Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1848)
- Date
- 1848-02-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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53 Vorbild in der Menschheit noch Keiner gekommen, der Potenz seiner Sütl-fümuii nach das Judcnihnm sogar eine Größeres als das Ehristenthmn vermögende Rckigionsform zu sein sich rühmen dürste. Es machte mich nicht irre, daß diese in ihrer zähen Unaustilgbarkcit jenem rastlos und ruhelos die Erde auf- und abwanderndcn Abasvcrus mit Recht verglichene Religionssorm in ihren Schicksalen und Gcschichtsphascn mir. dem leidcuschastlichen Freunde der Poesie, eine, ganz abgesehen von dem tragi'ch ergreifenden realen Pathos, von den Millionen Thräncn und dem millionenfach vergossenen Blute di-.scr Schicksale, hochpoetische, mithin auch darin schon reinmenschlich bedeutsame und ehrwürdige Erscheinung gewesen. Es inachte mich nicht irre, daß ich bei dem entschiedensten Widerwillen gegen jede Art von Proselytenmacher« mit mir selbst in beständigem Widerspruch lebte, indem ich die Juden als das, was sie religiös waren, nicht leiden zu können mich überredete, und doch im Prinzip cs billigen mußte wenn der Jude ein Jure blieb. Es machte mich endlich nicht irre, daß cs ja geringes Vertrauen ans weltüberwindende Herrsch-er kraft und die ewige Dauer des christlichen Bildungs-Prinzips setzen hieße, ans dem harmlosen Phantasma, daß noch einst ein Mosaischer Messias erstehen soll, welcher alle Völker zu seinen Füßen legen, und das Judeuthum als solches zur Drltreligion machen werde, einen politischen Vorwand hrrnehmen zu wollen, daß man die Juden als Rarion l-ass.n und ihre Rechte unterdrücken müsse, auf daß sie nicht allenfalls einst noch wirklich eine Eroberung der Erde durch Waffengewalt unternehmen konnten! Als ob die cinbittcrischen Entfthädigirngsgcvanken mit welchen cm Gekränkter und Unterdrückter sich über eine trostlose Lage hinauszuheben sich abmüht. Straft verdienten; als ob z. B. die barbarischen Mißhandlnn. gen des aekne.ttrten Pelcnthums unser Mitleid, dessen auch noch so unglückliche Al-ftchürftlungsversuchc Bewunderung und dennoch dieselben Gefühle in dem genrißhanrelieu Judenthnmc blcs Jück rigung nur Absehen verdienten: Aber so tief war einmal auch ich :n einem guten Stücke von dem was uns ftyt unter der Firma germanisch - christlicher Ausschließlichleit zu Haus und zu Hof kommt befangen; denn Nichts wirkt leider solch einen hartnäckigen Rost an dem reinen Spiegel der Menschenseclc als die dogmatische Befangenheit. Wie überzeugt seit Mem'chrngcdenken ick, davon war, und Allen auf die ich lehrend Zu wirken hatte, cs lehrte: Christus habe kein Dogma gestiftet; fei eben dadurch der größte Lehrer wahrer Menschlichkeit, rast er eine über das Dogma erhabene Religion verkündet; und sei ein Märtprer seiner Lehre geworden, weil die Dogmatiker empfanden, bei dieser Lehre sei cs mit allem Dogma aus; ich dachte oder supponirte stilleöwegs, wie der Patriarch im «Nathan:" „Thui nichts, der Jude wird verbrannt! — So sei mir doch wenigstens nach langem Jrrthum eine Gcnugthuung, auf keines Menschen Zurede, sondern aus freier und auf freies Nachdenken, was wir denn eigentlich mit unserer so viel gefeierten und so lebhaft mit Recht geforderten Denkfrcihcit, Volks-Mündigkeit und staatlicher Bildungshöhe wollen und wollen müssen, erwachsener Ueberzengung hier laut und offen diesen Widerruf auözudrücken, und meinen jüdischen Mitmenschen, meinen, ich kann mit Wahrheit sagen, in Christo und um Christi willen geliebten Mitstreitern im Reiche eines freien, gottgefälligen Bildmigsstrebens, eines aufrichtigen Anschlusses au die Bitte: „daß Gottes Reich aus Erden und in-allen Nationen komme, alle Unbill die ich ihnen bisher ans Ursache und Anlaß einer abweichenden Ncligionsausicht, mit oder ohne Wissen und Dillen angcthan, aiifrichtigft abzubitten! “ — 24. Die gouroirtdcl'ildende Kraft deS Nationalismus. Berlin. In einem über die Zustände und Hoffnungen der unter Uhlich in Magdeburg sich bürenden neuen Gemeinde belichtenden Artikel der Deutschen Zeitung voin 7. d. werden über das in der Ucberkchrift bczeichnete Thema einige Bcmerklingen ge. äußert, die wegen rer Innern Verwandtschaft, die sie mit den auch in füdischcaKrciftn oft geholten haben, uns eine crtractive Mitthcilung in diesen Blättern zu verdienen scheinen. „Jene zahlreiche neue Gemeinde" sagt der Eorresponrent, „die allerdings bis heute noch keinc Staaisgenchtnignug erhalten hat, die sich noch nicht einmal zur kirchlichen Fncr, zu kirchlichen Handlungen veEammeln darf, sic trägt doch Keime in sich, welche eine große Entwickelung versprechen. Abgesehen davon, daß, wie die Deutsche Zeitung schon mehrmals hervorgehobcn, sich die neue Gemeinde aus dem Volke gebildet hat, und daß sie das ganze christliche Material beibehätt, nur mit Vorbehalt voller Freiheit zur Verarbeit!!,ig desselben, so ist hier zum ersten Mal ein Beweis iin Großen geführt, an dessen Möglichkeit von vielen Seiten mit großer Bestimmtheit gezweifelr werden ist. nämlich, daß der Rationalismus eine gemein, dcbildcndc Kraft besitzt. Hier hallen wirklich Tausende re. | ligiöser Menschen zu einer Gemeinde eng zusammen uns lassen sich l selbst dadurch nicht ermüden, daß ihnen das kirchliche Leben vort enthalten wird; und wer die Elemente dieser Gemeinde beobachtet,; der kann nicht zwcücln, daß sich bei ihrer Gottcsvcrehriing ein - frisches, kirchliches und außerdem in ihrem Zusammenhalten ein - kräftiges Eemcindklcben entwickeln wird. Die Theologen und Po-