Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1846)
- Date
- 1846-06-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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lOS geziemt, hätten auSdrücken müssen; aber verständlich find gewiß jene Worte allen, bei welchen die Reform bereits im Geiste gereist, und wo dieses nicht ist. da werden auch populäre Ausdrücke keinen Anklang finden, wie fie andere populäre Schriften, z. 33., die vor zwei Jahren in Berlin erschienenen Erkenntnißschriftcn, die Schrift über Gründung einer deutsch - jüdischen Kirche u. m. a. ebenfalls nicht gefunden. Bei der Synode überfieht der Vers., daß an ihre Zusammenberufung gewiß nur dann erst gedacht werd «t kann, wenn die Reform vielfältige und begeisterte Zustimmung gefunden*); dann würde fie aber auch kein „vielköpfiges Ungeheuer" sein, sondern eine Versammlung, in welcher die Begeisterung für eine heilige Sache, jede Meinungsnuance verschwinden und eine freundliche, friedliche Verständigung vorherrschen lassen wird. — Hinsichtlich der Messiaslehre endlich scheint unser Verf. noch nicht begriffen zu haben, daß auf der Abrogation jedes politischen Momentes desselben der Grundgedanke der Reform beruhe, indem durch diese Abrogation einestheils das ganze starrorthodore System mit seiner Lehre von der fortdauernden Verbindlichkeit der Ceremonialgesetze, welche die einstige Herstellung des Opfer- und PriesierdieasteS u. f. w. zu chrer Voraussetzung hat, negirt, anderntheils das innige Hineialeben deS Israeliten in den heutigen Staat und die Beschränkung seiner religiösen Aufgabe auf das streng Sittliche und eigentlich Religiöse ausgesprochen wird. In feinem Tadel zeigte fich der Verf., wie wir gesehen haben, als ein voller Hypochonder, der mit Nichts, was bisher ge. schehen, zustieden ist, sondern an Allem etwas zu mäkeln und auszusetzen findet. In den „Winken und Andeutungen", welche er nun dem Tadel folgen läßt, verläßt ihn diese hypochondrische Eigenschaft noch nicht und zeigt fich darin, daß er Manches als etwas Neues empfiehlt, was längst erkannt worde^ und was nur fein trüber Blick nicht hat wahrnehmen können. JW spricht er ein Langes und Breites darüber, daß der Schritt, ^der jetzt zu thun ein Fortschritt sein müsse, „daß die Individuen fich vereinigen und als eine Gesammtheit Dem einen Ausdruck und Gestalt geben, was fie längst schon praktisch zur Erscheinung gebracht, und daß lediglich fiir die, welche dem Prinzip des Fortschrittes folgen, reformirt werden solle, nicht für die, welche im entgegengesetzten verharren. Hingegen ist das, was der Verf. über das Schisma sagt, und Anderes aus seinen Winken und Andeutungen, wenn zum Theil auch nicht neu, doch so tapfer und überzeugend darge. stellt, daß wir es uns nicht versagen können, es in der Kürze unseru Lesern vorzuführen: *) Ä ist dieses indeß doch geschehen, wie aber Referent glaubt noch viel zu ftüh. „Schisma! Secte (bemerkt er): Zwei Worte, die in unserer Zeit die Schreckgespenster bilden, weil fie andere Gespenster nicht mehr glaubt, durch die man Alles in die Flucht zu schlagen sucht, selbst die, welche sonst vor Nichts zurückweichen und zu fliehen fich rühmen möchten. Auch die Berliner haben bereits in solcher Gespensterfurcht vor dem SchiSmatismus feierlich sich verwahren zu müssen geglaubt. Ich frage aber: 1) find wir jetzt weniger Schismatiker und Secti'rer, werden wir nicht als solche lange schon verschrieen, ohne daß es uns erschreckte und bange machte, und werden wir schlimmer, als wir find, wenn wir gesetzlich es zu werden suchen, statt der jetzigen ungesetzlichen Weise? Ist nicht ein redlicher Schismatiker, der in Uebereinstimmung und getreu mit seinem schismatischen Bekenntnisse lebt, besser, als der offene Uebertreter des Gesetzes, der nur wider Willen und nur dem Namen nach dem Bekenntnisse angehört? Sollte aber diese Reform mit Recht auch ein Schisma oder eine Sekte genannt werden können? Freilich, wenn jede noch so geringe Abweichung von dem Bestehenden durch die Gegner mit diesem Namen so gern und aus guten Gründen gestempelt wird, so wird diese Reform gewiß es fich gefallen lassen müssen, und fie hat allerdings auf mancherlei Nachtheile sich gefaßt zu halten; ob aber mit Recht, dies ist auch hier zu verneinen. Ein Schisma, eine Secte, offenbart fich in der Abweichung, Trennung und Lossagung von den wesentlichen Grundlehren und Glaubensartikeln dds allgemeinen Bekenntnisses, nicht aber in dem Unterlassen dieser oder jener Vorschrift; nicht in Abweichung von äußeren Zeichen, Gebräuchen, Formeln und Formen. Alle 613 Ge- und Verbote der mosaischen Lehre, die das rabbinische Judenthum durch Multiplication noch steigerte, werden von dem ärgsten Hyperortho. doren nicht erfüllt und er ist deshalb nicht Sectirer: wie sollten wir es sein können, obschon wir die Zahl derselben reducirten, so lange wir auf gleichem Grunde des Glaubens mit allen unfern Brüdern uns befinden und in keinem der Hauptstücke, in keiner der Grundlehren von ihnen uns trennen?" Damit sei man denn (nach der weitern Ausführung deS Verf.) auch zu dem Fundamente, auf welchem der Neubau sich erheben soll, aetgelangt. Dieses sei: Gott, Offenbarung, Lohn und Strafe: Wir glauben an Einen Gott, wir glauben an eine Offcnbarung seines heiligen Willens in dem geschriebenen Worte durch Moses und die Propheten, wir glauben an eine vergeltende Zukunft für die Befolgung oder Uebertretung des göttlichen Willens im diesseitigen und jenseitigen Leben, mit diesem Bekenntniß seien wir Israeliten, positive Israeliten, nicht nrgirende Schismatiker. Innerhalb dieser Grundartikel hätten die weiteren Lehren der Schrift fich zu bewegen, und zwar nicht nach dem Buchstaben, sondern