Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1846)
- Date
- 1846-06-07
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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184 den. Es ist dies nämlich die Sucht, ihre Rabbiner von so fern als möglich zu berufen, welche Rabbiner dann natürlich ohne tiefere Kenntniß der neuen Verhältnisse sich in allerlei verkehrten Weisen versuchen. Nachdem der mährische Rabbmer Fasse! hier angestellt werden sollte, richteten auch die Provinzialgemeinden ihre Augen auf mährische Rabbiner. Zn Tarnowitz ist sogar ein solcher mährischer Rabbiner, Namens Stark, bereits angestellt und eingetroffen. Die Regierung hat aber die Wahl nicht genehmigt, so daß Hr. Stark sich wieder in seine Heimath begeben muß. Dies wird auch auf Glciwitz seine Wirkung haben, wo der mährische Rabbiner Ncuda angcstellt werden sollte« Die Cafselsche RabbinersLelle. Cassel, 23. Mai. — Zn der letzten Zeit hat sich hier Manches ereignet, wodurch wir aus dem Schlafe aufgeweckt wurden. Ob wir uns nicht etwa, nachdem einmal wieder Athem geholt wurde, wieder allf die andere Seite legen und gemächlich fortschlafen, das wird die Zukunft lehren. Der Ortsrabbiner Fasse! aus Preßnitz hat sich um die hiesige Rabbinerstelle beworben. Er hat zweimal in der Synagoge gepredigt, um der Gemeinde offen und klar, ohne Rückhalt, seine Ansichten vorzulegen. Seinen ausgesprochenen Ueberzeugungen nach, dürfte er nun zwar nicht zu den Männern des entschiedenen Fortschrittes gehören, aber auch nicht zu denen gezählt werden, die da glauben, daß das Zudenthum ein abgeschlossenes, in sich selbst kauerndes Wesen sess auf welches weder Sonne noch Mond Einfluß üben dürfe, das dahin modere in dumpfer, feuchter Kellerluft, und so wie es ans Tageslicht kommt, auf den ersten Blick an seiner Lichtscheu und seinem Modergeruch kenntlich sei. Wir können seinen Predigten nur das Zeugniß der wissenschaftlich-religiösen Ausarbeitung, ihm aber das des ausgezeichnet guten Vortrags geben. Demnach würde man wohl annehmen können, die Gemeinde hätte nun endlich einen tüchtigen Mann gefunden*), das läßt sich nun auch nicht in Abrede stellen; aber welche neuen Manöversauftauchen werden, um dermalen die Stelle noch nicht wieder zu besetzen, das vermögen wir freilich noch nicht zu beurthcilen. Unter den Gemeinde- Mitgliedern hat Hr. Fassel sich viel Anhänger envorben, wovon wohl der deurlichste Beweis der ist, daß eine Eingabe an die Gemrindeältesten erfolgt ist, worin um seine Berufung gebeten wird. *) Bei dem noch nicht sehr fortgeschrittenen Bildungsstand der Casselschen Gemeinde mag dieses allerdings wahr sein. Die Rcdaction. Diese Eingabe zählte 163 Unterschriften, also eine starke Majorität. Hiernach möchte sich auch wohl die in mehreren Zeitunpen verbreitete Nachricht bestätigen, daß der Rabbiner Wassermann in Mähringen die Stelle erhalten habe oder erhalten werde. So viel uns bekannt wurde, und wir haben genaue Erkundigungen eingezogen, sind wenig oder gar keine Stimmen für diese Variante. So trostlos auch der dermalige Zustand in der Gemeinde ist, so würden wir ihn doch ungerne vertauschen, wenn nicht ein entschiedener, kräftiger, den Fortschritten huldigender Mann an die Spitze kommen würde. Nur keine Halbheit oder den vorherrschenden Gedanken, das Beste was du weißt, darfst du der Menge doch nicht sagen, oder gar die ihr Amt nicht des Amtes und seiner Wichtigkeit wegen, sondern des lieben Eigennutzes wegen üben. Erklärung. (Oldenburg, 20. Mai.) — Holdheims Artikel „über die Berufung auf die talmudische Reform, ein Wort zur Verständigung" (Nr. 12 und 13 des Israeliten) liegt vor mir und setzt mich einigermaßen in Verlegenheit. Stoff genug zur Duplik und Replik, zur Abwehr von unbegründeten Vorwürfen und zum weitern Versuch einer Verständigung. Denn das ist ja das Eigenthümliche des Streites um die Bedeutung des Talmuds, und der Gebrauch, der von seinem geistigen Inhalt zu machen ist, daß er nie endet und nie enden kann, daß er selbst bei gleicher Ansicht über die Geltung der Tradition als religiöse Norm, doch noch viele Differenzpunkte über unser Verhältniß zum Rabbinismus bietet weil eben dieser selbst eine flüssige Masse von Subjektivitäten und kein objektiv abgeschlossenes Ganze ist, und so auch Jeden, je nach der Subjektivität des Zeitalters, ja des Charakters und der eignen schärfern oder mildern Form des Denkens in einem andern Lichte erscheint und eine andere Seite darbietet. Aber eben, weil dem so ist, halte ich den Streit für wenig ersprießlich, pnd glaube die Zeit zu nützlichern Dingen verwenden zu müssen, selbst auf die Gefahr hin, für überwunden gehalten zu werden, fNag's dem kundigen, aufmerksamen Leser überlassen bleiben, die feineren Nüancen und haarscharfen Distinktionen, um die es sich zwischen uns handelt, aufzusuchen. Wir wollen die minder aufmerksapiett — und deren find gewiß die Meisten — nicht mit einem Kampfe ermüden, dessen Resultat sie wenig kümmert. - Wechsler. Verlag der I. C. Hermann'schen Buchhandlung in Frankfurt a. M. — Druck von Fried. Krähe in Offenbach.