Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 10 (7.3.1847)
- Date
- 1847-03-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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74 unb die Weihe gar nicht geboten werde? Denn wo und wann es heißt: Du sollst den Sabbath heiligen, folgt die Erklärung unmittelbar: Du sollst keinerlei Arbeit verrichten. Daß aber die Weibe und Heiligung unabhängig von dem Arbeitsverbot im Mosaismus als selbstständig geboten oder erwähnt werde, vermögen die Gegner nicht zu beweisen. Daher sind wir in unserem Rechte, wenn wir im Mosaismus Weihe und Ruhe identisch finden, nämlich Weihe durch Ruhe, und in der Ruhe die symbolische Form der Weihe erblicken. Aber Hr. A. Adler will die symbolische Auffassung des Sabbath durchaus bestreiten. „Der Sabbath kann nur Symbol sein", sagt er S. 75, „wenn er einen aktiven Zweck hat, hier also die Weihe und Heiligung erzielen will. Die Ruhe als eine bloße Negativität kann unmöglich Objekt eines Symbols sein." Es ist eigen, daß die meisten Mitglieder, den Präsidenten ausgenommen, welche die symbolische Sabbathbedeutung bestreiten — und Hr. A. Adler zuallererst — sie hinterher doch wieder eingestehen; doch hiervon später. Aber wer hat denn Hrn. Adler gesagt, daß die Ruhe eine bloße Negativität sei? Schon das Nichtarbeiten und Nichtschaffen, der Widerstand, der dem Arbeits- und Schöpfungstrieb geleistet wird, ist keine bloße Negativität. Aber das Ruhen ist von dem Nichtarbeiten verschieden, ist im Mosaismus allerdings etwas Positives, ist Weihe, freilich nur eine symbolische Weihe, aber der Mosaismus scheidet diese nicht von einer andern Weihe in unserem Sinne, wie die Reflexion es thut, ihm ist die symbolische Weihe, die symbolische Eottesverehrung, sei diese symbolische Form was immer für eine, eine wirkliche, thätige Weihe, eine wirkliche, thätige Gottesverehrung. „Die Ruhe als bloße Negati- Vttät", meint Hr. A., „kann unmöglich Objekt eines Symbols sein"; dies ist sie auch nicht: Objekt des Symbols ist nicht die Ruhe, sondern dasjenige, was die Ruhe symbolisirt, die Idee der Ewigkeit und Heiligkeit Gottes, die sie durch sich selbst bekennt und sich aneignet, und diese Idee ist mitnichten eine bloße Negativität, ist vielmehr Pofitivität im strengsten Sinne des Wortes. — Hr. A. fährt fort: „Alle symbolischen Vorschriften in unserer Religion befehlen sämmtlich die Ausübung einer Handlung oder die Unterlassung zum Behufe einer Thätigkeit, niemals aber eine reine Negativität als solche." Für diese so apodiktisch hingestcllte Behauptung aber ist Hr. tl. den Beweis schuldig geblieben und eS können eine Menge von Beispielen angeführt werden, die das gerade Gegentheil beweisen. Es ist eben charakteristisch in der mosaischen Religion, daß sie in dem mosaischen Cultus, wovon das Opfer nur Mittelpunkt ist, welchen sie anordnet, eine eben so große und vielleicht größere Anzahl — wie die Zählung der Rabbinen ergeben hat — vor» reinen Unterlassungen, als Thätigkeiten vorschreibt. Wenn der symbolisch Unreine ein symbolisch Geheiligtes nicht berühren, in das Heiligthum nicht kommen durfte re., so ist dies eine reine Negativität. Hr. S. Aub hat schon so etwas behaupten wollen (Zeitschr. f. d. Inter, d. Zudenth. 1845 S. 411), dem aber Hr. S. Hirsch im Lit.-Bl. d. Jsr. 1846 Nr. 3 und ich (Religiöse Stellung des weibl. Geschlechtes S. 32) entgegengetreten sind. Es ist vielmehr unbestreitbar gewiß, daß das Gebiet der symbolischen Gottesverehrung des Mosaismus auch Unterlassungen umfaßt, und die Sabbathruhe an und durch sich entwickelte im Alterthum gewiß eine größere symbolische Kraft als manche andere Thätigkeit, die später zu ihr hinzugetreten. Nur dem modernen Reflerionsmenschen ist dieser innere Zusammenhang zwischen der Ruhe und der durch sie dargestellten Idee wie auch der Verschmelzungsprozeß beider im Gcmüth des Menschen abhanden gekommen, daher sträubt sich die moderne Reflexion diese Thatsache auf dem biblischen Standpunkt anzuerkennen und möchte ihr unbewußt eine andere substituiren, wogegen aber die historische Betrachtungsweise, welche den allmähligen Uebergang des symbolischen Cultus in einen sittlichen und innerlichen in der geschichtlichen Entwickelung des menschlichen Geistes.zu erforschen strebt, aufs Entschiedenste protestiren muß. Nachdem Hr. A. nicht die symbolische Sabbathbedeutung selbst, sondern die von seinem Bruder S. Adler und Hirsch gegebene Erklärung dieser Bedeutung in Bezug auf die Güte der Welt S. 76 bestritten, gibt er uns eine andere Erklärung vom Sabbath. „Die h. S., sagt er, bringt den Sabbath immer in Beziehung mit der Ruhe Gottes und dem Segen Gottes, und dies allein ist in Wahrheit die Bedeutung des Sabbath. Gott ist nicht Prinzip der Welt und Seele der Welt, so daß er in und an ihr, als einem äußeren Gegensatz selbst erst zur Entwickelung kam, sondern das aus der Schöpfung der Welt in seine Idealität Zurückgekehrte und über dieselbe Freiwaltende, und so soll der Mensch ebenfalls aus der Beschäftigung mit der materiellen Welt am Sabbath in sich selbst zurückkehren, seinem Geiste und seinem Gotte leben? Aber wodurch soll und kann der Mensch, in sich selbst zurückkehrend, seinem Geiste und seinem Gotte leben? Auf mosaischem Standpunkte gewiß durch nichts Anderes als indem er dem Schaffen und Wirken, der Beschäftigung mit der materiellen Welt entsagt, d. h. durch Ruhe. Hr. A. Adler denkt sich unter dem „leben seinem Geiste und seinem Gotte" ganz was Anderes, etwas, was man im modernen Wortsinne „geistiges Leben" nennt, wie z.B. Andacht, Belehrung, Nachden-