensch als ein geistig-sinnliches Wesen kann das Geistige nur durch das Merium des Sinnlichen sich aneignen und mit demselben in Verbindung treten, bildet zu dem Gedanken: der Mensch könne nur durch seinen Geist ohne alle sinnliche Vermittelung zum Geistigen sich erheben und mit demselben die innigste Gemeinschaft unterhalten , einen schroffen Gegensatz. so daß wir, wenn wir den erstem als den Grundgedanken des Mosaismus erkennen, den letzter» notbwendig von ihm ausschließen müssen. Daß aber der ganze sombolische Cultus des Mosaismus diesen Grundgedanken wirklich als sein inneres Lebensprincip ausspricht und nur durch denselben verständlich ist, glauben wir im ersten Theile hinlänglich erörtert zu haben. Maimonid. geräth daher mit seiner Ansicht um so tiefer in einen Widerspruch hinein, als er auf dem Standpunkt des 1» K. M. h. Temura 4. 13: P'X m*n OH 3VM .D’Ctdh mjnn nsyn prno niay mos. Gesetzes nicht blos Gebetpfficht, sondern diese sogar ohne alle beschränkende Form voraussctzt, wo der Cultus nur um so geistiger ist, als er, an keine formelle Schranke gebunden, in dem freiesten Element ver andächtigen Empfindung sich bewegen kann. Viel konsequenter ist der Talmud selbst, der auf dem Standpunkt des Mosaismus von keinem andern Cultus als einem symbolischen, d. h. sinnlich-äußerlichen, wissen will und neben demselben das Gebet, welches, wenn auch in Formeln eingezwängt, doch nut dem geistigen Element zu nah verwandt ist und dasselbe zu deutlich reflectirt, gänzlich ausschlicßt. Hatten nun nach dem Talmud die ältesten Rabbinen einen ganz neuen und frischen Boden, auf dem sie schöpferisch auftreten^ d. h. einen, wenn auch nur provisorischen, doch neuen CultuS schaffen konnten, so werden ihre Geschöpfe gewiß ein unverfälschter Ausdruck ihres innern Lebensprincips gewesen sein. Die ältesten Rabbinen, welche die Schöpfer des neuen Cultus waren, hatten aber den Grundgedanken des Mosaismus nicht aufgegeben, waren vielmehr des festen Glaubens, ein symbolischer Cultus sei noch immer für den Menschen absolut nothwendig, der Mensch könne noch immer nur mittelst sinnlich-äußerlicher Darstellung die innige Gemeinschaft mit Gott erhalten und befestigen. Sie haben dies ihr Glaubens - und Lcbrnsprinzip theils darin ausgesprochen, daß sie das symbolische Ccremonialgesetz in allen seinen auch außcr Palästina möglichen unv ausführbaren Theilen festhielten, theils darin, daß sie auch die Wiederherstellung des Opfcrcultus glaub, ten, hofften und wünschten, mithin in aller Ewigkeit für nothwenbig hielten. Bei dieser ihrer Grundansicht konnte unmöglich in ihrem Bewußtsein der Gedanke Raum finden, der Mensch könne vorläufig bis zur Restitution des Opfercultns durch einen rein geistigen Gottesdienst, als welcher wir das Gebet in unserer modernen Anschauung betrachten, durch innere andächtige Erhebung dasselbe bewirken, was einst nur durch den Opferdienst erreichbar war. Wenn sie also demnach zum Gebete ihre Zuflucht nehmen mußten, so haben sie aus ihrem Principe heraus das Hauptgewicht nicht sowohl auf den reingeistigen Theil des Gebetes, nämlich die innere Andacht, als vielmehr auf die in einer bestimmten Form, oder Gebetformel sich aussprechende Andacht legen können. Wenn man also als Beweis für eine angeblich höhere Stufe des rabbinischen Cultus die Aussprüche des Talmuds anführt: K'H ’DITi nbsn Gebet ist Innigkeit, oder fUlD rfcön DDEO fc6a „Gebet ohne Andacht ist wie ein Körper ohne Seele" rc. so beweist dies eben so viel als wenn man die hohe oder höhere Stufe der Innerlichkeit des mosaischen Cultus durch die Thatsache erweisen wollte, daß das Opfer ohne Andacht des Opfernden keine sühnende Kraft zur Folge habe: Freilich bedingt