Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1846)
- Date
- 1846-06-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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108 nähme des ersten, welches die Neugierde reizte, wenig gekauft, sie gingen ganz spur- und wirkungslos vorüber, und bei der stillschweigenden Verachtung, welche man den letztern entgegensetzte, mußte dem Dr. Freund die ganze Seadschreibcrei überdrüssig werven. Dr. Freund machte daher auch die Anerbietung zum Waffenstillstand, welchen er aber an die Bedingung knüpfte, daß vr. Geiger in den hiesigen Zeitungen erkläre, er habe nicht die „Adresse an vr. Freund" und einen gewissen Artikel gegen diesen in der Schlesischen Zeitung verfaßt, vr. Freund bczeichnete früher selbst in den hiesigen Zeitungen Herrn B. Mauksch aus Ungarn als den Verfasser der Adresse, als welchen er ihn auch beim Senate der Universität anklagte. Es war ihm aber nur darum zu thun, nicht so ganz mir nichts dir nichts vom Kampffclve abzvzichen. vr. Geiger konnte invcß da er die Polemick des vr. Freund nicht hervorrief, auf derartige öffentliche Erklärungen nicht eingehen, und so wurde denn das dritte Sendschreiben an vr. Geiger in den Buchladcn gegeben. Zn diesem Sendschreiben behauptet vr. Freund, daß vr. Geiger kein Rabbiner mehr sein könne, und zwar hauptsächlich deshalb, weil der Landrabbiner vr. Holdheim hier eine freisinnige Predigt gehalten, welche vr. Geiger, wenn er Rabbiner im Sinne deS vr. Freund sein wollte, hätte desavouiren müssen! Diese Beweisführung ist zu charakteristisch für die Freund'sche Polemick, als daß wir sie hier nicht auszüglich mittheilen sollten. Sie ist so in die Höhe hinaufgeschroben, daß Einem der Athem dabei ausbleibt; mau wird durch Fragen immer weiter gelockt, um endlich am Ziele angelangt über dieses laut auflachen zu müssen. „Als Sie vor mehrern Wochen im Saale des Kaff« restaurant vor einem aus Herren und Damen bestehenden, größtentheils der genossenschaftlichen Richtung angehörenden Publikum jenen vielbesprochenen Vortrag hielten, in welchem Sie das Wünschens- und Nachahnmngswerthe der Reformgenossenschaften darzuthun suchten, und Einer der Zuhörer, ein freisinniger und ganz unabhängiger Mann (nämlich vr. Freund), die Versammlung auf die große Schwierigkeit aufmerksam machte, die jüdische Lehre dem Leben zu accomodiren, da das gegenwärtige Leben nicht blos von den talmudischen und rabbinischen Satzungen, von denen Sie gesprochen hatten, sondern auch von den mosaischen Cermonialgeboten befreit sein wolle, und hier, bei Mosaisches und Nachmosaisches, wie es in der Zeit entstanden, so auch von der Zeit aufgehoben wünsche — da fuhren Sie unwillig auf und verwahrten sich mit großem Eifer gegen die Zumuthung, als ob Sie etwa das Mosaische und das Talmudische auf eine Linie stellten, da Sie das mosaische Gesetz für ein göttliches hielten. So haben Sie damals die Ansicht, welche Mosaisches und TalmudischeS, oder, wie Sie lieber wollen, Biblisches und Nachbiblisches, auf eine Linie stellt, und der Reform unterwirft, zurückgewiesen. Und nun erlauben Cie mir wohl, verehrter Herr Doktor, einige Fragen über diesen Gegenstand. Nicht wahr. Sie halten sich bei Besprechungen über wichtige Gegenstände überhaupt, unv über Rcligionsgegenstände insbesondere, lediglich an die Sache ohne Rücksicht auf die Person, mit welcher Sie sich besprechen? — wie sollte ich nicht? antworten Sie ohne Zweifel; mir gilt jablos die Sache, nicht die Person. — Sie hätten also, Verehrtester, dieselbe Erklärung, die Sie damals dem freisinnigen Nichttheologen gegeben haben, jedem Andern, ohne Unterschied der Person unv des Standes, auch gegeben?— Allerdings, jedem Andern, höre ich Sie sagen. — Auch wenn Ihr Opponent Ihr bester Freund unv Zhr eifrigstei Kampfgenosse wäre? — Natürlich, sagen Sir; Freund» schaft unv Genossenschaft steht bei mir jederzeit meiner Ueberzeugung und der Wahrheit nach. — Sie würden demnach, werther Lehrer, Zhrem Freunde und Kampfgenossen, Herrn vr. Holvhrim, damals ganz so erwidert haben wie dem Nichttheologen? — Allerdings, ganz eben so.— Nun wollen wir den Gegenstand auch noch von einer andern Seite betrachten. Sie geben guter Herr Doctor, doch zu, daß es bei Besprechungen über religiöse Dinge sehr viel auf den Ort ankommt, wo gesprochen wird? daß man z. B. auf dem Katheder viele theologische Thema te besprechen kann, welche auf der Kanzel nicht besprochen werden dürfen?—Za wohl, ant. Worten Sie. — Was aber schon auf dem Kathever als rel'gions. widrig erscheint, muß dies nicht um jeden Preis von der Kanzel fern gehalten werden? — Ohne allen Zweifel, sagen Sie. — Verdient also nicht Derjenige, welcher eine solche schon auf dem Katheder als religionswivrig erscheinende Behauptung auf der Kanzel ausspricht, eine ernste Zurechtweisung? —Ganz gewiß, antworten Sie — Und genügt es mit der bloßen Zurechtweisung, oder muß bei der ersten Gelegenheit das behauptete Irreligiöse von derselben Stelle auch als irrig zurückgewiesen werden? — Allerdings sagen Sie, muß die religiöse Behauptung baldigst von derselben Stelle zurückgewiesen werden, sonst bliebe ja der ausgestreute böse Saame in den Gemüthern der Religionsgemeinde. — Nachdem Sie nun sich einmal dahin ausgesprochen haben, daß das Zusammenwerfen des Biblischen und Nachbiblischen hinsichtlich der Reform irrig und unzulässig sei, halten Sie die Behauptung, daß die mosaischen Cermonialgebrauche längst ihre Geltung verloren haben, wenn diese Behauptung, von der Kanzel herab vor einer jüoischen Religionsgemeinde vorgetragen und behauptet wird, für einen guten, oder für einen bösen Samen? — Für einen bösen, ohne allen Zweifel. Nun denn verehrter Lehrer, was mag da wohl die Ursache (gewesen) sein, daß dieselbe (?) Ansicht, welche Sie in einer genossenschaftlich gesinnten Privatversammlung eiligst zurückzuweisen sich gedrungen fühlten, von Herrn Doctor Holdheim, im