Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 9 (28.2.1847)
- Date
- 1847-02-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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69 zu sehr mit Politik beschäftigt, um viel an Religion zu denken; die bürgerliche und sociale Emancipation ist erfolgt, und man hat nur zu wünschen, daß es beim Alten, und überdies jeder bei seiner Weise belassen werde; diesem Wunsche glauben wir die Wahl des Herrn Ennery zuschreiben zu dürfen, also dem graden Gegentheile eines Neformbestrebens. DieS erklärt sich übrigens aus dem religiösen Bildungsstande der französischen Juden im allgemeincn, welche großentheils aus dem Elsasse stammen, und noch wenig gelernt und nichts vergessen haben; die Minderheit, aus welcher ihrer socialen Stellung wegen die Mitglieder des Centralconsistoriums gewählt werden, hat nur geringe Sympathieen für das Judenthum, und braucht glücklicher Weise für die französische Judenheit keine zu haben, kann daher wegen der Zukunft ruhig der Umgebung, den Sitten und den Institutionen des Landes vertrauen; die vollständige Umwandlung der dortigen Juden in Franzosen wird ohnehin nicht ansbleiben. Rabbinerwahl in Mecklenburg-Schwerin. (Aus Mecklenburg-Schwerin, im Febr.) — In unserem Laude grht's nun recht lebhaft zu. Die Wahl eines Landesrabbiners steht demnächst bevor und ist der Wahltag, an welchem der Oberrath in Schwerin sich vereinigen wird, auf den 15. März festgesetzt. Wie zu erwarten stand, haben sich viele Candidaten gemeldet, und kann es als Vorbedeutung, daß ein Rabbiner des 19ten Jahrhunderts gewählt werden wird, angesehen werden, daß die Anzahl der Bewerber die Ziffer 19 erreicht hat. Müßten sie, wie dies bei christlichen Predigerwahlen üblich ist. sämmtlich gleichzeitig persönlich erscheinen, so könnte, da auch Hold he im noch hier ist, aus dem Stegreif eine Rabbinervcrsammlung ohne besondern Kostenaufwand Seitens der deutschen Judenheit in Schwerin abgehaltcn werden, in welcher die Mitglieder der altern Rabbinerversammlungen , wenn diese anders unter sich einig wären, die geistig überwiegende Majorität bilden würden. Das wäre recht interessant, wenn statt Probepredigten die Sabbath-, Ehe - oder Speisegesetze-Frage wissenschaftlich verhandelt würde, und jeder einzelne Rabbiner in seinem Votum statt der Rücksichten auf seine alte von den Aussichten auf seine neue Gemeinde sich leiten und bestimmen ließe. Das gäbe eine Rabbinerversammlung h la Vraunschweig! Denn, daß der Boden, den Hold he im seit länger als sechs Jahren bearbeitet, für die magere Saat des gemäßigten Fortschrittes zu fett ist, und daß ein Mann, der diesen zur Devise sich gewählt, hier keiner Sympathien zu gewärtigen hat, mag die Klage des treuen Zionswächters beweisen, daß Holdheims unheilsschwangrre Aussaat überall Früchte des Verderbens getragen und unverbesserlichen Schaden angerichtet habe. Ein so unpartheiisches Zeugniß seiner Feinde ist, däucht uns, schlagender als das seiner Freunde, die nur in der Wahl eines Mannes seiner Richtung und Gesinnung eine Garantie des in Mecklenburg gesicherten Fortschrittes erblicken. — Unter den Bewerbern um sein Erbe befinden sich viele der ausgezeichneten Mitglieder der Rabbinerversammlung. Von den übrigen ist noch hervorzuheben: Aub in Baireuth; Meyer in Hechingen; Hirschfeld in Wollheim; Frensdorf in Hannover; Sachs in Lichtenstädt und noch viele dunkle Namen. Wie man hört, soll Hirsch seid durch Dr. Sachs in Berlin an ein dortiges renommirres Handlungshaus empfohlen worden sein, daß dieses seine Connerionen in Mecklenburg zu seinen Gunsten geltend machen möge, welches geschehen und dem geantwortet sein soll, daß man von der praktischen Tüchtigkeit des Dr. Hirschfeld bis jetzt noch nichts gehört habe und sich auch nicht erinnere, seinen Namen in den Protokollen der deutschen Nabbinerversammlungen, an welchen die wackersten und ausgezeichnetsten Theologen Deutschlands sich betheiligten, gelesen zu haben. Das Anmeldungsschreiben des Dr. Hirschfeld soll sehr interessante Momente enthalten. Erstens halte er es eines Rabbiners für unwürdig, sich selbst um eine Stelle zu bewerben, er müsse berufen werden, da jedoch der Oberrath anderer Meinung sei, so ordne er seine Ansicht von dem was eines Rabbiners würdig, der des Overraths unter. — Ferner spreche er sein orthodor-gemäßigt-reformatorisches Glaubensbekenntniß aus und wolle darüber die Ansicht des Oberraths wissen, ob es mit der seiuigin übereinstimme. Ob, wenn der Oberrath wie hinsichtlich der öffentlichen Concurren; auch in dieser Beziehung seine bestimmte Ansicht kundgegeben hätte, er dieser die seinige unterzuordnen bereit gewesen wäre, ist. wie man hört, in dem Briefe nicht deutlich ausgesprochen. Znbeß ist dem Dr. Hirschfeld doch Unrecht geschehen, und scheint der Oberrarb, welcher statutenmäßig die Interessen der Mecklenburgschen Juden zu wahren hat, in der Zeitschrift für die Interessen des Judenthums nicht bewandert zu sein, aus welcher er leicht hätte er>'ehen können, daß wenn Dr. Hirschfeld auch in den Rabbinerversammlungen, wie sie sind, nicht erschienen, er doch in der Rabbinerversammlung, „wie sie sein soll", ganz allein ausgetreten ist. Die bevorstehende Wahl, die um so wichtiger ist, als es sich um die Sicherstellung theurer, mühsamer Errungenschaften handelt, beschäftigt und intrresfirt die Gemüther ungemein lebhaft. Man ist über das Prinzip, welches bei der Wahl das herrschende