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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1846-06-07 · Heft 23 (7.6.1846) · page 2

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 23 (7.6.1846)
Date
1846-06-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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178 sprochene oder niedergeschriebene Gesetzeswort gebübrt nicht von sich selbst ein anderes, sondern es ist gleichsam der Saame, welcher in die Zeit gestreut, unter allerlei Einwirkungen und mit allerlei Einflüssen zu einem neuen sich gestaltet. So sehr nun aber jede Entwickelung im Geistigen wie im Materiellen von äußeren Momenten bedingt ist, so sind sie doch eben als äußere dem innern Kern der Entwickelung untergeordnet, sie sind nur die Stoffe, welche dieser in sich aufnimmt und zu seinem Wesen schöpferisch verarbeitet, er ist aber die eigentliche gestaltende Lebenskraft, die auch jene durchdringt. Nur so lange diese Lebenskraft im Innern treibt, kann von einer Entwickelung die Rede sein, sobald aber sie erlischt, wird auch das Ganze zum bloßen Stoffe, welcher wobl mannigfach verändert und umgcstaltet, nimmer aber entwickelt werden kann. Die fruchrgefüllte Aehreist die gewonnene Entwickelung des gesäeten Samenkornes, aber das aus den Strobhalmen geflochtene Gewebe kann nimmermehr als die Entwickelung desselben angesehen werden. So klar und deutlich aber diese verschiedenen Begriffe im Bereiche des anschaulichen Naturlebens von einander sich sondern und in dieser Sonderung jedem Beobachter darstcllen, so bedarf es doch einer tieferen Einsicht und einer schärferen Auffassung, um sie auch auf dem geistigen Gebiete auseinander zu halten und so ins Auge zu fassen. Hier werden sie oft bunt durcheinander geworfen, indem man die bloße äußere Umgestaltung des Stoffes als die Entwickelung dieses Stoffes oder gar des ursprünglichen Lebenskernes ansiebtr Man begnügt sich mit der unbezweifelten Tbatsache der Umgestaltung, des Andersgewordenseins, kümmert sich aber nicht um die Art und Weise wie, und nicht um das, was umgestaltet worden. Gehen wir nun nach diesen allgemeinen Bemerkungen auf unsere spezielle Untersuchung ein, so finden wir auch bier die Tbatsache vor, daß das Judentbum, wie es in der Bibel sich uns offenbart, in dem talmudischen Judenthum, in dem Rabbinismus überhaupt, ein ganz anderes geworden, und es kann nur noch die Frage sein, ob dieses Anderswerden auf dem Wege der wahrhaften Entwickelung, oder vielleicht nur auf dem der bloß äußeren Umgestaltung vor sich ging; ob die treibende Lebenskraft des biblischen Judenthums auch noch das bibllsch-rabbim'sche Judentbum dnrckdringe, ob jenes sich zu diesem gleichsam becausgelebt babe. oder ob vielleicht jene Lebenskraft in diesem schon erstorben, das rein biblische Judenthum unter den Händen der Rabbinen zum bloßen Buchstaben, zum tobten Stoffe geworden sei, den diese, wie Handwerker, zu verschiedenen Gebilden bearbeiteten. In dieser engeren Begrenzung unserer Untersuchung müssen wir nun vor Allem auf die Grundideen und Anschauungen des biblischen Judenthums zurückgehen und sie dann im Rabbinismus aufsuchen, um an ihnen den Gang der Entwickelung oder Umgestaltung zu verfolgen. Eine solche Grundidee des biblischen Judentums welche das ganze alte Testament durchdringt, ist nun diese, daß Jehova, der Gott Israels, Alles, was er an und für Israel getban, durchaus nicht zu seinem, sondern einzig und allein zu Israels Frommen gethan babe, daß auch die Gesetze, welche er Israel gegeben, nur Israels Wohl bezwecken. Deuteronom. 4, 1: „Und nun Israel! Höre auf die Gesetze und auf die Rechte, welche ich euch lehre zu üben, damit ihr lebet, und kommet und das Land in Besitz nehmet rc." Ibid. V. 40: „Und du sollst beobachten seine Gesetze und Gebote . •, damit es dir und deinen Kindern nach dir wohlergehe und damit du lange lebest auf dem Lande rc." Bgl. noch ibid. 5, 16. 29. 33. 6, 2. 3. 18. .24, 25. 7, 12. 13. ff. 8, 1. 10, 12. 13. 14. 11, 9. 10. 12. 25. 28. 22, 7. 25, 15. Dieses biblische, dem Volke Israel zum eigenen Wohl gegebene Gesetz sucht daher seine Begründung, in der menschlichen Vernunft selbst. Tie Vernünftigkeit des Gesetzes wird Deuteronom. 4, 5. ff. ausdrücklich in folgenden Worten ausgesprochen: „Sieh! ich habe euch Gesetze und Rechte gelehrt, wie Jehova, mein Gott, mir befohlen, sie zu üben in dem Lande, wohin ihr kommt, es in Besitz zu nehmen, und itvr sollt sie beobachten und üben, denn sie sind eure Tüeishcit und eure Vernunft vor den Augen der Völker, welche von allen diesen Gesetzen hören und sagen werden: ein weises und vernünftiges Volk ist diese große Nation."..! Und wo gibt es eine große Nation, welche so gerechte Gesetze und Rechte hat, wie diese ganze Lehre, die ich heute vHr euch gebe?" Aber auch in den Gesetzen selbst ist nirgends die Forderung des blinden Gehorsams ausgesprochen,

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