Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1846)
- Date
- 1846-06-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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109 Gotteshause auf der Kanzel, inmitten des Morgengottesdienstcs, noch viel bestimmter ausgesprochen werden durfte, ohne daß ffe es für nöthig hielten, am nächsten Sabbathe der Gemeinde das 2rrthümliche und Gefährliche dieser Ansicht auseinanderzusetzen, und den bösen Samen, wo er etwa Platz gegriffen haben könnte, wieder herauszureißcn? Herr Dr. Holdheim hat in seiner jüngsten Gastprcdigt nichts Geringeres behauptet, als j daß das Judenthum mit der Zerstörung des zweiten Tempels j und mit der Vernichtung des jüdischen Reiches eine höhere Eristenz genommen habe, indem es von seiner früheren Gebundenheit an bestimmte äußere Formen in den Zustand der Ungebundcnheit und Freiheit, als rein geistiges Wesen iibergegangen sei; und daß daher der Zsraelite den Erinncrungstag an die Zerstörung Jerusalems nicht als einen Traucrtag, sondern als einen Tag der freudigen Erhebung zu feiern habe, weil durch die Zerstörung Jerusalems erst die jüdische Religion, von der äußern Hülle befreit, in seiner geistigen Klarheit hervorgetreten sei. Herr Dr. Hclvheim hat in dieser Predigt nur denselben Gedanken wiederholt, den er in der letzten Zeit vielfach in seinen Druckschriften behauptet und zu vertheidigen gesucht hat. Es ist dieser Gedanke sein Princip, mit welchem er, wie mit einem Schlage, das ganze scheinbar zeitwidrige, jüdische Ceremoniell (?), Biblisches wie Nachbiblisches, zu Boden wirft. So wenig nun auch dieses Prinzip auf die Zustimmung der großen Mehrzahl der Judenheit selbst in Deutschland rechnen darf, so ist doch die Offenheit zu loben, mit welcher Herr Dr. Holdheim dasselbe in seinen Schriften ausgesprochenZhat. Es kann nun Niemand an ihm irre werden; der Standpunkt, auf dem er steht, ist bestimmt und deutlich abgegrenzt: Holdhrim ist der wahrste und geeignetste geistliche Repräsentant der Neformgenosscnschafttn, in dem, was sie wollen und erstreben. Sie aber, mein verehrter Lehrer, stehen nach Ihrer eigenen Erklärung noch fest auf dem biblischen Standpunkt—und dennoch haben Sie gegen einen so gewaltigen Angriff auf die Geltung des Biblischen, wie ihn Herr Dr. Holdheim seit längerer Zeit macht und in unserer Gemeinde selbst von der Kanzel herab gemacht hat, kein Wort der Wiedcrlegnng und Zurechtweisung?" Also, weil Dr. Geiger den Dr. Holdheim nicht zmechtgewiesen, darf er kein Rabbiner mehr sein! Uebrigens überlassen wir es dem Dr. Holdhrim, ob er die Behauptung gelten lassen will, daß er nicht auf biblischem Standpunkte stehe. Nach unserer festen Ueberzrugung ist die Aufhebung res biblischen Ceremonialgrsetzrs, insoweit es für unsere Zeit seine frühere Bedeutung verloren, gerade vom biblischen Standpunkte aus gerechtfertigt, indem der lebendige, ewig erzeugende und bildende Geist der Bibel alles Abgestorbene abweist unv eine fortwährende innere und äußere Fortentwickelung verlangt. Nur dann steht man nicht mehr auf biblischem Stand- Punkt, wenn man, wie Dr. Freund, für die ewige Geltung des CeremonialgefetzeS in die Schranken tritt, es aber für seine Person abweist. Es ist in dem „Israeliten" feiner Zeit mitgetheilt worden, daß die hiesige philosophische Facultät beim Ministerium den Antrag gestellt, dasjenige akademische Statut aufzuheben, welches die jüdischen Studirenden der Philosophie auf hiesiger Universität verhindert, das Doctor-Eramen zu machen. Da das Ministerium diesen Antrag vorläufig abgelehnt hatte, machte der Decan der philosophischen Facultät, Dr. Bernstein, Professor der orientalischen Sprachen und Literaturen, nochmals eine Separatcingabe mit demselben Gesuche, welches aber abermals abgelehnt wurde. Auf mehrfache Anfragen, ob ich zu der im nächsten Monat in Breslau stattsindenden Rabb.-Versammlung pommen werde, antworte ich auf diesem Wege, daß Familien - Verhältnisse mir es dieses Jahr unmöglich machen, bei der Rabb.. Versammlung zu erscheinen; hoffe aber, so Gott Leben und Gesundheit fristet, an den Verhandlungen künftiger Versammlungen wieder persönlichen Antheil nehmen zu können. Stuttgart, im Juni 1846. Kirchenrath Maier. Unterstützung des jüdischen Cultus in Bayer«. (Schluß.) So beklagenöwerth nun die Lage vieler Gemeinden ist, so mißlich ist auch die Stellung vieler Rabbiner und Lehrer. Daß diese, wenn sie nicht zugleich Elementarlehrer find, was aber nur bei den wenigsten der Fall ist, gewöhnlich von einem jährlichen Gehalte von 200 oder auch nur von 150 fl. zum Theil mit Familie, leben müssen, ist schon oben erwähnt worden. Wie beklagenswerth aber ein solches Loos sei, darüber braucht man wohl kein Wort zu verlieren. Allein auch das Diensteinkommen der Rabbiner ist größtentheils fo geringe. daß sie keineswegs vor drückenden Nahrungssorgen bewahrt find, diejenigen ausgenommen, welche vom Glücke in der Art begünstigt find, daß fie ein Privatvermögen befitzen. Bei der Organisation der meisten Rabbinate vor ongefähr zwanzig Jahren wurde der jährliche Gehalt eines