Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1848)
- Date
- 1848-01-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2566751-2567071-2567075--2983-2570049- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
auf Erstattung der Mischetze Zwilchen Juden und Christen mit! der.! einfachen Bemerken abgelehnt, daß LicseS nicht eine nur die Juden, sondern zugleich auch die Christen betreffende Angelegenheit und der bezügliche Antrag daher Lei der Berathung eines nur die bürgerlichen Verhältnisse der Juden betreffenden Gesetzentwurfes nicht an seinem Orte sek. ES ist wahr, die Christen haben noch mehr Ursache als die Juden über diese Beschränkung ihrer persönlichen Freiheit und über wesentliche Nachthekle, die daraus für ihre bürgerlich n Verhältnisse fließen, sich zu beklagen. ES geschieht häufig, daß sie die besten und vorthellhasteflen Parthien nicht ausschlagcn, sondern auSschlageu müssen, weil der Staat eine solche Mischehe nicht gestattet. Sonst wurde dieser Uebclstand von Seiten der Christen weniger verspürt, da es Zu den seltensten Fällen gehörte, daß ein jüdischer Mann, wenn er eine Christin, oder ein jüdisches Mädchen, wenn cs einen Christen hcirathcn wollte, Anstand nahmen, durch ein bischen Taufwasser alle politischen Ehehindcrnisse wegzuspülen. Jetzt sind die Inden etwas diffkciler in diesem Punkte geworden und nicht Alle haben noch Len alten Heroismus beiöehaltcn, wegen einer Hcirath sich über jeden Skrupel eines ReligionswechselS hinweg zu setzen. Man nennt eS auch nicht mehr so schlechtweg: sich taufen lassen, sondern: die Religion wechseln, und obwohl der Name nichts Zur Sache Lhut, so fühlt man doch ein gewisses Mißbehagen in dem Gedanken, daß man im Grunde die Religion nicht wechselt, sondern die alte bcibehält, und nur vor den Leuten so thut, als wenn man sie wechselte. — Auch erregt jetzt eine solche Taufhandümg mehr Sensation im christlichen Publikum. Während man sonst diese so ganz natürlich fand und sich mehr über dis Juden wunderte. Welche sich nicht taufen lassen und allen Plackereien ein Ende machen, spricht mau jetzt davon kn einem ganz andern Tone und flüstert einander zu: der und jener habe wegen einer vortheilhaften Heirath sich öffentlich zu einem Glauben feierlich bekannt, oder zu einem Bekcnntniß geschworen, den und das sie im HerZ a verleuamn. Man sing nun auch in christliche» und noch dazu in den gebildetsten Zirkeln an, die Scheintaufe der Juden w'k gewissen andern Scheinhandlungen in Parallele Zu stellen, die sonst im bürgerlichen Leben nicht Zu den ehrenhaftesten gehören, und obwohl darüber noch viel gestritten wird, so machte dieses die Sache noch Viel pikanter und e-l.-.chanter, welches, für die, die es zunächst angeht, sch? genannt sein muß. Auch ist die Frage durch mehre Juden, welche ohne Taufe kwckencu upteS in den heiligen Qlf.iib der Ehe mit einem Christen Lecken wollen und durch das 0% Welches ihrem MrUhr und lhsrr Gesinnung in unfern li«' bcralen Kreisen gespendet wurde, zu sehr in die Oess.mtllchkeit gedrungen, welche alle deutsche Blatter ausöeuken. Dadurch, daß man im christlichen Publikum ernster über die Sache spricht und urtheilt, sind die Juden darauf aufmerksam gemacht worden und denken selbst ernster über die Sache nach. Zudem hat die Erneurung des religiösen Lebens unter den Juden selbst einen Einfluß auch in solche jüd. Familien hmerngetragen, welche persönlich an jener Erneuerung keinen Antheil genommen. Mit einem Worte, es hat sich bei den Juden in dieser Beziehung ein gewisses Ehrgefühl, eine gewisse gefinnungsvolle Scheu ausgebildet, die sie abhält, so leichten Kaufes dem Judenthume untreu zu werden und sich wegen einer Hcirath mit dem unglimpflichen Namen der Ueöerläufer schelten zu lassen. Und wer leide! darunter? Doch wahrlich nicht die Juden allein, sondern mit ihnen auch die Christen zu gleichen Theklen. Daher kommt es, daß die Christen nunmehr anfangs», diese Beschränkung auch ihrerseits Zu fühlen, und da sie nun bis jetzt allein das Wort in der Kammer führen, so ist es an ihnen, für sich und für die Juden das Wort zu ergreifen. Da nun die Jude» in Bezug auf diese Frage die Christen zu tapfer» Bundesgenossen haben, so kann ihnen der Sieg nicht lange entstehen. Das Gebetbuch der NabLiNer-DerfaMmluirg. Vom Main. Kürzlich ist wieder von Meklenburg aus in Ihrem Blatte geklagt worden, daß das Gebetbuch der Rabbiner-Versammlung so sehnlich erwartet werde und doch so lange auf sich warten lasse. Ich kann Ihnen darübcc aus sicherer Quelle Folgendes mitiheilen: Die Verzögerung ward dadurch herbeigeführt, daß die Mitglieder der Commission so entfernt von einander sind. Stein machte daher den Vorschlag, eS möchten die entfernten Mitglieder die in der Nähe von Frankfurt a. M. lebenden, unter gewissen Bedingungen ermächtigen, zugleich für sie die Sache Zu erledigen. Dagegen hatte jedoch Geiger Bedenken erhoben, und so mußte die gemeinschaftliche Berathung bis jetzt unterbleiben. — Jndeß wird derselbe zum achtzigjährigen GeburtstagSfefte feiner Mutter in Frankfurt a. M. erwartet und wird sodann hoffentlich mit Stein und den übrigen in der Nahe wohnenden Mitgliedern der Conrmissson sich einigen.— Die Rabbiner Versammlung sollte aber daraus die Lehre ziehen, daß sie nicht wieder ihre Commissionen aus so von einander entfernten Mitgliedern wählt, ein Fehler der auch Lek andern Vorlagen sehr geschadet hat.