Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1846)
- Date
- 1846-06-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Literatur-Blatt zum Israeliten des 19. Jahrhunderts. Enthaltend: Abhandlungen, Aufsätze, Recenfionen, literarische Aphorismen rc. rc. für die gesammte höhere Wissenschaft des Judenthums, und unter Mitwirkung von Geiger, Holdheim, S. Hirsch, Jost, Riese r, Herzfeld, Wechsler, Maier, Rebenstein, Stern, Dukes, Adler und vieler anderer Gelehrten revigirt und herausgegeben von Dr. M. Heß, Großherzogl. Weimarfchem Land-Rabbinen in Eisenach. Nr. 24. Sonntag den 14. Juni 1846. X. Jahrgang. Die Prinzipien des rabbr'nifchen Cultus und dessen Verhaltniß zum Religionsbewußtsein der Gegenwart. von vr. Holvbeim. Zweiter Artikel. Den mosaischen Cultus haben wir als einen durchweg symbolischen und daher seinem Wesen, wie den Grundprinzipien nach, in welchen er wurzelt, als einen von der Erkenntnißstufe und den religiösen Prinzipien der Gegenwart längst überschrittenen und daher antiquirten erkannt. Es wird daher bei dem Uebergange von demselben zur Bettachtung des rabbinisOn Cultus zunächst die Frage sein, ob dieser in seinem Verhaltniß zu jenem einen wahren und wesentlichen Fortschritt enthalten und ob die Prinzipien, in denen er ruhet, mit denen des gegenwärtigen Religionsbewußtseins der Juden, wenigstens in Deutschland, übcreinstimmen, oder von denselben — ganz oder theilweise — abweichend Diese Frage werden wir vor Allem zu beantworten haben. Das charakteristische Wesen des Symbols besteht, obigep Erörterungen zufolge, zunächst darin, daß es als ein Sinnliches und Aeußerliches seinen Zweck nicht in sich selber hat, sondern blos Darstcllungsmittel ist zur Veranschaulichung geistiger übersinnlicher Verhältnisse. Sollte daher der rabbinische Cultus einen wirklichen Fortschritt gegen den mosaischen bilden, so muß er wesentlich in dem Prinzip begründet sein, daß Gott, als ein geistiges, übersinnliches Wesen, nur im Geiste und in der Wahrheit würdig angebetet werden könne. Es schließt dieses Prinzip nicht Cultusformen an sich aus, aber doch insofern sie einen absoluten Charakter annehmen und mehr denn als Mittel zur Erregung und Erweckung der Andacht und der geistigen Erhebung dienen, d. h., wie die mosaischen Symbole eine Nothwendigkeit, nämlich eine notwendige und ausschließliche Bedingung eines gottgefälligen Dienstes und einer zu vermittelnden Gemeinschaft zwischen Gott und Menschen für sich geltend machen sollen. Da der Mensch als geistig-sinnliches Wesen auch auf der höchsten Stufe seiner geistigen Ausbildung sich des Sinnlichen nie ganz entäußern kann, so wird die Aeußerung seiner Gedanken durch Worte auüh in seinem Verhältniß zu Gott für ihn insofern unentbehrlich sein, als feine Gedanke» anch unausgesprochen, unwillkührlich in diese Form sich kleiden, als er vermöge seiner Gewohnheit an das Wort als Aeußerungsmittel zur größern Klarheit im Denken gewissermaßen gebunden ist. Der Mensch an den Verkehr mit Menschen, welcher durch sprachliche Mittheilung bedingt ist, gewohnt, wird auch in seiner geheimsten Zwiesprache mit Gott unwillkührlich, zum Worte seine Zustucht nehmen, ohne aber in den Jrrthum zu kommen, raß dieses mehr denn als Aeußerungsmittel ihm vor Gott notwendig sei. Der Mensch hat das Wort, als Ausdruck feiner Gedäüken^ öedgeistigt, daß Wort und Gedanke, ihm als eines und dassett^ gilt. Es wird aber das Wort wieder zum Sinnlichen und Aeußerlichen herabgesetzt und seiner Geistigkeit beraubt, sobald es Gott gegenüber als nothwendig, als unerläßliche Form, als Symbol erklärt wird. Das Gebet, welches die Naturgemäßeste Cultusform für den geistig gebildeten Menschen ist, finkt aber zum Symbol herab, wenn es als unumgänglich und absolut nothwendige Cultusform bettachtet wird, ohne welche der Mensch nicht in das für seine Frömmigkeit und Gottgefälligkeit erforderliche Verhaltniß mit Gott treten kann. So lange behauptet wird, der Mensch müsse gewisse Gedanken in gewisse Formen er'nkler'den, und es seien dieselbe Gedanken blos gedacht oder empftrnden, nicht genügend, um den Anforderungen Gottes zu entsprechen, so lange wird der Cultus die Stufe des Symbols und der Aeußerlichkeit nicht verlassen haben. Es kann im Interesse des Menschen, der bei aller Geistigkeit