Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 24 (14.6.1846)
- Date
- 1846-06-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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190 heucheltes Frommthun, durch ein gekünsteltes und philosophisch seinsollendes Festhalten an allem Hergekommenen erschwert wird, so wundere ich mich gar nicht, daß bei uns, wo die Menge sammt ihren Führern auf der niedrigsten Culturstufe verharren, wo der Fanatismus mit der tiefsten Unwissenheit Hand in Hand geht, jeglicher Versuch zur Hebung des Geistigen, zur Entfaltung des fitt. lichen und zur Wegräumung des alten Wustes, wodurch das hohe und erhabene Wesen unserer Religion in den barbarischen Zeiten entstellt und unkennbar geworden ist, scheitert. Sie werden sich wohl zu erinnern wissen dessen, was ich Ihnen vor nicht langer Zeit über die Einführung eines geordneteren Gottesdienstes von Seiten der hiesigen civilifirten Zuden berichtet habe. Das Berhältniß nämlich der hiesigen kleinen Anzahl sogenannter deutscher Zuven zu den streng Orthovoren war von jeher and ist es noch jetzt ein sehr mißliches. Durchdrungen von einer bessern Bildung, den Anforderungen der Zeit so ziemlich sich fügend und von den Orthodoxen deßhalb mit Geringschätzung und Verachtung angesehen, konnten sie natürlich in dem Gottesdienste der Orthodoxen keine Befriedigung, keine das innere Gemüth erwärmende und durchdringende Andacht finden. Sie mußten, wie cS sich leicht denken läßt, von der orthodoxen Mehrheit sich absondern und standen den Orthodoxen mit derselben Schroffheit gegenüber wie der Christ dem Zuden. Biele dieser deutschen Zuden verfielen in den Zndifferentismus, wie es solchen Leuten zu gehen pflegt, die die Religion, well ihre Form und ihr Ausdruck an Mangel leiden» gänzlich über den Haufen werfen. Als aber in dem benachbarten Deutschland durch die öffentlichen Organe für jüdisches Znteresse ein neuer Geist alle Gemüther ergriff und Bewegungen in der deutschen Zuvenheit hervorrief, die die besten Resultate in Betreff der Herstellung des reinen jüdischen Glaubens hoffen lassen, da erwachte auch bei den hiesigen deutschen Zuden der Eifer, eine geistige Wiedergeburt in der hiesigen Gemeinde zu bewerkstelligen. Sie thaten sich zusammen und schufen einen geregelten Gottesdienst, der dem in Deutschland wenig nachstand. Namentlich muß ich hier des Hm. vr. Zwikliz rühmlichst erwähnen, der, Urheber der ganzen Sache, auch nachher großen Eifer für dieselbe entwickelte Da aber die Gesammtzahl der hiesigen deutschen Zuden klein ist. so mußte jedes Mitglied des Vereins ein großes Opfer zur Deckung, der Kosten übernehmen, ein Umstand, der auch zur Auflösung des Vereins beitrug. Der Verein würde aber dennoch auf lange Zeit eines gedeihlichen Daseins sich erfreut haben, es würden sich ihm mehrere junge Leute angeschloffen haben, wäre nicht der Rabbiner und die gesammte hiesige Orthodoxie mit gehässiger Widersetzlichkeit dagegen aufgetreten, um das Gedeihen dieses Vereins möglichst zu verhindern. So wird manches Gute durch Unwissenheit und fanatischen Eifer der Orthodoxen in seinem Keime erstickt. Eben so wird das wohlthuende Gesetz der Regierung in Bezug auf die Trachtumwandlungen durch den Jntriguengeist der Orthodoxen in seiner gehörigen Wirksamkeit gehemmt. Möchten doch diese Finsterlinge ihre Augen öffnen und einsehen lernen, daß die polnische Tracht nichts mit der jüdischen Religion gemein habe, daß ihre Abschaffung von großem Vortheil, während in ihrem Bestehen dt« Quelle großen Druckes und jeglicher Zurücksetzung vorhanden sei. Dieser polnischen Tracht wegen sind sie verdammt in einem engen Viertel der Stadt abgesperrt und gesondert von den Christen zu wohnen und kein HauS auf dem christlichen Kasimierz zu besitzen. Es kann wahrlich keinen fürchterlicheren Aufenthaltsort geben als den, zu welchem sich hier die Zuden, fünfzehn Tausend an der Zahl, auf den engen Fleck ihres Elends zusammengedrängt haben. Durch die Annahme der deutschen Tracht aber erlangen sie das Vorrecht, entweder in der Stadt selbst zu wohnen oder auf dem christlichen Kasimierz ein Befitzthum zu haben. Und dennoch verschmähen die Orthodoxen ein so leichtes Mittel, sich ein freieres Dasein zu verschaffen, und mit ihrer unverwüstlichen Zähigkeit , mit der sie an der ganzen Vergangenheit festkleben und aller Geschichte Hohn sprechen, halten sie auch mit aller Hartnäckig, keit an dieser ihnen Druck, Verachtung und Haß erzeugenden Tracht, die sie von der übrigen Bevölkerung durch einen so grellen Contrast unterscheidet. — Zn den bürgerlichen Verhältnissen der hiesigen Zuden ist es noch immer beim Alten und zu der ohnehin unverhältnißmäßigen Abgabenlast, die sie bei der bittersten und schmählichsten Armuth hier tragen müssen, werden sie jetzt noch zu einer neuen Steuer gezwungen für die Erhaltung der östreichischen Besatzung. Von Erleichterung ihrer drückenden Lage zeigen sich auch bei der jetzigen neuen Verwaltung nicht die mindesten Spuren. Candidat Friedmann. Von der Oder, im Mai. — Bin ich auch eine geraume Zeit schon der gewöhnlichen jüdischen Sphäre entrückt, so wirkt dennoch der jugendliche Eindruck zuweilen elektrisch auf mich, und darum verfehle ich auch nicht, .so oft mir Gelegenheit geboten wird, in die Synagoge zu gehen, um da die schwere Arbeit meiner Brüder wehmüthig zu bewundern. Eine solche Gelegenheit benutzte ich auch auf meiner schlesischen Reise, während meines zufälligen sonnabendlichen Weilens in Gleiwitz. Ausser der gewöhnlichen Neugierde zu sehen, ob der Zeitgeist den Synagogendienst noch nicht in diesem eoü» cke la terre gemildert, lockte mich dieß-