Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 7 (13.2.1848)
- Date
- 1848-02-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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SG die Aufmerksamkeit stark au; es lag auch Lu ihr eine Weide, durch welche jeder Profanirung des Inhaltes vorgcbeu.gr war; und mau beschrankte sich häufig auf eine angemessene Auswahl, indem mau Vieles dem spälcrn Selbststudium anheimstellte; die weibliche Jugend lernte in der Regel nur Auszüge aus der h. Schrift keunru. Jetzt aber liegt die gesammte h. Schrift in der Muttersprache vor und ist allgemein zugänglich! WaS auch Rigoristen sagen mögen, um der Benutzung der vollständigen Bibelübersetzung in Schulen das Wort zu reden, — wir vermögen nicht uns dieser Meinung anzuschließen. Gegen die Benutzung der gcsammren h. Schriften beim Unterricht der Jugend beider Geschlechter erregen u ah c li e g ende pädagogische R ü ck s i ch t e n s o u n a b w e i s bare A u st ä tt d e, und sprechen auch sonst so wichtige Bedenken, daß wir wohl annebmen dürfen, die überwiegende Mehrheit der Jugendlehrer l'oeile unsre Ansicht, welche übrigens im Judenthum auch historisch begründet ist. Schon seit uralter Zeit war es nämlich ausgesprochene Regel, bei den öffentlichen Vorlesungen der h. Schrift solche Stücke, welcke sich für das Volk nicht zu eignen schienen, nnübersetzt zu lassen. Und selbst die h. Schrift übergab man dem Volke nicht sowohl in wortgetreuer Uebersetznug, als viel mehr in Umschreibungen und Eommenrirnngen. Man suhlte ganz richtig, daß bei der überaus starken Eigenthümlichkeit des Sprachgristes, eine noch so treue wörtliche Uebcrtragung doch nicht den wahren Gehalt wiedergeben könne, und daß bei der Unmöglichkeit, der fremden Sprache die Weihe des Urrertes ciuzuhanchcu, der Inhalt in der Uebersetznug immer den Mißverständnissen und den Mißdeutungen ans gesetzt sei. Tie Erfahrung hat es hinlänglich bestätigt, wie gerecht diese Besorgnisse waren. Tie Uebcrsetzungen haben unter den Israeliten der Bibel keine neuen Verehrer gewonnen. Wir haben im Interesse der Jugend und der Wahrheit die mannigfachen und verschiedenartigen Bemerkungen über diesen Gegenstand, welche wir übrigens als hinlänglich bekannt voranssetzen dürfen, sorgfältig erwogen. Tie Einwendungen gegen die Einführung der vollständigen Bibelübersetzung in Schulen sind so triftig, und gewinnen besonders in gegenwärtiger Zeit so sehr an Bedeutung, daß cs selbst dem strengsten Anhänger des erUgegenstehenden Systems schwer werden dürfte, sie zu entkräften. Es versteht sich von selbst, daß darum dem Wertbe der h. Schriften in keiner Beziehung zu nabe getreten werden soll. ES kommt nur darauf an, eben im Geiste des historischen Jndembums den Weg zu betreten, welcher unter den Verhältnissen unsrer Zeit zum Ziele führt. Merkwürdiger Weise stellt sich bei näherer Betrachtung dieser Streitfrage noch ein anderer, sehr wesentlicher Umstand heraus, nehmlich der, daß in neuerer Zeit alle diejenigen Quellen, welche im Allgemeinen noch gar nicht übersetzt worden, auch fast unbenutzt geblieben sind. Ter überreiche Schatz an moralisch-religiösen Sentenzen und Aussprüchen aller Art, welche ehemals allen unterrichteten Israeliten geläufig, und, wie jeder Kundige zugestehen wird, unendlich wohltbnend für Geist und Gemüth waren, ist jetzt beinahe vergessen, und was ist an dessen Stelle gesetzt worden? Tiefer Mangel, der durch einige kleine Sammlungen keineswegs gehoben wird, hat noch mehr dazu bcigetragen, das Jndenthnm, beschränkt auf die biblischen Bücher und einige Brosamen späterer Sprüche, für arm an elbischen Lehren zu halten, und har auch die Thcilnal'me für dessen genauere Kenntniß vermindert. Selbst wohlunterrichtete Schüler und Schülerinnen, welche die Grnndlchrcu gut verstanden und in sich ausgenommen haben, finden daher zu ihrer sernern Bildung in religiöser Hinsicht nichts mehr vor; sic wissen kaum von einem Fortgange des Judenthums im Lause der Jahrtausende, sind für dessen Schicksale und Stellung in der Weltgeschichte gleichgültig, eben weil ihnen die nachbibliscbe Entwickelung desselben fremd geblieben. Wir dürfen aber mit Sicherheit behaupten, daß die Liebe der Inden zu ihrer Religion, auch unter der neuern freiern Anschauung ganz vorzüglich durch genauere Bekanntschaft mit der 'nachbiblischen Durchbildung der Lehre genährt worden, wie denn überhaupt eine solche Kenntniß von dem fortschreitenden innem Leben jeder Erstarrung der Begriffe vorbengt. Eine große Zahl denkender, fühlender und für die Religion begeisterter Lebrer haben unS eine Fülle von weisen Sprüchen und Lehren hintcrlassen, welche zum geistigen Eigcnlhum der jüdischen Gemeinde gehören und nur von den vielen störenden Auswüchsen, mit denen sie be-