Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 11 (14.3.1847)
- Date
- 1847-03-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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nicht. In der biblischen Zeit war das Symbol der Weg, j um zum Religionsgedanken zu kommen, heute aber ist nur der Religionsgedanke, verbunden mit gelehrter Geschichtsforschung der Weg, um das Symbol zu erkennen. Heute muß der Zweck erst erreicht sein; wir müssen den Religionsgedanken schon haben, ehe das Mittel, die Symbolik uns nur verständlich wird. Wollte man aber noch weiter gehen, sagt Herr Gutmann, und denjenigen von der Beobachtung der Ceremonialgesetze dispensiren, welcher eine so hohe Stufe der Vollkommenheit und sittliche Heiligkeit erreicht hat (davon ist gar nicht die Rede), daß er auch ohne die auf die innige Verbindung mit Gott hinweisenden Symbole (ja das ist aber gerade die Frage, ob die biblischen Symbole auch uns noch auf die innige Verbindung mit Gott Hinweisen; man sieht, Herr Gutmann hat sich vollständig den Gesichtspunkt getrübt, von welchem hier ausgegangen werden muß) die Gemeinschaft mit ihm nie aus den Augen verliere rc., so kann das immer uur von dem Einzelnen gelten, nicht aber von der ganzen Religionsgenosscnschaft. Die erhabenen Ideen der Religion und der Sittlichkeit werden zu keiner Zeit so ganz und gar in die Denk- und Handlungsweise der Menschen übergehen, daß alle äußerliche Mittel zur Veranschaulichmachung und Einschärfung derselben völlig überflüssig werden." Dieser Pessissimus, dieses „zu keiner Zeit" stimmt indeß schlecht mit Jeremias 3. 16, überhaupt mit der ganzen messianischen Hoffnung des Zudenthums. Abgesehen aber hiervon, so verwechselt auch hier wieder Herr Gutmann das, wovon die Rede ist, mit etwas Andcrm wovon nicht die Rede ist. Die Religionsgesellschaft bedarf äußerlicher Mittel zur Veranschaulichung und Einschärfung der erhabenen Ideen der Religion und Sittlichkeit? Aber die Frage ist: Dient die mosaische Symbolik auch uns noch zur Veranschaulichung und Einschärfung der Religionsidecu? Ist die mosaische Symbolik auch uns noch das geeignete Mittel zu diesem Zweck, oder müssen wir heute auf andere Mittel sinnen, die uns das werden sollen und sein können, was die mosaische Symbolik ihrer Zeit war? Herr Gutmann giebt ja zudaß die mosaische Symbolik in der jüdischen Religionsgeschichte längst das nicht mehr ist, was sie ursprünglich sein sollte, daß sie von einem sinnbildlichen zu einem „unfruchtbaren sinnlichen Gottesdienste" herabgesunken; so müßte ja die Verständigung, sollte ich meinen, zwischen uns leicht sein. Schon dem bisherigen Judenthum war also die mosaische Symbolik kein geeignetes Mittel mehr, wie hätte sie sonst so tief sinken können! Woher soll sie es nun auf einmal für das Künftige werden? Gebt uns den mosaischen Staat, die mosaischen Menschen, die mosaischen Verhältnisse zurück; streicht eine dreitausendjährige Entwickelung des menschlichen Geistes: nicht eher wird die mosaische Symbolik das der Menschheit wieder leisten, was sie ursprünglich geleistet. Hiemit ist denn auch Alles beseitigt, was Herr Gutmann in einer Anmerkung gegen vr. Holdheim und zur Vertheidigung einer Stelle in meiner Schrift „die Reform" vorbringt. Allerdings hatte ich in dieser Schrift den Unterschied zwischen der Symbolik, deren wir auch heute noch bedürfen, und der mosaischst noch nicht gemacht. Jene wird flüssiger Natur sein, eingestandenermaßen nur für eine gegebene Bildungsstufe passen; die mosaische Symbolik wird aber als etwas ewiges, nie wanken sollendes, so ewig wie die ewig wahren Religionsgedanken, aufgcfaßt. „Gesetzt aber auch, fährt Herr Gutmann fort, es könnte einmal eine solche Zeit eintreten, wo die Religionsgedanken so Allgemeingut geworden sind, daß sie Jedem schon mit der Erziehung ins Herz geschrieben werden, wer bürgt uns dafür, daß sie bei einem Theile wenigstens nicht wieder verloren gehen können? Zeigt nicht die Geschichte fast aller Nationen ein Steigen und Fallen in der geistigen und sittlichen Bildung der Menschen?" Es ist dieses schon erledigt. Sind Mittel zur Veranschaulichung und Einschärfung der Religionsideen nöthig, so biete man uns solche, verweise uns aber nicht auf die mosaische Symbolik, die uns nichts mehr veranschaulicht und nichts mehr einschärft. Wer bürgt denn Herrn Gutmann dafür, daß nicht die mosaische Symbolik abermals mißverstanden werden kann, da sie schon einmal zu einem „sinnlichen Gottesdienst" herabsank? Wir unserer Seits müssen uns übrigens mit Hinweisung auf Jeremias 3 t, 35 ff. gegen dieses „wieder Verlorengehen der sittlichen Kraft," gegen diese Theorie „des Steigens und Fallens in der geistigen und sittlichen Bildung der Menschen" verwahren. Nur das Volk, dessen sittliches Princip in sich unwahr ist, wie das der alten heidnischen Völker, muß von seiner eingebildeten Höhe herabsiuken; denn die Menschheit bleibt nie bei einem unwahren Principe stehen. Wo