Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1846)
- Date
- 1846-06-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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103 nach dem Geiste, der da sei ein Geist der Wahrheit, der Gerechtigkeit, der Liebe, des Friedens, der Heiligkeit; und der Maßstab, der von vorn herein an jede Lehre, an jedes Gebot, an jede Einrichtung, nn jede äußerlich noch so geringfügige Uebung gelegt werden müßte, sein) ihre Vernünftigkeit und Zweckmäßigkeit: Wahrheit, b) ihre Heilsamkeit für die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft: Gerechtigkeit, Liebe, Frieden, o) ihre versittlichende, veredelnde, heiligende, vergöttlichende Kraft: Heiligkeit. Diesen Principien gemäß wäre nun der ganze Bauplan, sowie der Ausbau selbst systematisch im Riffe anzufertigen und als ein gerundetes, konsequentes, in sich geschlossenes Ganzes der Genossenschaft vorzulegen; dann sehe jeder klar und wisse, was er unterschreiben solle, dann erst könne von einer Genossenschaft die Rede sein, die sich durch ihre Unterschrift gebunden und in ihrem Gewissen verpflichtet erachte, daß sie nun auch halte und vollbringe, was sie erwählt unv angenommen. Dann werde die Genossenschaft nur noch neben dem Lehrbuche, des entsprechenden CultuS und für beide, sowie für die betreffenden religiösen Akte des Lebens, der Leser bedürfen. — Abgesehen nun davon, vaß das Fundament, wie es der Vers, aufstellt des specifisch - Israelitischen, wohin wir vornehmlich die Berufung Israels (als des ersten Trägers des Glaubens an einen einigen Gott) und die an diese Berufung erinnernden Zeiten (Feste) rechnen, entbehrt, scheint es uns auch, als ob der Vers, die Schwierigkeiten, welche in der Synagoge sich der Aufstellung einest Glaubensgebäudes entgegenstellen, sich nicht vergegenwärtigt habe. Leicht ist es, wie auch die deutschkatholische Bewegung beweist — in der Kirche eine Einigung zu bringen, da es sich dort nur um ein Paar Dogmen, oder vielmehr um die Auffassung eines han- Belt. In der Synagoge hat es aber die Reform mit Tausenden von Satzungen zu thnn, die in das Leben nach allen Seiten hin eingedrungen, und wenn man frägt: Was soll von diesen blei. den, was schwinden, so wird man eben so vielfach verschiedene Antworten erhalten, als vielfach verschieden die Ansichten, Gefühle, Bedürfnisse und die meistens diese bestimmenden Gewohnheiten unserer Glaubensbrüder (und wir dürfen hinzusetzen Glaubensschweßern, da auch diese wieder ihre eigenen haben). Das haben die Frankfurter und Berliner Reformer auch eingesehen, und daher nur das aufgestellt, worin alle entschiedenen Anhänger des Fortschrittes einig sind und worauf auch alle wahrhafte Erneuerung des Zudenthums basiren muß, nämlich: die Auffassung der Schrift nach ihrem Geiste, oder, was dasselbe, die Fort- und Umbildung dessen, was nicht ewig und schlechthin wahr in ihr ist; die Verwerfung der binden, den Autorität des Talmuds und die Leugnung der Lehre von einem politischen Messias; alles Andere dem so verschieden sich äußernden indivivuellen Bedürfnisse überlassend. — Demohngeachtet glauben wir auch mit dem Verfasser, daß man wohl Seitens der Frankfurter und Berliner hätte weiter gehen und etwas mehr Spezielles, wie z. B. die Speisegesetze, die Sabbathfeier u. A., über welche Biele der fortgeschrittenen Zeitgenossen auch ziemlich übereinstimmend denken, hätte aufnehmen sollen. Man würde dann nicht nur mehr im Geiste der Religion, der vor Allem ein Geist der lauten bestimmten Wahrheit ist, und jede« Ignoriren, Verfehlen und Vertuschen auf das Entschiedenste verwirft, gehandelt, sondern sich doch wohl auch einen bessern Erfolg gesichert haben. Wir sagen einen besseren; denn daß er dann ein großartiger gewesen, daß die Reformbewegung dann allgemeine Theilnahme gefunden, glauben auch wir nicht, und zwar deßhalb, weil wir überhaupt nicht glauben, daß in Beziehung auf die durchgreifende Verbreitung einer Reform im Judenthum „die Zeit erfüllt fei". An diesem Glauben hindert uns zunächst der so wichtige Umstand, daß im Judenthum die Lossagung von dem Ueberkommenrn, von den drückenden Talmud - Satzungen mit dem Leben begann, ehe noch die Gesinnung dafür gereift war, daß man eben thatsächlich genöthigt war* jene Satzungen zu übertreten, weil fie dem freieren Lebensverkrhr, in welchen man jetzt eintrat, auf jedem Schritt und Tritt im Wege standen, aber noch entfernt blieb von dem Gedanken, daß jene Satzungen, weil fie aus einer ganz falschen Auffasiung des Judenthums, und in der ganz isolirten Stellung seiner Bekenner entsprangen, jetzt an sich nicht mehr bindend feien. Diese Erscheinung ist nicht genug zu beklagen. Sie ist die Ursache, daß bei unfern Aufgeklärten so oft kein wahres Bewußtsein von dem, was sie thun, wir meinen keine Begründung in ihrem Geiste und Gemüthe angetroffen wird; daß ihnen überhaupt der Ernst d«^Gesinnung, das innere Interesse an religiösen Fragen. wie es^ei den Fortgeschrittenen in der Kirche in so erfreulichem Grade angetroffen wird, nicht selten abgeht; und unser Trost dabei ist nur, daß nicht wir, nicht die Genossen der Gegenwart dieses verschuldet, sondern die Lehrer des Talmuds; die mit ihren Satzungep nicht minder das Leben verengten, als den Geist verdunkelten, so daß von jener Seite, wo dieses, sobald man die Juden aus ihren Ghetto's rief, zuerst empfunden wurde, auch zuerst der Widerstand sich erheben, rer von Seiten des Geistes aber nur leise und schüchtern nachkam. — Dieses führt uns auf das Zweite, was die allgemeine Verbreitung der Reform bei uns verhindert, nämlich, daß die vorzüglichsten Mittel, die geistige Erhebung zu fördern: die Predigt, der Schulunterricht die wissenschaftliche und journalistische Literatikr-, doch nur noch zu kurze Zeit bestehen, und daß fie, namentlich die beide»