Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 25 (21.6.1846)
- Date
- 1846-06-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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106 es könnte fcaber in manchen Gegenden dann zuweilen eine Doppclfeicr nötbig sein: sollte man nicht annehmen müssen, daß bei so geänderten Verhältnissen, wie wir sie «ns kaum jetzt vorstellig machen können, die Gewalt der Behörden sowohl als der Eifer des Volkes kräftig genug sein würden, diese Doppelse'er fcstzuhalten, wenn auch das Iabr vorher dieselbe nicht statt gefunden? War dies ja am Neujahre zu alten Zeiten auch der Fall, und oft mögen in einem Jahre die Boten angelangt sein, im andern nicht, so daß in alter Zeit bald eine Doppelfeier Statt fand, bald nicht, ohne daß man besorgte, sic werde in dem einen Jahre nicht beachtet werden, weil sie im früher« nicht gegolten batte. Es ist demnach die von der Gemara versuchte Begründung der forkzuerhaltendcn Doppelfeier durchaus nichtig und kann ans Beachtung keinen Anspruch machen. (Schluß folgt.) Geschichte des Tages» Unsere Gegenwart und unsere Zukunft. (Aus Thüringen). In rer Thal, mein werther Herr Revacteur, hatten Sie ganz recht, wenn Sie mir schrieben, daß die Schilderung unserer Zustände ein nicht minder großes Interesse für die Tagcsgcschichte hätte als Vorkommnisse und Ereignisse. Wären nur jene so. daß sie gleich beim ersten Anblick erfreuen unr das Herz mit großen Hoffnungen erfüllen könnten. Aber daran fehlt leider! noch viel. Lassen Sie mich heute nur bei den Trägern unserer Zustände weilen, bei den Männern, welche durch Geist und Wissen sie leiten und bestimmen, und Sie werden selbst in meine Klage einstimmen. Machen wir zuvörderst mit den Frommen den Anfang, und vor allen anderen mit dem Haupte des historisch-positiven Iudcnthums, dem vielgenannten, hochgepriesenen, reichlich beadreßirten Obcrrabbiner in Dresden. Wer mochte ihm seine Gaben streitig machen, wer ihm Gelehrsamkeit, Schwung des Styls, sa auch Geist nnv Scharfsinn wo es untergeordnete Fragen gilt, abwrechcn. Aber bei alle dem ist er doch nur ein Comptoir- Bediente des Handlungshauses Talmud A Comp., i!r.n gegenüber so wenig selbstständig, wie sein ehrwürdiger Amtsbrudcr in Emten, gleich ihm die veralteten Artikel der Handlung üb rfärbcnd uuv überstreifend und nur höchstens in Betracht derer, womit di.se später vermehrt worden, (der Gebräuche und Mißbräuche O'^v) sich etwas mehr Freiheit erlaubend. Mit Heren Frankel habe ich Ihnen seine ganze Schule und die simmtlichen Mitarbeiter der »religiösen Interessen des Iudenthums" geschildert und wenn ich ihnen Fürst nenne und bezeichne, so habe ich Ihnen den ganzen Troß unserer Gelehrten, die au den Wagen des „Orients" ziehen helfen, gezeichnet. Diese Herren stehen zwar nicht mehr im Solde jenes Handlungshauscs, sind — namentlich ist dieses von dem Wagenanführer gewiß — vielmehr zu eignem Vermögen gekommen und setzen sich für sich über die Statuten und Gesetze jenes Hauses hinweg; aber sie liegen noch in den Banden der Gelehrsamkeit gefangen, d. h. sie glauben, daß nur die Literatur Israel erlösen könne, daß erst die Wissenschaft und die Kritik alle Windungen und Irrungen, welchen Talmud und Rabbinismus gegangen, nur folgen und auftciben müsse, che die praktische Reform beginnen, ehe das jüdische Leben erneuert werden dürfe. Aber die Herrn denken nicht daran, daß Talmund und Rabbinismus erst aus der beschränkten Lebcnsanschauung ihrer Zeit hervorgegangen, und daß die Höhe der Gegenwart, die sittlichere, humane, religiösere auch derer ihre Genossen, die nicht zu den Gelehrten gehören, auch ein Recht, ein hohes und heiliges der Geltung, der praktischen Verwirklichung, der Gestaltung des ganzen religiösen Lebens hiernach haben, und daß sie damit nicht zu warten brauchen, bis die Gelehrten mit ihren Arbeiten fertig sind. — Mit wahrer Wehmuth denke ich bei dieser Schilderung an einen anderen hochgefeierten Namen, an den würdigen Zunz in Berlin, der nahe vor einem Decenien für die Reform sowohl wie für die Wissenschaft des Iudenthums so Großes versprach, der aber, verstimmt, daß jüngere Kräfte mit ihm um den Preis rangen und Anerkennung und praktische Wirkungskreise fanden, der Reform gram wurde und auch inner Wissenschaft seine Unbefangenheit und hiermit sein wahres Wirken verlor. Und was soll man zu Rappoport sagen der durch seine kritischen Forschungen, vorzüglich aber durch einzelne, höchst freisinnige Aeußerungen einst die Aufmerksamkeit aller Höherstreben - den auf sich gezogen, und nun durch so Mancherlei, vorzüglich aber durch sein Sendschreiben an die Frankfurter Rabbiner-Versammlung sich in einer Weise zeigte, die seine völlige Vorurtheilslosigkeit über alle höhere Fragen des Iudenthums an den Tag bringt, und mir das bezweifeln läßt, ob diese nicht noch von seiner Charackterlosigkcit und Gleißnerci *) übertroffen werde. — ») Wie schmeichelt er z. B. Jost, der doch auch Mitglied der Rabbiner - Versammlung war und auch ftüher einen wesentlich freieren Standpunkt als Herr R. einnahm. Aber Jost wollte damals die Fortsetzung seiner Geschichte der Juden, die nun erschienen ist, herausgeden, und Herr R. ist kein Freund der Ehre und des Ruhmes. —