Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1846)
- Date
- 1846-06-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1«Ä Euer Ehrwürden wollen uns in einer schriftlichen Antwort die Mittheilung machen, ob Sie sich damit einverftanoen er. klären, daß die Feier der zweiten Festtage jetzt abgeschafft und sie mit Ausnahme des zweiten Tages des Pcsach und Sukkoth-Fcstes, in allen Beziehungen jedem andern Werktage gleichgehalten werden könne.' Indem wir bemerken, daß wir zu diesem unserem Ansuchen von unserem Herrn Kreisrabbiner ausgefordert sind, bitten wir nur noch Jbre verehrliche Zuschrift uns bald zukommen zu lassen, weil der Eintritt des mynttf nahe bevorsteht. Mit der Versicherung der tiefsten Hochachtung u. s. w. Ifr. Freund. (Breslau, im Mai.) — Das rabbinische Iudcnthum erfreut sich in neuerer Zeit ganz eigenthümlicher Vertreter, denen sich nun auch der Lcrikog-2"l vr. Freund dahier, beigesellt hat. Er sing damit an, ein öffentliches Sendschreiben an Hrn. Dr. Geiger im Namen der großen Mehrzahl der hiesigen Gcmcindeglieder zu erlassen, dessen Inhalt diese Mehrzahl in einer an ihn veröffentlichten Adresse dcsavouirte, und fragte, wer ihn dazu beauftragt habe, und wie er sich zur Uebernahme eines solchen Auftrags qualisicirt haben würde? Darauf hat er nun ein drittes Sendschreiben der großen Mehrzahl der Mitglieder der Breslauer Jsraelitcngemeinde vom Stapel gelassen, und zwar diesmal nicht an Rabbiner vr. Geiger, sondern an Sich selbst, d. h. an die Mehrzahl selbst. Dies erschien nns anfangs nicht sehr sonderbar. Wir wußten, wie es mit der großen Mehrzahl des vr. Freund beschaffen sei, daß er sich selber zu dieser Mehrzahl machtx, und da er sich in der letzten hiesigen Reformbewegung in z!vci Personen theilte, indem er einerseits als Ungläubiger auftrat,-der von dem Mosesthum nichts wissen wolle, andererseits -her als ein Frankcljancr, der auf dem Standpunkte des historisch'- positiven Judcnthums stehen bleiben möchte, so glaubten-wir).'daß der gläubige Freund an den ungläubigen oder umgekehrt schriebe. Dem ist aber nicht so, sondern die große Mehrzahl schreibt buchstäblich an sich selbst! Sie können sich nun -leicht vorstellcn, wie schief, gedreht und gedrechselt Alles darin ist; wir wollen aber doch eine kleine Probe für die Abgeschmacktheit des Ganzen mittheilen. Das Sendschreiben enthält Pier kleine Oktavseiten und lautet unter Anderm: „Du, mein Selbst, verargst es mir sicherlich nicht, daß ich es unternehme, ein erysteS, öffentliches Wort an Dich zu richten. Damit Du nichL-etwa entmuthigt werdest, damit Du vielmehr getrost und im reinen Bewußtsein Deines ernsten Strebens den begonnenen Kampf für die Religion sortsetzest, sende ich Dir diese Zeilen, überzeugt, daß die beruhigende und ermunternde Zustimmung, die,Du von mir, mein Selbst, nach meinem vollen BewußtseEerhältst, und zwar öffentlich, vor den Augen der öffentlichen Meinung, die mir zur Seite steht (?) erhältst, daß diese,Zustimmung Dich reichlich für alle die Unbill entschädigt, die Du für Dein reines Bemühen erfahren hast." Wir zweifeln nicht, daß das „Selbst" des vr. Freund dieses Sendschreiben wohlgefällig ausgenommen und sich für die Unbill, worunter namentlich die „Adresse an vr. Freund" und die Artikel in den hiesigen Zeitungen gemeint sind, reichlich entschädigt hält. Der vr. Freund oder sein „Ich" ist indessen nicht so leicht zufriedengestellt, wie sein „Selbst." Denn er hat den Vers, der Adresse nicht nur angeblicher in)urirrrum verklagt, sondern auch bei der akademischen Behörde als einen Mitarbeiter an mehrern politischen Blättern denunzirt, in der Hoffnung, ihn so von hier fortbringen zu können. Er maß also außer „sich selbst" gcrathen sein! Zn Beidem ist es ihm aber fehl gegangen, indem die Klage abgewiesen und die Denunziation nicht berücksichtigt wurde. Dieses dritte Sendschreiben ist ganz spurlos vsrübergegangen, und auch in den hiesigen Zeitungen wurde keinerlei Notiz davon genommen. Es heißt aber, daß vr. Freund ein sehr heftiges Sendschreiben dem Censor vorgelegt, dieser aber das Imprimatur verweigert habe, weshalb es an das Ober-Ccnsurgericht nach Berlin geschickt worden. Indessen ist cs vorauszusehen, daß Vr. Freund mit aller seiner Sendschreiberei seine eigentliche Absicht, die kein Geheimm'ß mehr ist, nicht erreichen werde. Vielen Schaden hat er aber doch schon gestiftet, indem er durch sein Geschrei die neu erwachte Geiftesregung der hiesigen Resormfreunde wieder eingeschüchtert hat, wobei freilich noch gewichtigere Umstände mitwirkten. Bon der Einrichtung des Sonntagsgottcsdienstes ist nicht mehr die Rede und die ganze Reformbewcgung ist wierer cingeschlafcn. So haben sich die Breslauer Reformfreunde abermals blamirt, indem sie, wie im vorigen Jahre, auf eklatante Weise in die Oeffentlichkcit getreten und einen Aufruf erließen, bald nachher aber sich zurückzogen! Sie besitzen nicht genug Selbstbewußtsein und Willenskraft, und geben sich den Umständen zum Spielball hin. Nachschrift. — So eben ist ein „zweites Sendschreiben der großen Mehrzahl der Mitglieder der Breslauer Israeliten- Gemcinde an sich selbst" erschienen. Ueber den Inhalt und über manches Andere, nächstens. — In Rosenberg in Oberschlesicu sind unter 6 neugewählten Stadtverordneten 3 Juden. — Sehr erfreulich ist es, daß die Regierung dem Unwesen ernstlich steuern I will, welchem sich die jüdischen Gemeinden von jeher hingege-